Dienstag, 25.09.2012
Personal
Fachkräftemangel

Die teuersten Azubis

Uwe Hartlich, Geschäftsführer des Elektrotechnikunternehmens Eto, hat vor einem Jahr die ersten tschechischen Jugendlichen als Auszubildende eingestellt. Wie es ihm seither erging.

Im September 2011 haben zehn tschechische Azubis ihre Ausbildung in diversen mittelständischen Unternehmen rund um Chemnitz begonnen. Die dortige Handwerkskammer hat die Jugendlichen aus dem rund 100 Kilometer entfernten Most angeworben. Das Projekt sollte das Patentrezept im Kampf gegen den Fachkräftemangel werden – ein Vorzeigebeispiel für die Integration ausländischer Mitarbeiter in den deutschen Unternehmensalltag. Die Handwerkskammer versprach den Unternehmern, dass die Azubis bis zum Ausbildungsbeginn ein Deutsch-Zertifikat für die Grundkenntnisse gemacht haben werden – doch das ist nicht der Fall gewesen.

Markt und Mittelstand: Herr Hartlich, das Projekt der Handwerkskammer Chemnitz war das erste dieser Art in Deutschland. Insgesamt kamen zehn tschechische Azubis in Unternehmen der Region unter. Was ist im ersten Jahr passiert?
Uwe Hartlich: Sehr viel ist passiert. Vier Azubis arbeiteten bei einem Bauunternehmen, drei bei einem Elektriker und zwei bei uns. Von den zehn sind lediglich noch drei übrig geblieben, darunter auch unsere Azubis, Jiří Peml und Jan Vaigl. Die anderen sind alle wegen Heimweh oder Arbeit im Heimatland zurück gegangen, und einer wurde wegen verschiedener Delikte verhaftet.

MuM: Da haben Sie Glück, dass Ihre Azubis noch da sind.
Hartlich: Wie man es nimmt. Wir haben mit ihnen gesprochen und entschieden, dass sie jetzt noch mal im ersten Lehrjahr beginnen. Das werden die teuersten Lehrlinge, die ich je hatte. Die beiden haben mich bis jetzt zusammen rund 15.000 Euro mehr gekostet als deutsche Azubis. Ich bezahle die Wohnung, in der sie wohnen, TV- und Internetanschluss plus das Lehrgehalt. Wir mussten sie während der Ausbildung drei Monate in eine Sprachschule schicken, weil sie kein Wort Deutsch konnten. Obwohl die Handwerkskammer uns das versprochen hatte. Danach kamen sie aber in der Berufsschule nicht mehr hinterher.

MuM: Das heißt, ihre Leistungen konnten nicht bewertet werden?
Hartlich: So ist es. Im Zwischenzeugnis bekamen sie keine Noten. Im zweiten Lehrjahr hätten sie nun alles aufholen müssen plus den neuen Stoff büffeln. Das haben wir ihnen, aber  sie sich auch selbst nicht zugetraut. Sie wollen nun wieder von vorne beginnen. Ich hoffe, dass die beiden die anstehenden 3,5 Jahre durchhalten. Denn es ist ja auch noch nicht sicher, dass sie danach in meinem Unternehmen bleiben wollen.

Info

Vor einem Jahr:

Wenn Jirí Peml am Tisch sitzt, hat er die Hände zwischen die Beine gelegt. Seine dunklen Haare sind raspelkurz. Am rechten Handgelenk trägt er ein verwaschenes Freundschaftsarmband. „Ich wollte etwas Neues kennenlernen“, sagt der gelernte Elektroniker, “deshalb habe ich den Ausbildungsvertrag bei Eto unterschrieben.“ Er sagt das auf Tschechisch, auf jede Frage antwortet er mit vier, fünf Worten. Dazwischen lässt er seine Augen auf der Übersetzerin ruhen.  Nur mit Jan Vajgl, mit dem er zusammen nach Deutschland gekommen ist, kann er ungezwungen plaudern. Sie kennen sich aus der Berufsschule in Tschechien. Schnell nach Ausbildungsbeginn merkt Hartlich, dass die beiden tschechischen Jugendlichen in der Berufsschule nicht mitkommen. Er hat sich deshalb entschlossen, die beiden bis Februar in einen Intensiv-Sprachkurs zu schicken.

Hartlich hofft, dass seine zwei tschechischen Azubis durchhalten und kämpft dafür. Zehn Wochen fiebert der Firmenchef beispielsweise dem Internet-, Telefon- und Fernsehanschluss für seine Azubis entgegen. In einem Unternehmen haben Jirí und Jan bisher noch nie gearbeitet. In seinem sauberen Blaumann steht der blonde Jan in der Fertigungshalle des Unternehmens vor einem Rollwagen mit Schrauben, Muttern und Nieten. Seine blauen Augen schauen gebannt auf die Nietzange, die Facharbeiter Marcel Dittrich in der Hand hält. Er macht dem Jugendlichen wortlos vor, wie er das Teil montieren soll. Einmal, zweimal, manchmal auch dreimal. Zwischendurch schaut er den Auszubildenden mit großen Augen an, erst wenn der nickt, darf er selbst ran.

MuM: Wie lief die Arbeit im Betrieb im vergangenen Jahr?
Hartlich: Am Anfang war es hart, wir konnten die beiden fast nicht einsetzen. Die Arbeitsmoral ist eine andere. Meine Vorarbeiter waren nicht erfreut, wenn ich sie ihnen zugeordnet habe, weil die Betreuung sehr zeitintensiv war. Bei Montageeinsätzen standen sie das erste Mal unter Leistungsdruck – da haben wir sie auch nicht geschont. Das war nicht schlecht, denn so waren sie auch abends gezwungen, Deutsch zu reden. Nach dem Sprachkurs habe ich dann mit ihnen gesprochen, dass sie Einsatz zeigen müssen, sonst wären wir gezwungen,  sie wieder nach Hause zu schicken. Das hat geholfen.

MuM: Heute können sich die beiden auf Deutsch verständigen. Unter welchen Bedingungen würden Sie wieder tschechische Azubis einstellen?
Hartlich: Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten hätte ich das Projekt nie mitmachen dürfen. Aber ich erhoffe mir, dass regelmäßig Azubis von dort kommen. Dazu muss die Handwerkskammer aber dafür sorgen, dass die Jugendlichen schon ein halbes Jahr vor Ausbildungsbeginn einen Deutschkurs mit Zertifikat in Deutschland abschließen. Und es müsste einen Vorvertrag geben, dass Auszubildende nur beginnen dürfen, wenn sie die Prüfung geschafft haben. Ich gebe nicht auf.