Dienstag, 13.03.2018
Retro ist in: Holger Neumann profitiert mit seiner Schallplattenfabrik vom Vinyl-Boom bei Musikliebhabern.

Foto: Pallas Group

Retro ist in: Holger Neumann profitiert mit seiner Schallplattenfabrik vom Vinyl-Boom bei Musikliebhabern.

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Pallas Group

Die Schallplattenfabrik auf dem „platten Land“

Geduld zahlt sich aus: Anders als die Konkurrenz verschrottete Holger Neumann seine Schallplattenpressen in den neunziger Jahren nicht. Im niedersächsischen Diepholz leitet er heute eine der letzten Schallplattenfabriken der Welt – und profitiert vom Boom des Tonträgers.
An die Renaissance der Musikkassette glaubt auch Holger Neumann nicht mehr. Deshalb hat er vor einigen Jahren die Maschinen, in denen der einstmals so beliebte Tonträger hergestellt wurde, verschrottet. „Ich habe vier Jahre versucht, das Equipment zu verkaufen. Aber noch nicht einmal Technikmuseen wollten die alten Anlagen geschenkt haben“, erinnert sich Neumann „Dann haben wir den Container bestellt. Schließlich brauchten wir den Platz.“ Der Platz war nötig, weil ein anderes einstmals totgesagtes Tonträgerformat boomt: die Vinyl-Schallplatte. 2016 wurden allein in Deutschland 3 Millionen Schallplatten verkauft – etwa zehnmal so viel wie zehn Jahre zuvor. Zwar macht die Vinylplatte mit knapp 5 Prozent trotz des Booms nur einen kleinen Teil des Tonträgermarktes aus. Doch es ist eines der wenigen Marktsegmente, die in den vergangenen Jahren gewachsen sind.

Die Pallas Group, das Familienunternehmen, das Holger Neumann leitet, ist einer der letzten Hersteller der schwarzen Scheiben. Als in den achtziger Jahren die CD eingeführt wurde, bauten viele Presswerke die Maschinen zur Herstellung von Vinyl-Schallplatten ab. Nicht so bei Pallas: Dort produzierte man im Ein-Schicht-Betrieb weiter. „Wir haben uns damals überlegt: Verschrotten können wir die Maschinen immer noch“, erinnert sich Neumann. Eine Entscheidung, die sich heute auszahlt. Aus der Ein-Schicht-Produktion ist längst wieder eine in drei Schichten geworden. Jeweils etwa 25.000 Platten laufen an sechs Tagen in der Woche vom Band. Dazu kommen noch einmal etwa 15.000 CDs pro Tag. Wie viel das Unternehmen genau umsetzt, will Neumann nicht verraten, nur so viel: „Die Zahlen sind gut schwarz.“ Laut Handelsregisterauszug lag der Umsatz in den vergangenen Jahren zuletzt bei etwa 7 Millionen Euro.

Familienunternehmen statt Glamour

Die Pallas Group produziert die Platten weltbekannter Musikgruppen wie Metallica und Led Zeppelin und zählt fast alle großen Musikproduzenten zu ihren Kunden. Doch allem Glamour zum Trotz ist sie vor allem eines geblieben: ein ziemlich traditionelles Familienunternehmen, gegründet 1948 in Diepholz, einer Kleinstadt auf dem platten Land zwischen Osnabrück und Bremen. Der heutige Geschäftsführer Holger Neumann ist Enkel des Firmengründers. Unterstützung erhält er zweimal die Woche von seinem Vater, der – inzwischen 90 Jahre alt – als Seniorchef fungiert. „Es ist schön, jemanden an der Seite zu haben, der mehr als ein halbes Jahrhundert in dem Unternehmen gearbeitet hat und entsprechend erfahren ist“, sagt Neumann.

Dabei ist auch der heutige Geschäftsführer schon seit gut 30 Jahren im Unternehmen – die Ferienjobs in der Jugend nicht mitgerechnet. 1986 kam Holger Neumann mit Mitte 20 nach einer Ausbildung als Elektromechaniker und vier Jahren Bundeswehr zurück nach Diepholz, um beim Aufbau des ersten CD-Werks zu helfen. „Das war für uns als mittelständisches Unternehmen eine besondere Herausforderung“, erinnert er sich, „und für mich der richtige Einstieg in die Firmengruppe.“

2013: Produktionshalle brennt nieder

Seit gut vier Jahren ist mit Holger Neumanns Sohn Dominic die vierte Generation an Bord. Neumann legt Wert auf die Feststellung, dass weder er noch sein Sohn sich gezwungen gefühlt haben, in die Firma einzusteigen. „Schon während meiner Ferienjobs habe ich natürlich darüber nachgedacht, vielleicht mal die Firma zu übernehmen“, sagt Neumann. „Aber es gab bei uns nie die Verpflichtung, in das Familienunternehmen reinzugehen – nur weil es ein Familienunternehmen ist und in Familienhand bleiben soll.“ Auch für seinen Sohn, so erzählt er, sei die Entscheidung für das Unternehmen eine Herzensangelegenheit gewesen.

