Freitag, 31.05.2019

Foto: Markt und Mittelstand/Jens Kemle

Dat wird schon: Petra und Dirk Klüppelberg blicken stolz, aber auch mit Demut auf das vergangene Vierteljahrhundert zurück.

Personal
Unternehmen für Werkzeugmaschinenbau und Service

Seit einem Vierteljahrhundert trotzen Petra und Dirk Klüppelberg allen Widrigkeiten

Mit der Lizenz zum Löten: In den vergangenen 25 Jahren haben Dirk und Petra Klüppelberg ihr Unternehmen im rheinischen Kerpen am Markt etabliert. Geprägt haben sie aber auch mehrere Rückschläge.

Die sogenannte Gleichmäßigkeitsprüfung ist eine Disziplin im Motorsport. Die Herausforderung besteht darin, einen Rennparcours innerhalb einer vorgegebenen Zeit zu absolvieren – je geringer dabei die Abweichung zur Vorgabe ist, desto besser. Der Unternehmer und Hobbyrennfahrer Dirk Klüppelberg hat mit seinem Porsche-Oldtimer regelmäßig an solchen Prüfungen teilgenommen. „Dafür muss man die Streckenführung kennen und sein Auto beherrschen“, sagt der 58-Jährige.

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In seiner länger als 40 Jahre dauernden beruflichen Laufbahn war ihm dies trotz guter Marktkenntnisse und technischer Versiertheit nicht immer vergönnt. Auf die vergangenen 25 Jahre seines Unternehmerlebens blickt Klüppelberg deshalb mit einer Mischung aus Stolz und Demut zurück. „Ich habe viel erreicht, aber ich hätte zwei Mal auch fast alles verloren“, sagt der Kerpener nachdenklich. Heute setzt sein Unternehmen für Werkzeugmaschinenbau und Service mit zwölf Mann gut 2,5 Millionen Euro im Jahr um.

Auf gutem Weg – dann der Schock

Aber der Reihe nach: 1994 gerät sein damaliger Arbeitgeber, die Maschinenfabrik Herrmann Kolb, in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Dem gelernten Elektriker, der bei Kolb als Monteur und Projektleiter weltweit im Einsatz ist, kommt die Krise nicht ungelegen – er will sich ohnehin lieber etwas Eigenes aufbauen. „Als mein Mann kündigte, hatten wir gerade gebaut und ich war schwanger“, erinnert sich seine damalige Frau Petra, die bei Kolb jahrelang als Assistentin des Vertriebsleiters tätig war. Die Geschäftsidee steht schnell fest: „Die Kunden benötigten ja auch weiterhin jemanden, der ihr Maschinen warten konnte und wir wussten, dass viele mit dem Service unzufrieden waren. Da wir viele Kunden und Maschinenführer persönlich kannten, war ich mir sicher, dat wir dat hinkriegen“, erzählt er mit rheinischem Einschlag.

Mit der Lizenz zum Löten ausgestattet umfasst der Service zu Beginn vor allem Reparaturen. Einige ehemalige Kollegen von Kolb folgen ihm nach der Pleite in die neugegründete Gesellschaft: „Dadurch haben wir schnell qualifizierte Leute bekommen, die sonst schwer zu finden sind. Wenige Jahre danach haben wir auch begonnen selbst auszubilden“, sagt Petra Klüppelberg, die das Personal, die Finanzen und die Administration verantwortet. Mit fast 30 Mitarbeitern kann der Betrieb Anfang des Jahrtausends auch größere Reparaturen, Umbauten oder die Ersatzteilbeschaffung schultern.

2001 dann der Schock: Dirk Klüppelberg verunglückt schwer mit seinem Motorrad. 13 Operationen und drei Jahre Reha, davon ein Jahr stationär, sind nötig, bis er wieder laufen kann. Auch für das Unternehmen ist der Unfall eine heftige Zäsur. „Meine Frau uns unsere Leute mussten sich alleine um alles kümmern. Wenn sie sich nicht so reingekniet hätten, wären wir pleite gegangen“, erinnert sich Klüppelberg.

Retrofit ist Herkulesaufgabe

Seine Einstellung zu Job und Leben verändern sich durch den Unfall deutlich. Privatangelegenheiten seien ihm seitdem mindestens genauso wichtig wie geschäftliche. Er arbeitet weniger und versucht, seine Mitarbeiter jeden Tag mit Wertschätzung zu behandeln. Dazu gehört auch, dass er seinen Mitarbeitern die Aufgaben weitermachen lässt, die vor dem Unfall sein Metier waren: „Es demotiviert Leute, wenn man ihnen Verantwortung wegnimmt, obwohl sie ihre Sache gut machen“, sagt Dirk Klüppelberg.

