Mittwoch, 21.12.2016
Neue Heimat Hamburg: Tausende Flüchtlinge sind in der Hansestadt untergekommen.

Foto: Matthias Schmidt

Neue Heimat Hamburg: Tausende Flüchtlinge sind in der Hansestadt untergekommen.

Personal
Flüchtling als Mitarbeiter

Die Ausländerbehörde antwortet nicht

Ein Hamburger Unternehmer will einen Flüchtling einstellen. Der will auch für ihn arbeiten und ist für die Stelle qualifiziert. Doch eine Arbeitserlaubnis zu bekommen, ist nicht so einfach.

Ein erster Schritt ist geschafft. Gunnar A. Baumert hat einen neuen Praktikanten. Ob er den allerdings nach Ende des Praktikums weiter beschäftigen darf, entscheidet sich erst im Januar. Denn der junge Mann stammt aus Syrien und kam als Flüchtling nach Hamburg. Baumert arbeitet in der Hansestadt als geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens HTK-Hamburg. Mit insgesamt 26 Mitarbeitern vertreibt er Produkte aus der Gastechnologie in Deutschland und europaweit.

34.000 geflüchtete Menschen haben in Deutschland nach Angaben des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bisher einen Job gefunden, Tendenz steigend. Denn es scheint eine Win-Win-Win-Situation zu sein: Die Geflüchteten profitieren, weil sie eigenes Geld verdienen und schneller Sprache und Kultur kennenlernen. Der Staat profitiert nicht zuletzt davon, dass er weniger Sozialleistungen zahlen muss. Und die Unternehmer freuen sich über die zusätzlichen Bewerber. Der Fachkräftemangel gilt insbesondere im deutschen Mittelstand als eines der größten Probleme überhaupt.

„Das, was wir suchten“

Baumert kann das bestätigen: „Ich verbringe einen erheblichen Teil meiner Arbeitszeit mit Vorstellungsgesprächen“, sagt der Unternehmer. Aber die meisten Bewerber, die sich bei ihm vorstellen – deutsche wie ausländische –, seien ungeeignet. Anders der junge Mann aus Syrien, den er im September 2015 auf einer Veranstaltung der Handelskammer kennenlernte, auf der Flüchtlinge und Unternehmen zusammengebracht werden sollten. „Er war genau das, was wir suchten.“ Der Mann ist Anfang zwanzig. Seinen richtigen Namen möchte er in den Medien nicht lesen. Wir nennen ihn daher Omar Al-Said.

Al-Said war einige Monate zuvor über die Mittelmeerroute und Italien nach Hamburg gekommen. Als Baumert ihn kennenlernte, sprach er schon passabel Deutsch. Was er nicht hatte: eine Arbeitserlaubnis. „Er war aber sehr daran interessiert, bei uns zu arbeiten“, erinnert sich Baumert. Als der Prozess der Erteilung der Arbeitserlaubnis in den nächsten Wochen stockte, habe Al-Said immer wieder nachgefragt und seinen Wunsch bekräftigt, bei HTK anzufangen. Baumert: „Bei einem deutschen Bewerber habe ich das noch nie erlebt.“

Baumert wollte Al-Said, der nach eigenen Angaben in seiner syrischen Heimat eine Universität besucht hatte, einen Praktikumsplatz anbieten – mit Aussicht auf eine anschließende Ausbildung in seinem Unternehmen. Doch zuvor musste Baumert im Rahmen einer Vorrangprüfung nachweisen, dass der junge Mann aus Syrien keinem Deutschen den Job wegnehmen würde. Das dauerte laut Baumert eineinhalb Monate – war aber noch der einfachste Schritt.

„Schritt in die richtige Richtung“

Denn auch im Sommer 2016 – immerhin ein dreiviertel Jahr nach ihrem ersten Treffen bei der IHK – besaß Ali-Said noch keine Arbeitserlaubnis. Obwohl Baumert dort mehrfach vorstellig zu werden versucht, lehnt es die Ausländerbehörde ab, Al-Said die Erlaubnis zu erteilen. „Als Begründung wurde uns dort gesagt, dass er ja über Italien eingereist sei und dort schon Asyl beantragt habe“, erinnert sich Baumert. Grundsätzlich sei deshalb Italien für ihn zuständig. Doch die Dublin-II-Verordnung, wonach das Ersteinreiseland für das Asylverfahren zuständig ist, wurde im Herbst 2015 zumindest bei syrischen Flüchtlingen faktisch nicht angewendet. Was daraus für die Erteilung von Arbeitserlaubnissen folgt, bleibt aber auch nach Recherchen von Markt und Mittelstand (MuM) unklar. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) teilt auf MuM-Nachfrage mit, nicht zuständig zu sein, und verweist an die für Al-Said zuständige Ausländerbehörde in Hamburg. Von der ist jedoch trotz mehrfacher Kontaktaufnahme auch nach einer Woche keine Antwort zu erhalten.

Baumert will sich mit der Ablehnung durch die Hamburger Ausländerbehörde nicht zufriedengeben. Gemeinsam mit Al-Said legt er Einspruch ein. Und wartet erneut. „Das Schlimmste war, dass man nirgendwo eine tragfähige Auskunft bekommt“, sagt er. Erst nach  langwierigen und anstrengenden Gesprächen und, wie Baumert sagt, auch aufgrund der Kontakte, die er unter anderem als Mitglied  der Hamburger CDU hat, wird das Praktikum genehmigt. „Ein Schritt in die richtige Richtung“, sagt der Unternehmer. Mehr aber auch nicht. Denn ob Al-Said von Februar 2017 mit einer Ausbildung weitermachen darf, ist bis dato nicht geklärt.

Integration beim Rauchen

Wie viele Fälle es gibt, in denen geflüchtete Menschen arbeiten wollen und auch von Unternehmen eingestellt würden, das Ganze aber an der Arbeitserlaubnis scheitert, ist unklar. Gegenüber MuM erklären das BAMF und die Bundesagentur für Arbeit unisono, keine solchen Zahlen zu erheben. Auch die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration kann nicht weiterhelfen, ihre Pressestelle verweist für diese Zahlen zurück an die Arbeitsagentur.

Praktikant Al-Said hat sich mittlerweile bei HTK eingelebt. Auch wenn es anfangs kleinere Alltagsprobleme zu meistern galt. Zum Beispiel in den Raucherpausen. Nach ein paar Tagen, erinnert sich Baumert, sah er, dass bei der Pausenzigarette alle miteinander sprachen, nur Omar an der Seite stand. „Das geht ja gar nicht“, dachte sich Baumert – und sprach seine Mitarbeiter darauf an: „Nach fünf Minuten war das geklärt. Die hatten einfach Angst, etwas Falsches zu sagen.“ Dass eine feste Arbeitsstelle die Integration von Geflüchteten erleichtert, dessen ist sich Baumert sicher. Denn: „Wie sollen sich die Leute integrieren, wenn sie immer nur im Flüchtlingsheim sitzen und nichts zu tun haben?“ 

Info

Was zu beachten ist, wenn man Flüchtlinge einstellen möchte, treibt derzeit viele Unternehmer um. Wir haben die wichtigsten Infos gesammelt - und berichten, wie sich Theorie und Praxis unterscheiden. Hier finden Sie eine Übersicht über unseren Themenschwerpunkt "Flüchtlinge und der Arbeitsmarkt".