Montag, 23.05.2022
Personal
Arbeitskräftemangel

Die Deutschen arbeiten zu wenig

Handwerker sind nicht zu bekommen, die Unternehmen finden keine Bewerber für offene Stellen, Aufträge bleiben liegen. Einer der bekanntesten deutschen Ökonomen wagt sich deswegen zum ersten Mal von einer ganz neuen Seite an das Thema Sein Vorschlag: Einfach mehr arbeiten. Sollte also die 40-Stunden-Woche verschwinden?

Bildnachweis: picture alliance / Klaus Rose | Klaus Rose

 

Der Slogan der Gewerkschaft IG Metall aus dem Jahr 1984 lautet „Mehr Zeit zum Leben, Lieben, Lachen“. Unter diesem Motto hatte die Arbeitnehmervertretung damals einen der längsten Streiks in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland angezettelt. Es geht um die Verkürzung der Arbeitszeit von 40 auf 35 Stunden in der Woche. Die Gewerkschaft will vor allem eines erreichen: Arbeitsplätze für die 2,5 Millionen Erwerbslose schaffen.


Im Jahr 2022 klingt die Bestandsaufnahme der IG Metall so: „Der Fachkräftemangel nimmt in allen Berufen wieder zu. So fehlten im September 2021 knapp 390.000 Fachkräfte. Der Deutsche Gewerkschaftsbund fordert deshalb eine nachhaltige Strategie für mehr Fachkräfte.“ Fehlende Fachkräfte seien seit dem Sommer 2021 zu einem weitaus häufigeren Hemmnis für die Produktion geworden als vor der Pandemie, stellt die IG Metall fest – und müsste, wenn sie konsequent wäre, jetzt eigentlich zu einem Streik für die Verlängerung der Arbeitszeit aufrufen. Das macht sie allerdings dann lieber doch nicht.

Tabuthema für die Gewerkschaft

An ihrer Stelle bringen Ökonomen das Thema neu in die politische Debatte. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln, formulierte es jetzt bei einem Mittelstandskongress in Bayern so: Es gelte bis 2030 eine Lücke von fünf Millionen offenen Stellen zu schließen: „Die Schweizer arbeiten in der Woche zwei Stunden mehr als wir“, sagte Hüther. „Die Schweden eine.“ Durch eine Verlängerung der Arbeitszeit um 30 Minuten ließe sich schnell ein Potenzial von 100 Stunden je Arbeitsplatz schöpfen. Dies sei mit entsprechenden Konditionen bestimmt auch vermittelbar, sagte Hüther.

Tatsächlich sieht es in Europa laut den jeweiligen offiziellen Länderstatistiken so aus: Im Jahr 2020 arbeiteten die Vollzeitbeschäftigten hierzulande durchschnittlich 40,5 Stunden. Damit rangiert Deutschland knapp unter dem EU-Durchschnitt, der bei 40,7 Stunden liegt. Die fleißigsten sind rein statistisch gesehen die Griechen mit einer Durchschnittsarbeitszeit von 43,8 Stunden. Am Ende der Statistik stehen die Dänen, denen es schon nach 38,4 Stunden reicht. Die Arbeitszeit variiert in Deutschland je nach Branche, Tarif und Arbeitsverhältnis. Arbeiter und Angestellte machen in der Regel pünktlicher Feierabend als Selbständige und Führungskräfte. Kurzfristig sind Ausnahmen erlaubt. Bis zu 60 Wochenstunden dürfen es dann schon mal sein.

Langsame Trendumkehr

Die Wochenarbeitszeit ist über die Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg stetig gesunken. Vor rund 200 Jahren arbeiteten die Menschen 82 Stunden. 1995, elf Jahre nach den erbitterten Streiks setzte sich in der Druck-, Metall- und Elektroindustrie die 35 Stunden Woche durch. In der DDR kam es erst nach dem Fall der Mauer zur regulären Fünf-Tage-Arbeitswoche.


Doch der Trend hat sich fast unbemerkt gedreht. Sichtbar wird das bisher ganz gut in Frankreich, wo eine allmähliche Einführung der 35-Stunden-Woche bereits 1981 Bestandteil des Wahlprogramms der damals erfolgreichen sozialistischen Partei gewesen war.  Damit einher gingen aber immer großzügigere Ausnahmeregelungen, so dass das französische Parlament im Jahr 2008 die Gesetze an die Realität anpasste und es den Betrieben freistellte, welche Arbeitszeit sie mit der Belegschaft aushandelten, wodurch eine allgemeine Begrenzung der Arbeitszeit auf 35 Stunden lediglich formell bestehen blieb. Emmanuel Macron hat seit seinem Amtsantritt weitere Lockerung möglich gemacht. Französische Medien sprechen inzwischen von einem faktischen Ende der 35-Stunden-Woche in Frankreich.

Die Deutschen sind produktiv

Ökonomen schauen allerdings beim Vergleich der Arbeitszeiten auch auf die Produktivität, also darauf, wieviel die Menschen in einem Land durchschnittlich in einer bestimmten Zeit schaffen. Hier liegen die Deutschen über dem Schnitt, ganz oben findet sich Dänemark, das sich so gesehen seine kurzen Arbeitszeiten leisten kann, deutlich unter dem Schnitt findet sich Griechenland, wo folgerichtig länger gearbeitet wird, um das gleiche zu schaffen. Die Produktivität steigt durch Hilfe von Maschinen und digitalen Arbeitsprozessen.


Hier setzen auch Politiker an, die das Thema der längeren Wochenarbeitszeit für bedrohlich unpopulär halten und deswegen lieber andere Vorschläge machen. Hubert Aiwanger, bayerischer Wirtschaftsminister von den Freien Wählern, ging beispielsweise auf dem Mittelstandskongress nicht auf Hüthers Vorschlag ein, sondern sprach einer weiteren Digitalisierung das Wort. Auch auf Bundesebene wagen sich Politiker nur vorsichtig an das Thema. So stellte Wirtschaftsminister Robert Habeck von den Grünen im Februar treffend fest, dass es nicht genügend qualifizierte Fachkräfte gebe und sich das Problem mangels Nachwuchs ständig verschärfe. Beim Thema Arbeitszeit denkt er öffentlich jedoch nur über die Lebensarbeitszeit nach. „Man sollte flexibel länger arbeiten können. Das wäre ein doppelter Gewinn: Wer will, kann sein Wissen, sein Können, seine Erfahrung noch länger einbringen.“


Die Bundesregierung werde ihre Fachkräftestrategie weiterentwickeln, heißt es in einem Arbeitspapier aus seinem Haus. So solle ein Rahmen geschaffen werden, damit Beschäftigte mindestens bis zur Regelaltersgrenze arbeiten und gegebenenfalls, wer das möchte, auch darüber hinaus. In dem Papier des Ministeriums wird als eine Aufgabe im Kampf gegen den Fachkräftemangel genannt, das Arbeitsvolumen zu erhöhen. Dass dazu auch eine Ausdehnung der Wochenarbeitszeit gehören könnte – darum machen aber auch die Beamten derzeit noch einen Bogen.

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