Und wie bei ihm selbst knapp drei Jahrzehnte zuvor war eine besondere Situation der Anlass für den Einstieg: 2013 brannte die komplette Produktionshalle nieder. Auf mehr als 10 Millionen Euro wurde der Schaden damals geschätzt. „Zum Glück waren wir aber zu 99,9 Prozent richtig versichert“, sagt Neumann. Durch eine Betriebsunterbrechungsversicherung konnten zum Beispiel die Löhne der Mitarbeiter weitergezahlt werden. Die dankten es dem Unternehmen mit großer Motivation beim Wiederaufbau: „Da gab es keine Wochenenden oder Acht-Stunden-Tage. Alle haben 12 oder gar 14 Stunden am Tag geschafft“, erinnert sich Neumann. „Da hat man gemerkt, dass wir ein tolles Team haben.“

Etwa ein Jahr dauerte es, bis die neue Halle in Betrieb gehen konnte. „Dass wir wiederaufbauen, stand für mich völlig außer Frage“, sagt Neumann. „Schließlich war es das Lebenswerk meines Vaters, das zerstört wurde.“ Das Unternehmen nutzte die Möglichkeit des erzwungenen Neuanfangs auch dafür, um manche Dinge zu optimieren. So steht gegenüber vom Pallas-Verwaltungsgebäude, das vom Brand nicht betroffen war, heute eine Multihalle, in der sowohl die Vinyl- als auch die CD- und DVD-Produktion untergebracht sind. Das Unglaublichste: Als Pallas nach dem Brand quasi vor dem Nichts stand, stornierte kein einziger Kunde seine Aufträge oder suchte sich einen neuen Lieferanten, erzählt Neumann stolz. „Wir haben die Aufträge in der Zwischenzeit woanders produzieren lassen, sie aber hier vor Ort verpackt.“ Die Treue rechnet er den Kunden nach wie vor hoch an.

Boom ist ungebrochen

Derzeit ist der Vinyl-Boom ungebrochen. Wer eine Platte pressen lassen will, muss nicht nur in Diepholz mehrere Monate warten. Doch wie lange es noch so weitergeht und ob Internet und Streaming nicht doch irgendwann dem physischen Tonträger den Garaus bereiten werden, das weiß auch Holger Neumann nicht. Sein Vater frage ihn regelmäßig, was er mache, wenn er morgen keine Platten mehr verkaufe. „Ich habe da kein Patentrezept in der Schublade“, sagt er. Aber anderen Unternehmen gehe das ähnlich: „Was macht Volkswagen, wenn niemand mehr Autos kauft?“, fragt er. „Das ist eine grundsätzliche Unsicherheit, die jeder Unternehmer ertragen muss.“ Natürlich versuche er, neue Erlösquellen zu erschließen. So arbeite er gerade mit Partnern daran, neue Anwendungsbereiche für die CD-Spritzgussmaschinen zu entwickeln. Ein Familienunternehmen müsse sich fit für die Zukunft machen: Schließlich trage man Verantwortung für 120 Mitarbeiter.

 

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Die sind dem Geschäftsführer, wie er immer wieder betont, besonders wichtig. Dabei landet er bei einem Thema, das fast jeden Mittelständler umtreibt: dem Fachkräftemangel. Gerade im ländlichen Raum, zu dem Diepholz ganz sicher zählt, stehen nicht so viele Mitarbeiter zur Verfügung. Also bildet die Pallas Group immer mehr Mitarbeiter selbst aus. „Mittlerweile haben wir Lehrlinge in bis zu acht verschiedenen Bereichen“, sagt Neumann. Das Thema Ausbildung geht die Pallas Group perspektivisch an – mit einem gehörigen Vorlauf von vier bis fünf Jahren. Auf dass die Schallplatte auch dann noch boomt.

Info

Auf und ab und wieder auf

  • In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts löste die Vinyl-Schallplatte die runden Scheiben aus Schellack ab. Gut 50 Jahre wurde sie dann selbst von der CD überholt.
  • Doch bei DJs vor allem in der elektronischen Musik und im Hiphop blieben die schwarzen Scheiben auch danach beliebt.
  • Mittlerweile entdecken Sammler und Nostalgiker die Platten wieder für sich. Die Vinylplatte erlebt seitdem ihre Renaissance.

Dieser Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 03/2018. Hier können Sie das Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.