Mittwoch, 15.04.2015
Die Neuerungen in der Elternzeit sind für Unternehmen eine Herausforderung.

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Mehr Flexibilität, längere Elternzeit: Die Neuerungen in der Elternzeit sind für Unternehmen eine Herausforderung.

Personal
Das kommt ab 1. Juli 2015 auf Unternehmen zu

Elternzeit: Zumutung oder Chance für Unternehmen?

Acht Jahre alt ist die derzeitige Form der Elternzeit – und jetzt soll im Sinne der Eltern nachgebessert werden: mehr Geld, mehr Flexibilität. Geht das auf Kosten der Unternehmen?

Seit dem 1. Januar 2007 gelten die Regelungen: Beide Elternteile haben Anspruch auf Elternzeit zur Betreuung und Erziehung ihres Kindes. Bis zur Vollendung von dessen drittem Lebensjahr können sie ihr Arbeitsverhältnis ruhen lassen. Das Familieneinkommen wird in der Zwischenzeit durch ein Elterngeld sichergestellt, das je nach vorherigem Einkommen zwischen 300 Euro und 1.800 Euro liegt. Nach Ablauf der Elternzeit lebt das Arbeitsverhältnis zu den alten Konditionen wieder auf.

Einzige Voraussetzung: Die Elternzeit muss spätestens sieben Wochen vor Beginn schriftlich angemeldet werden. Dabei müssen sich die Elternteile für zwei Jahre festlegen. Wenn der Arbeitgeber zustimmt, können bis zu zwölf Monate der Elternzeit auf die Zeit zwischen dem 3. und 8. Geburtstag des Kindes übertragen werden. Kündigungen sind vom Zeitpunkt der Anmeldung der Elternzeit, frühestens jedoch 8 Wochen vor Beginn und während der Elternzeit nicht zulässig. Die Elternzeit kann vorzeitig beendet werden, wenn Mutterschutzfristen in Anspruch genommen werden, also ein weiteres Kind geboren wird.

Teilzeit während der Elternzeit umgeht Probleme

Den Unternehmen fordert die Elternzeit Flexibilität bei der Personalplanung ab: Vertretungskräfte müssen gefunden und eingearbeitet werden. Auch wenn eventuelle Aufwendungen für eine Zeitarbeitsfirma absetzbar sind, bleiben Kosten für die Vermittlung einer Ersatzkraft beim Unternehmen hängen. Reibungsverluste durch Fehlbesetzungen müssen verarbeitet werden; gute Interimsmitarbeiter muss man nach der Rückkehr der festangestellten Eltern wieder ziehen lassen. Die zurückkommenden Eltern haben Anspruch auf eine gleichwertige Arbeitsstelle. Hat es zwischenzeitlich Umstrukturierungen im Unternehmen gegeben, kann es hierbei mitunter zu Schwierigkeiten kommen.

Ein Plus der derzeitigen Regelungen für beide Seiten ist die Möglichkeit der Teilzeiterwerbstätigkeit während der Elternzeit. Bis zu 30 Wochenstunden dürfen Eltern in Elternzeit arbeiten. Wer in Betrieben mit mehr als 15 Beschäftigten arbeitet und mindestens seit sechs Monaten im Unternehmen beschäftigt ist, hat sogar einen Rechtsanspruch auf Verringerung der Arbeitszeit in Elternzeit im Rahmen von 15 bis 30 Wochenstunden. Eine solche Teilzeittätigkeit entspricht den Wünschen vieler Eltern nach Zeit für Betreuung ihres Kindes auf der einen und Sicherstellung des Familieneinkommens auf der anderen Seite. Unternehmen kann es zu Vorteil gereichen, wenn sie durch entsprechende Umverteilung der Arbeit mit Teilzeitarbeit die Anstellung einer Vertretungskraft vermeiden können.

Elternzeit: Enger Kontakt zum Unternehmen ein Muss

Unternehmen ist inzwischen klar, dass sie am Thema Elternzeit nicht mehr vorbeikommen. Dass Frauen dadurch dem Arbeitsmarkt kontinuierlicher erhalten bleiben ist ein Argument. Auf der anderen steht, dass Väter mehr Beteiligung an der Erziehungsleistung wünschen und sich zeitweise vom Arbeitsmarkt zurückziehen. Vor allem, seitdem auch immer mehr Väter ihren Anspruch wahrnehmen und eine Weile mit ihrem Kind zu Hause bleiben, steigt das Interesse der Unternehmen, Auszeit und Wiedereinstieg möglichst reibungslos zu gestalten. Immerhin liegt der Anteil der Väter, die das staatliche Elterngeld beziehen, also in Elternzeit sind, bei gut einem Viertel. Da werden im Vorfeld der Elternzeit bereits Gespräche über die Gestaltung der Elternzeit geführt.

