Donnerstag, 15.02.2018

Foto: AntonioGuillem/Thinkstock/Getty Images

Nehmen oder ablehnen? Chaotische und unvollständige Bewerbungsunterlagen sind keine gute Visitenkarte für einen Jobanfänger.

Personal
Schwierige Suche nach Auszubildenden

„Die Hälfte aller Bewerbungen hat gravierende Mängel“

Die Zahl der Bewerbungen von Auszubildenden sinkt seit Jahren. Aber nicht nur das: Diejenigen, die Azubi werden wollen, sind auch schlechter geeignet. Das müssen die Unternehmen ausbaden, sagt Wahl + Co.-Ausbildungskoordinator Oliver Arndt im Interview.

Herr Arndt, inwiefern betrifft der Fachkräftemangel auch die Suche nach Auszubildenden?
Der Fachkräftemangel resultiert zum Teil aus einem Azubimangel. Das liegt zum einen am demographischen Wandel. Zum zweiten gibt es große Probleme, weil die meisten Schüler studieren wollen. Dadurch bleiben weniger Auszubildende übrig.

Bekommen Sie noch genügend Bewerbungen?
Auf jede Stelle kommen bei Wahl + Co. rund 10 bis 15 Bewerber, aber die Tendenz ist schon seit Jahren sinkend.

Was sind die Gründe dafür?
Defizite bestehen sowohl in der Schule als auch im Elternhaus. Gerade die Ausbildungsreife bei jüngeren Haupt- und Realschulabgängern ist oft bedenklich.

Foto: Wahl + Co.

Oliver Arndt ist Ausbildungskoordinator bei Wahl + Co.

Inwiefern?
Das fängt schon bei den Bewerbungen an: Die Hälfte hat gravierende Mängel. Da steht noch „Muster“ drin, oder der Jobtitel, die Firma und der Ansprechpartner sind falsch. Später werden Krankenzettel zu spät abgegeben oder arbeitsrechtliche Bestimmungen nicht eingehalten. Auch das Allgemeinwissen ist teilweise katastrophal.

Was können mittelständische Unternehmen dagegen tun?
Wir als Unternehmen müssen das letztlich ausbaden. Ein großes Problem ist die fehlende Orientierung der Schüler. Aufgrund der Fülle an möglichen Ausbildungsberufen beginnen die Schüler viel zu spät, sich damit zu beschäftigen. Hier muss man als Unternehmen Aufklärung leisten.

Wie und wo machen Sie das?
Dafür gehe ich direkt in die Schulen und informiere die Schüler. Um später erfolgreich zu sein, muss ein Jugendlicher Interesse, Talent und Spaß an einer Tätigkeit mitbringen. Ich sage den Jugendlichen immer: „Sucht euch einen Job, der euch Spaß macht, und ihr müsst nie wirklich arbeiten.“

Woher kommt diese fehlende Orientierung?
Die resultiert aus einer fehlenden Selbständigkeit. Die Schüler müssen wieder lernen, sich selbst um ihre Interessen zu kümmern. Viele brechen nach kurzer Zeit die Ausbildung wieder ab. Manche gehen dann wieder zurück in die Schule. Das ist schon fast eine Flucht, bringt sie aber oft nicht ihrem Ziel näher.

 

Mehr Artikel zum Thema Fachkräftemangel finden Sie auf unserer Themenseite.

Wie stark ist der viel beschriebene „War for Talents“ bei Azubis?
Den spüren wir schon sehr deutlich. Hier in Hannover sitzen auch Konzerne wie VW Nutzfahrzeuge und Continental. Die locken die Azubis natürlich mit einer besseren Bezahlung. Für manche Jugendlichen ist es egal, in welchem Bereich sie dort arbeiten, solange sie bei diesen Unternehmen unterkommen. Aber das hat auch negative Aspekte.

Welche denn?
Schichtarbeit ist ein großes Thema, und das bedeutet weniger nutzbare Freizeit. Darüber machen sich viele gar keine Gedanken. Aber genau an so einem Punkt kann ein mittelständischer Betrieb ansetzen: Wir bieten eine flexible Ausbildung an, bei der auch noch Zeit fürs Fußballtraining bleibt.

Info

Zur Person

Oliver Arndt ist seit 2014 Ausbildungskoordinator bei dem Elektrotechnik-und IT-Unternehmen Wahl + Co. Davor war er als Berufschullehrer tätig.


Der Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 02/2018. Hier können Sie das aktuelle Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.