Donnerstag, 12.12.2013
Viele Chefs schreiben ihren Mitarbeitern auch nach Feierabend noch Emails.

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Viele Chefs schreiben ihren Mitarbeitern auch nach Feierabend noch Emails.

Personal
Debatte über Mails vom Chef nach Dienstschluss

Digitale Ruhezeit nach Feierabend

Eine E-Mail oder SMS vom Chef nach Feierabend ist doch ganz normal – oder etwa nicht? Über eine digitale Ruhezeit nach Feierabend wird im Moment auf jeden Fall viel diskutiert.

Wenn nach Feierabend das Telefon klingelt und der Chef noch etwas wissen möchte oder noch schnell eine Email an den Vorgesetzten zu beantworten ist, kann das oft nervig sein. Und dazu führen, dass sich Arbeitnehmer in ihrer freien Zeit nicht mehr richtig erholen können. Daher werden die Stimmen nach einem E-Mail-freien Feierabend immer lauter.

Berufliche Mails nach Feierabend verbieten

Der neue IG-Metall-Vorsitzender Detlef Wetzel forderte unlängst, dass beruflicher Email-, SMS- und Telefonverkehr nach Feierabend zu verbieten ist. Dieser Forderung hat sich nun auch der Vorsitzende des Bundesverbandes mittelständischer Wirtschaft, Mario Ohoven, angeschlossen. Allerdings ist er gegen eine gesetzliche Regelung. „Das ist eine Angelegenheit, die Arbeitgeber und Arbeitnehmer untereinander im Gespräch abstimmen sollten“, sagte er gegenüber der „Neuen Osnabrücker Zeitung“.

Führungskräfte auch nach Feierabend erreichbar

Gleichwohl stellte er heraus, dass es bei den Führungskräften sicher gestellt sein muss, dass diese auch nach Feierabend erreichbar sind. Alle anderen Mitarbeiter hätten jedoch das Recht auf eine Email-freie Zeit nach Feierabend. „Die Digitalisierung darf nicht dazu führen, dass Arbeitnehmer rund um die Uhr erreichbar sind“, sagte Detlef Wetzel gegenüber der „Bild“-Zeitung.
Einige Unternehmen setzen derzeit bereits Maßnahmen um, um den Emailverkehr im Unternehmen generell zu reduzieren.

Keine Mails nach 20 Uhr

Das Unternehmen Smartmove möchte die Produktivität seiner Mitarbeiter erhöhen, den Krankenstand senken und die Zufriedenheit steigern. Um diese Ziele zu erreichen, schaltet das Unternehmen den E-Mailverkehr zwischen 20:00 Uhr und 7:30 Uhr ab.
Bei dem IT-Dienstleister Smartmove gilt ein E-Mailverbot für geschäftliche Themen zwischen 20:00 Uhr und 7:30 Uhr sowie an den Wochenenden. „Viele  Mitarbeiter sind auch spätabends noch mit dem Smartphone online“, ist Geschäftsführer Timm Beyer klar. „Da passierte es schnell, dass auch nach Feierabend regelmäßig E-Mail-Diskussionen stattfanden, ohne dass es um dringende Angelegenheiten ging.“

Mit dem E-Mailverbot möchte Smartmove zur Gesundheit der Mitarbeiter und zur Familienfreundlichkeit beitragen. Denn dauerhafte Erreichbarkeit verhindere eine effektive Erholung und steigere das Risiko von negativen Folgen für die Gesundheit, glaubt Beyer. Mitarbeiter, die nach der Arbeit körperlich und geistig entspannen, sind während der Arbeitszeit produktiver, seltener krank und auch insgesamt zufriedener, ist die Erfahrung, die Smartmove seither gemacht hat. „Die Zufriedenheit der Mitarbeiter ist für uns ein zentraler Bestandteil der Unternehmenskultur“, sagt Beyer.

Dennoch brachte die Einführung der Maßnahme auch Herausforderungen mit sich. Insbesondere in solchen Situationen, in denen Mitarbeiter schon um 07:00 Uhr Informationen benötigen, E-Mails aber erst ab 07:30 Uhr versandt werden können. Smartmove bleibt trotzdem bei dem neuen Konzept, denn dieses fördere einen bewussteren Umgang mit E-Mails. „Zudem ist nicht immer eine E-Mail notwendig, manchmal ist ein direktes Gespräch einfacher und effizienter.“

Email-freier Tag

Wer bei CP Corporate Planning an einem Freitag mit einem Kollegen sprechen möchte, nutzt dafür keine Emails. Denn freitags läuft in dem Unternehmen alles unter dem Motto: Persönliches Gespräch statt unpersönlicher E-Mail.
 „Die besten Ideen entstehen meist in Gesprächen zwischen Tür und Angel.“, sagt Peter Sinn, Vorstand des Hamburger Software-Unternehmens. Um genau diese Gespräche zu fördern, gibt es deshalb einen email-freien Tag. Wer mit einem Kollegen sprechen möchte, muss dies persönlich tun und dabei schon mal ein paar Etagen gehen. Rund 100 Mitarbeiter hat das Unternehmen auf neun Etagen. Am Anfang habe ein Techniker interne Emails wirklich deaktiviert, da habe es einen Aufschrei gegeben, erklärt Sinn: „Rein praktisch ist die Umsetzung natürlich nicht 100 Prozent möglich, aber die Idee ist sehr bewusst in den Köpfen der Mitarbeiter.“ Die Technik wurde schnell wieder umgestellt und tatsächlich kam die gelockerte Version der Idee gut bei den Mitarbeitern an.

Seit etwa sechs Monaten verzichten viele Mitarbeiter nun freitags freiwillig auf die interne Mail an den Kollegen und besuchen diesen dafür im Büro. Allein die Thematisierung habe schon zu einer Verbesserung der Mitarbeiter-Kommunikation geführt, sagt Sinn und ergänzt: „Freitags beginnen interne Gespräche häufig mit: Da heute ja E-Mail-freier Tag ist,…"

Die stille Stunde

Freitags zwischen 9 und 10 Uhr ist Pascal Schiefer nicht zu sprechen. Das Telefon des Geschäftsführers der mittelständischen Leipold Group ist umgeleitet, sein Email-Account auf offline gestellt und die Türe zu seinem Büro verschlossen. Pascal Schiefer hat seine „Stille Stunde“, wie es in der Firmenzentrale in Wolfach heißt.
 „Einmal pro Woche müssen alle Mitarbeiter eine ,Stille Stunde‘ nehmen“, erklärt der Geschäftsführer. Ziel ist es, dass die Angestellten in dieser Zeit strategische Themen konzentriert weiterentwickeln, die im Alltagsgeschäft sonst untergingen. „Diese Stunde ist heilig. Niemand darf stören“, sagt Schiefer. Kommt es doch vor, muss es protokolliert werden. So will der Leipold-Chef sichergehen, dass dringende Angelegenheiten nicht untergehen, aber auch nicht wegen jeder Kleinigkeit die „Stille Stunde“ unterbrochen wird.
In regelmäßigen Abständen bespricht Schiefer mit seinen Mitarbeitern, was sie während der stillen Zeit entwickelt und voran gebracht haben. Wie aber lässt sich der Erfolg messen? „Das ist recht einfach“, weiß der Geschäftsführer. „Wer diese Zeit nutzt, bei dem gibt es keine Hauruck-Aktionen mehr und außerdem sind die klassischen Prio B-Aufgaben auch erledigt.”

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