2004 erweitert der umtriebige Unternehmer sein Portfolio und bietet auch die Modernisierung technisch veralteter Maschinen durch den Einbau neuer Steuerungs- und Fertigungskomponenten an (Retrofit). Was sich simpel anhört, ist buchstäblich eine Herkulesaufgabe: Denn viele der in die Jahre gekommenen Kolb-Maschinenstände sind so groß wie eine Doppelhaushälfte, und die Generalüberholungen erstrecken sich oft über mehr als ein halbes Jahr. Aber sie spülen auch siebenstellige Beträge in die Kasse. Nochmal vier Jahre später erweitert Dirk Klüppelberg sein Angebot auf bautechnische Sonderlösungen der Losgröße eins. Die Bearbeitungsmodule, die der Betrieb selbst konstruiert, verkürzen die Rüstzeiten und können die Jahreskapazität eines Bohr- und Fräswerkes deutlich erhöhen. Das Unternehmen bietet nun fast alle Dienstleistungen für Maschinen aus einer Hand an.

Info

Zahlen & Daten

Klüppelberg GmbH & Co. KG

  • Gründung: 1994
  • Umsatz: 2,5 Millionen Euro (2018)
  • Exportanteil: 80 Prozent (2018)
  • Mitarbeiter: 12
  • Sitz: Kerpen

Neue Kunden finde, aber auch alte halten

Dann schlägt im Jahr 2009 die Wirtschaftskrise brutal zu. „Der Auftragseingang brach um mehr als 70 Prozent ein“, erinnert sich Klüppelberg. Wieder steht das Unternehmen mit dem Rücken zur Wand. Die Rettung bringt diesmal ein befreundeter Wirtschaftsprofessor. Er durchleuchtet die betriebswirtschaftlichen Kennziffern und stellt einen stufenweisen Krisenplan auf. Das bedeutet heftige Einschnitte. Um zu überleben, muss sich Klüppelberg von drei Mitarbeitern trennen und Kurzarbeit anmelden. Doch die Radikalkur zeigt Wirkung – langsam, aber stetig arbeitet sich die Firma aus der Krise heraus. Drei Jahre nach der Fast-Pleite steht das Unternehmen wieder stabil da und bekommt viele Nachholaufträge.

Wie der Motorradunfall ist auch die Krise für den ehrgeizigen Unternehmer ein heilsamer Schock. Er behält nun die Kosten genauer im Blick und geht bei Neugeschäften bedachter vor. „Mir wurde klar, dass eine Firma eher pleitegeht, wenn sie zu viele Aufträge hat, als zu wenige“, erklärt Dirk Klüppelberg. Seine Grenze liege heute bei maximal zwei Großprojekten im Jahr. „Alles andere kann man mit zwölf Mitarbeitern auf Dauer nicht leisten – oder es wird gepfuscht“, ist er überzeugt. Komme heute ein neuer Auftrag herein und habe das Unternehmen keine freien Kapazitäten, müsse der Kunde eben warten oder eine andere Firma beauftragen. Dirk Klüppelberg geht es heute weniger um schnelle Erfolge, als vielmehr um nachhaltige Geschäfte.

Obwohl der 58-Jährige noch nicht ans Aufhören denkt, hat er begonnen, das Feld zu bestellen. Sein Sohn und potentieller Nachfolger wird noch in diesem Jahr seine ersten unternehmerischen Gehversuche im elterlichen Betrieb unternehmen. Bis zu seinem Ruhestand will Dirk Klüppelberg „noch ein paar neue Kunden gewinnen“. Vor allem aber hat er sich vorgenommen, die alten zu halten. Das ist nicht selbstverständlich, obwohl viele seiner Bestandskunden mit ihm im vergangenen Vierteljahrhundert durch dick und dünn gegangen sind. Seinen Rennoverall hat der Unternehmer zwar mittlerweile an den Nagel gehängt. Aber aus seinen alten Rennfahrertagen weiß er noch, dass Erfolg und Professionalität auch immer eine Frage von kontinuierlicher Performance ist.

Der Text stammt aus der Mai- und 25-Jahre-Jubiläums-Ausgabe von „Markt und Mittelstand“. Hier können Sie das Magazin kaufen oder abonnieren.