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Personal > Kampf um Talente

Die größte Erfindung aller Zeiten und ihr Purpose

Im Kampf um Talente argumentieren immer mehr Unternehmen mit Sinnstiftung – Stichwort Purpose. Insbesondere Tech-Konzerne locken mit dem Argument, dass sie Fortschritt schaffen und die Welt so ein besserer Ort wird. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Davon sollte man sich nicht verlocken lassen.

Die Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert veränderte die Gesellschaft fundamental. Bild: Shutterstock

Wer hätte nicht gern bei diesem Start-up gearbeitet? Einem kleinen, jungen, aufstrebenden Unternehmen, dessen Chef einer der größten Erfinder der Weltgeschichte ist: Johannes Gutenberg, geborener Gensfeisch, gelang im 15. Jahrhundert die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Metallletern, was die Gesellschaft fundamental veränderte. Wir kommen gleich darauf zurück.
Sprung in die Gegenwart: Verschwörungstheorien und Fake News überschwemmen das Netz: Viele Menschen bekommen nur das zu lesen, was ohnehin ihrer Meinung entspricht. Ein von Argumentation und auf Kompromiss bedachter Konflikt stirbt aus. Laut seriöser Studien verbreiten sich gefälschte Nachrichten sechsmal schneller im Netz als echte. Im postfaktischen Zeitalter gibt es keinen Unterschied mehr zwischen wahr und unwahr, sagen selbst technologiefreundliche Zeitgenossen.
Diese Folgen der sogenannten zweiten Medienrevolution sind ein Beispiel dafür, dass Innovation das Leben der Menschen nicht automatisch besser machen. Technologie wird missbraucht und löst oft die Probleme, die sie selbst geschaffen hat. Der Klimawandel ist dafür nur ein Beispiel. Besonders problematisch ist, dass wir ihre negativen Folgen am Anfang nur selten antizipieren.
Dieses Phänomen ist sogar erforscht: “Pro-innovation Bias” nannte es der Kommunikationstheoretiker Everett M. Rogers bereits 1962 und belegte, dass Menschen unbewusst dafür sorgen, dass Erfindungen schnell verbreitet und akzeptiert werden. Die meisten gingen davon aus, dass das Web 2.0 nette Tools bereithält. Nur die Wenigsten hätten sich ausgemalt, welch immense Folgen Social Media für die Gesellschaft hat.
Hätte man das ahnen können? Geschichte wiederholt sich zwar nicht, aber sie reimt sich - und das gerade bei den wesentlichen Innovationen in der Kommunikation besonders auffällig. Wer das jüngst veröffentlichte Buch von Thomas Kaufmann liest, bekommt davon einen plastischen Eindruck. Der renommierte Kirchenhistoriker beschäftigt sich in “Die Druckmacher” mit der Erfindung des Buchdrucks und beschreibt nennenswerte Parallelen.

Sollten Talente zu den Firmen gehen, die mit den ganz großen Innovationen ihr Geld verdienen?

Führen Technologiesprünge zu einem besseren Leben? Ein Vergleich zwischen der dritten Internet-Generation und der Erfindung des Buchdrucks lehrt uns einiges: Gutenberg hatte Glück, Genialität und Geschick zugleich: Es gab seit wenigen Jahrzehnten in Deutschland eine Papier-Produktion, große Fortschritte im metallverarbeitenden Gewerbe sowie in der Glockengießerei. Und er lebte in Mainz, wo all das florierte, was er für diese bahnbrechende Erfindung brauchte. “Seit etwa 1480 war klar, dass sich das gedruckte gegen das geschriebene Buch durchgesetzt hatte”, schreibt Kaufmann.
Doch ging mit der Erfindung des Buchdrucks nur Gutes einher? Kirchliche und staatliche Obrigkeiten machten von den neuen Möglichkeiten laut Kaufmann “stetig offensiven Gebrauch und versuchten gleichzeitig sie zu kontrollieren”. Ende des 15. Jahrhunderts wurden dank der neuen Technologie eine gigantische Menge Ablassbriefe hergestellt, was “den Buchdruck in Schwung brachte” – aber sicherlich kein Dienst am Wohlergehen der Menschheit darstellte.
Dass die Menschen die Bibel dank des Buchdrucks lesen konnte, kam erst deutlich später. Damals waren Juden übrigens die ersten Opfer der “abgründigen Möglichkeiten des neuen Mediums”. Zudem entstand in dem neuen Kommunikationsraum nicht nur kulturelle Glanzwerke, sondern auch sensationslüsterne Medien oder militärische Propaganda.
Wenn der Autor ergänzt, dass “nach einigen Jahren die abgründigen, polemischen und destruktiven Potentiale sichtbar wurden”, dann erinnert das stark an Facebook und andere soziale Netzwerke heute. “Propaganda, Fake News, Hassbotschaften - durch den Buchdruck erreichten sie eine bisher nicht gekannte Verbreitung”, schreibt Kaufmann.
Dies steigerte sich in der zweiten Medienrevolution nochmal exponentiell. Das Web 2.0 führte zu einer Digitalisierung der Kultur, zu erheblichen gesellschaftlichen Umwälzungen. Bilder dominieren über den Text. Eine der vielen positiven Seiten: Analphabeten fällt es nicht schwer, so an dieser neuen Medienwelt teilzunehmen.
2001 verwendete Marc Prensky erstmals den Begriff “Digital Native”. Damit meinte der Medienpädagoge die Menschen, die von klein auf mit den Techniken des digitalen Zeitalters vertraut umgingen. Heute sprechen wir in Deutschland gern von der “Generation Z”. Davon abzugrenzen ist die Gruppe der “Digital Immigrants”. Die haben sich mit fortgeschrittenem Lebensalter an die neue digitale Kommunikation gewöhnt. Schelmisch formuliert, wurde Facebook in dem Moment uncool, als die Eltern sich dort auch herumtrieben. Die Verhaltensprofile von Natives und Immigrants haben sich inzwischen stark angeglichen.
Kaufmann definiert in seinem Buch analog zu den “Digital Natives” die “Printing Natives”: Diese in den 1470er- bis 1490er-Jahren geborenen Menschen wuchsen in einer völlig neuen Medien- und Kommunikationswelt auf. Die neue Printtechnologie hatte sich etabliert, es gab Standards und Akzeptanz. Zudem eine Vermarktung und Distribution der Druckwerke. Sie besaßen selbst Bücher oder konnten in Bibliotheken gehen. Sie diskutierten mit Menschen auf einem neuen Niveau, schließlich hatten beide dieselben Texte gelesen.
“In Bezug auf Konflikte wirkte der Buchdruck verstärkend und beschleunigend”, räsoniert Kaufmann. Und diese Tendenz hat die zweite Medienrevolution genauso gezeigt. Durch den Buchdruck entwickelten sich Printmedien für viele Menschen zu attraktiven Fluchtpunkten. Ähnlich ist es nun durch soziale Medien. Falls es eines Tages ein massenwirksames “Metaverse” gibt und die Menschen hinter VR-Brillen eine alternative, virtuelle Existenz aufbauen - dann könnten wir in einer dritten Medienrevolution neben vielen positiven Möglichkeiten vermutlich noch ganz anderen Eskapismus sehen.
Es lohnt sich also, die Folgen von Erfindungen einzuordnen. Und auch die Old Economy braucht die Diskussion mit jungen Leuten nicht zu scheuen, wenn es um Sinnstiftung durch Innovationen geht. Die kann im Kleinen viel höher sein als im Knalligen. Und geht da auch nicht so oft nach hinten los.

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