Während der Elternzeit halten Unternehmen und Eltern Kontakt, die Eltern sind teilweise weiterhin in die Informationswege des Unternehmens eingebunden, werden zu fachlichen Weiterbildungen eingeladen. Zahlreiche regionale Netzwerke wie etwa das „Netzwerk Familienbewusste Unternehmen Bonn/Rhein-Sieg“ informieren zu diesen Themen.

Erhöhte Anforderungen an Flexibilität im Unternehmen

Auf Unternehmen kommen erhöhte Anforderungen im Hinblick auf ihre Flexibilität zu. Der Verband „Die Familienunternehmer – ASU“ etwa kritisiert in seiner Stellungnahme zum Gesetzesentwurf: „Die Gefahr, dass gesetzliche Regelungen zu starr und unflexibel sind sowie darüber hinaus die betriebliche Praxis nicht einmal annähernd abbilden, ist viel zu groß.“ Konkret macht er seine Kritik vor allem an der flexibleren Elternzeit fest, die „einen indiskutablen Eingriff in die Unternehmensführung“ darstelle und zu einem „personalplanerischen Chaos in den Betrieben“ führe.

Bei kleineren Unternehmen kann es zu Engpässen kommen, wenn mehrere Mitarbeiter gleichzeitig in Elternzeit gehen und vorübergehend ersetzt werden müssen. Allerdings steckt auch eine große Chance in den Regulierungen, die Anreize setzen, dass Eltern dem Unternehmen gerade nicht für lange Zeit den Rücken kehren.

Vier Trends für die Vereinbarkeit

Christian Meyer, stellvertretender Leiter des Bereichs Diversity und Soziales bei der Fraport AG,  antwortet in der Think Act-Publikation „Neue Vereinbarkeit“ von Roland BergerStrategy Consultants auf die Frage, warum sich Familienfreundlichkeit für das Unternehmen auszahle: „Weil es messbare Effekte gibt, etwa den Rückgang der Fehlzeitenquoten. Wir denken das Thema allerdings aus einer anderen Richtung: Wie würde es aussehen, wenn wir all unsere familienfreundlichen Angebote nicht hätten? Wir stünden deutlich schlechter da, weil unsere Beschäftigten weniger motiviert wären, weniger Qualität liefern würden – und wir einige von den Besten ziehen lassen müssten, weil wir denen nicht modern und flexibel genug wären.“

Vier Trends bestimmen nach einer Roland Berger-Publikation die Entwicklung zu einer „neuen Vereinbarkeit“.
An erster Stelle steht der demografische Wandel: Unternehmen kommen nicht daran vorbei, Eltern nach der Elternzeit möglichst reibungslos wieder in den Arbeitsprozess einzugliedern.
Zweitens wird beobachtet, dass Familienfreundlichkeit auch in Abschwungphasen Potenzial hat. Denn sind familienfreundliche Flexibilisierungsmöglichkeiten, wie etwa Vier-Tage-Woche, Arbeitszeitkonto etc., erst einmal vorhanden, können sie auch in wirtschaftlich schwachen Zeiten die Kapazitäten steuern.
Dritte Entwicklung ist, dass Vereinbarkeitsangebote inzwischen nachweisbar positive Effekte haben. Die Studie nennt eine Produktivitätssteigerung pro Erwerbstätigenstunde um über 1,5 Prozent. Erhebliche Vorteile bei der Akquisition qualifizierter Mitarbeiter haben Vorreiter-Unternehmen, die in besonderem Maße in Familienfreundlichkeit investieren.
Viertens schließlich hat ein Schulterschluss von Politik, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden mit der Initiierung von unzähligen Unternehmensprogrammen und lokalen Netzwerken erreicht, dass gilt, „wer nicht familienfreundlich wird, verliert“.

Info

Geplante Änderungen zum 1. Juli 2015

Ab 1. Juli 2015 können Eltern, die nach der Geburt des Kindes Teilzeit arbeiten, die Bezugszeit des Elterngeldes verlängern. Gehen beide Elternteile gleichzeitig in Teilzeit, gibt es einen sogenannten Partnerschaftsbonus von vier zusätzlichen ElterngeldPlus-Monaten. Außerdem sollen Eltern ihre Elternzeit flexibler aufteilen dürfen. Statt 12 Monate können sie dann 24 Monate auf den Zeitraum zwischen dem 3. und 8. Lebensjahr übertragen. Und das ohne Zustimmung des Arbeitgebers, wobei Arbeitgeber aber in manchen Fällen aus dringenden betrieblichen Gründen intervenieren können. Die Anmeldefrist für die übertragenen Elternzeiten wird auf 13 Wochen erhöht. Die Anreizstruktur ist offensichtlich: Teilzeittätigkeit während der Elternzeit wird belohnt, ebenso eine partnerschaftliche Aufteilung der Kinderbetreuung – im Klartext: Auch Väter sollen eine Zeit lang die Betreuung ihres Kindes übernehmen.