Donnerstag, 27.10.2011
Personal

Exklusiv: Neue Marke "Deutscher Mittelstand"?

Kann die Qualitätsbezeichnung "Deutscher Mittelstand" mittelständischen Unternehmen helfen, sich im internationalen Wettbewerb durchzusetzen? Die Zeit drängt. Schon sind in Frankreich und England die Regierungen bemüht, kleinere Unternehmen nach deutschem Vorbild aufzurüsten.

Seit mehr als einem Jahrhundert gilt „Made in Germany“ als das Qualitätssiegel. Ursprünglich 1887 mit anderer Intention von den Engländern als Schutz vor importierten, günstigen Nachahmungsprodukten aus Deutschland eingeführt, setzte sich die Kennzeichnung nicht nur in Großbritannien schnell als Gütesiegel durch. Heute wird „Made in Germany“ auf allen Absatzmärkten dieser Welt mit Qualität, Präzision, Zuverlässigkeit, Langlebigkeit assoziiert. Ein Pfund, mit dem sich wuchern lässt, wie das Beispiel Liqui Moly zeigt. Trotz Wettbewerbern wie Shell, Total, Esso und BP ist das Unternehmen mit einem Marktanteil von 26 Prozent in Deutschland führend.

Vorzeigeunternehmer im Clinch mit Konzernen

Der von der Jury von Markt und Mittelstand als Unternehmer des Jahres gekürte Inhaber Ernst Prost betont immer wieder, dass er “gottfroh” sei, es mit Konzernen und nicht mit anderen Mittelständlern zu tun zu haben. Denn die, so Prost, seien schnell und flexibel und dadurch wesentlich ernst zu nehmendere Gegner.

Der Begriff Deutscher Mittelstand entwickelt sich zu einem ähnlichen Prädikat wie „Made in Germany“. Er ist aber mehr, denn er ist nicht nur ein Begriff. Er ist hunderttausendfach und in allen Landkreisen dieser Republik mit Leben gefüllt. Er hat Identität, er hat das weltweite Vertrauen der Verbraucher, er vermittelt Sicherheit und Orientierung. Er differenziert sich klar von Unternehmen anderer Herkunft. „Nun hat er auch noch einen hohen Bekanntheitsgrad und einen großen Namen. Der deutsche Mittelstand erfüllt damit alle Kriterien einer großen Marke“, sagt Jan Peter Welke, Experte für Markenführung.

Diese Entwicklung bietet allen mittelständischen Unternehmern in Deutschland Chancen, sich noch weiter vom globalen Wettbewerb abzuheben. Die Zugehörigkeit zum deutschen Mittelstand ist ein Alleinstellungsmerkmal, das ihnen in die Wiege gelegt ist, für das sie nichts mehr tun mussten als das, was sie ohnehin tun. Um den Status einer Marke zu erreichen, müssen andere Unternehmen jahrzehntelang überdurchschnittlich wachsen, überdurchschnittlich viel in Forschung und Entwicklung investieren und Millionen ins Marketing stecken. Warum also nicht damit werben?

Deutsches Vorbild für Europa?

Auf diese Entwicklung blickt auch die Regierung unter David Cameron. Sie will die britische Wirtschaft deutscher machen: Man will weg von der Abhängigkeit vom Großraum London hin zur Stärkung der Regionen; die Konzentration auf Finanz- und Dienstleistungssektor soll durch eine gezielte Förderung industrieller Wachstumsbranchen abgelöst werden. Denn, so auch die Einsicht in Großbritannien: Ohne industrielle Basis hat eine reife Volkswirtschaft wenig Zukunft.

Auf der Insel gibt es einige sehr große und viele kleine Unternehmen. Aber Unternehmen mit einer Mitarbeiterzahl zwischen 50 und 250 findet man im Vereinigten Königreich nur rund 16.000. Zwar sind Unternehmensgründungen in Großbritannien schon lange einfacher als in den meisten anderen europäischen Ländern. Doch der Traum, dass aus diesen Start-ups einmal Unternehmen wie Virgin, Vodafone oder easyJet erwachsen, ist bisher nicht in Erfüllung gegangen. Im Gegenteil: Die Neugründungen bleiben häufig sehr klein. 97 Prozent aller Unternehmen beschäftigen weniger als 20 Personen.

Aber auch in Frankreich, dem zweitgrößten Industrieland Europas, hat man die “Kraft der Kleinen” entdeckt und schielt nach Deutschland. “In Frankreich fehlen 10.000 Firmen mit jeweils 300 Angestellten”, schrieb der angesehene Wirtschaftsrat Conseil d’Analyse Économique bereits 2006. BNP Paribas zufolge gibt es in Frankreich 280.000 Firmen mit sechs bis 200 Mitarbeitern. In Deutschland liegt diese Zahl bei 500.000. Frankreichs „petites et moyennes entreprises“ sind zudem kleiner als die deutschen: 98,5 Prozent beschäftigen weniger als 100 Mitarbeiter.

Kaum Wachstum

Die kleinen Unternehmen Frankreichs bleiben auch häufig klein. Eine Firma mit 100 Mitarbeitern hat sieben Jahre nach ihrer Gründung im Durchschnitt nur 107 Beschäftigte. In Deutschland sind es im Schnitt 122. Zudem wagen viele Mittelständler wegen ihrer geringen Größe den Schritt ins Ausland nicht. Andere haben schlicht keinen Bedarf, weil sie als Zulieferer französischer Industriekonzerne ausgelastet sind. So gilt Frankreich zwar als die fünftgrößte Exportnation der Welt. Dafür zeichnen aber fast ausschließlich Großkonzerne á la Danone, L’Oréal oder Total verantwortlich. Ohne einen gesunden Mittelstand aber hängt alles von der Entwicklung der Großunternehmen ab.

Quelle: Markt und Mittelstand
Bildquelle: wikimedia commons