Dienstag, 23.07.2013
Fachkräfte bei BMW

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Personal
Fachkräftemangel

Fachkräftemangel im Mittelstand

Kaum ein Mittelständler ist vom Fachkräftemangel nicht betroffen. Kaum einer, der keine Strategie gegen den Fachkräftemangel entwickelt hat. Ein Überblick aus der Praxis.

Eine gute Chance, zum Unwort des Jahres zu werden, hätte der Begriff „Fachkräftemangel“, wären Personalverantwortliche mittelständischer Unternehmen für die Auswahl verantwortlich. Der Mangel an geeigneten Fach- und Führungskräften stellt Personaler vor immer größere Herausforderungen. Knapp ein Drittel aller Personalverantwortlichen spürt den Fachkräftemangel bereits, wie eine Studie des Beratungsunternehmens Kienbaum ergab. Die Mehrheit der Unternehmen kann also vakante Stellen noch besetzen, aber die Bewerberzahlen sind rückläufig – und die Lage verschärft sich. 

Anders als noch vor zehn oder zwanzig Jahren können sich Fachkräfte heute den besten Arbeitsplatz aussuchen. Eine Personalverantwortliche ärgert sich: „Die Bewerber pokern richtig.“ In ihrem Unternehmen sei es schon häufiger vorgekommen, dass ein neuer Mitarbeiter in Probezeit gekündigt hat, weil er bei der Konkurrenz ein besseres Angebot erhalten hat. Kein Einzelfall. Unternehmen haben schon Strategien entwickelt, wie sie trotz der schwierigen Situation am Arbeitsmarkt weiter wachsen können.

 

Mit Fortbildung gegen den Fachkräftemangel

Wenn Frank Schoberer, Geschäftsführer des Elektrogroßhändlers Alexander Bürkle, über seine Personalstrategie spricht, denkt er nicht nur an Wachstum und den War for Talents. Er denkt auch an konjunkturell schwierige Zeiten. Seine Strategie lautet: in allen wirtschaftlichen Zyklen im Personalbereich flexibel bleiben. Zeitarbeit ist dabei keine Lösung, und auch schnelle Entlassungs- und Einstellungswellen sind es nicht. Schoberer setzt auf ein umfangreiches Weiterbildungsprogramm. Mit einer Ausbildungsquote von 11 Prozent liegt das 650 Mitarbeiter große Unternehmen im guten Durchschnitt.
Die Idee des Geschäftsführers ist es, alle Angestellten auch bereichsübergreifend auszubilden und zu qualifizieren. „Jeder Mitarbeiter soll 3 bis 5 Prozent seiner Jahresarbeitszeit für Weiterbildungen und Zusatzqualifikationen aufwenden“, erklärt Schoberer. Ziel ist es, dass die Mitarbeiter sich abseits ihrer Bereiche weiterqualifizieren. „Unsere vier Unternehmensbereiche sind von unterschiedlichen wirtschaftlichen Zyklen abhängig“, beschreibt Schoberer das Prinzip. Ist in einem Bereich der Bedarf an Fachkräften besonders hoch, können Mitarbeiter aus anderen Bereichen wegen der Zusatzqualifikation in diesem Bereich eingesetzt werden. Gleiches gilt, wenn ein Bereich von einer Rezession betroffen ist. Anstatt Mitarbeiter zu entlassen und später in wirtschaftlich besseren Zeiten wieder zu suchen und so wertvolle Zeit im Aufschwung zu verlieren, können diese so im Unternehmen gehalten werden.

Früh gegen den Fachkräftemangel

Unternehmen können nicht früh genug beginnen, für ihr Unternehmen zu werben und sich so beim künftigen Personal bekanntzumachen. Diese Meinung vertritt Markus Höfliger, Geschäftsführer der Unternehmens Harro Höfliger Verpackungsmaschinen. Er geht mehrmals jährlich in örtliche Kindergärten und Grundschulen oder lädt die Kinder in sein Unternehmen ein. So schafft er bereits früh Bekanntheit und weckt das Interesse der Schüler für Berufe in seinem Unternehmen. Trotz Konzernen wie Daimler, Bosch und Mercedes vor der Haustür, die in Sachen Fachkräfte für den Mittelständler Wettbewerber sind, hatte der schwäbische Unternehmer bislang noch keine Probleme, Auszubildende zu finden und so Fachkräfte für die Zukunft selbst auszubilden.

Auch der hessische Automobilzulieferer Peiker Acustic kooperiert mit Kindergärten. Das Unternehmen will mit Familienfreundlichkeit bei Fachkräften werben und sich so für Personal attraktiv machen. Für die Kinder der Mitarbeiter sind aus diesem Grund Plätze in einer Kindertagesstätte reserviert. So können die Mitarbeiter ihre Kinder während der Arbeitszeit in ihrer Nähe unterbringen und müssen nicht vor und nach der Arbeit weite Wege auf sich nehmen. Auch die langwierige Suche nach einem Betreuungsplatz entfällt. Für Mitarbeiter, die wegen Krankheit des Partners oder aus anderen persönlichen Gründen kurzfristig eine Kinderbetreuung benötigen , hatte ebenfalls ein hessischer Mittelständler eine Idee: Bis zu zehn Tage im Jahr können Mitarbeiter ihre Kinder in einem Kindergarten in der Nähe des Unternehmens kostenlos unterbringen. Ein Anruf am Morgen des Tages genügt.

Im hohen Alter gegen Fachkräftemangel

Der Versandhändler Otto macht vor, was viele Unternehmen noch nicht bedenken. Anstatt teure Zeitarbeiter in das Unternehmen zu holen, wirbt das Unternehmen verstärkt um Rentner. Ehemalige Fach- und Führungskräfte im Alter zwischen 65 und 75 Jahren sollen zeitbezogene Projekte leiten oder Auftragsspitzen abdecken. Die Vorteile für Unternehmen sind eindeutig: Die ehemaligen Mitarbeiter kennen die Betriebsabläufe, die Unternehmenskultur und auch die Kollegen. Schnell sind sie deshalb eingearbeitet. Das Potential ist vorhanden. Im vergangenen Jahr hatten deutschlandweit 150.000 Rentner eine sozialversicherungspflichtige Arbeit. Nach Angaben der Agentur für Arbeit waren das fast doppelt so viele wie Ende 1999. Ebenfalls deutlich angestiegen, nämlich um 60 Prozent seit dem Jahr 2000, ist Zahl der Rentner mit Minijob. Aktuell verdient sich rund eine Dreiviertelmillion Rentner auf diese Weise etwas zu ihrer Rente dazu.

Auslandspotential

Vermehrt suchen Mittelständler auch Fachkräfte im Ausland. Die Krisenregionen Spanien, Portugal und Griechenland, wo die Jugendarbeitslosigkeit bei über 50 Prozent liegt, scheinen interessant zu sein. Gerade Unternehmen mit Tochtergesellschaften vor Ort, wie etwa der Schraubenhersteller Würth, können hiervon profitieren. Das Unternehmen sucht gezielt über die Auslandstöchter Mitarbeiter in Spanien. Trotz der Arbeitnehmerfreizügigkeit und des Zusammenwachsens Europas sind aber noch immer bürokratische Hürden vorhanden. Die Ausbildungswege sind nur selten vergleichbar, hinzu kommen die Sprachbarrieren. Die Abwanderung griechischer, portugiesischer und spanischer Jugendlicher hin zu deutschen Unternehmen ist deshalb gering. Eine schnelle Lösung gegen den Fachkräftemangel ist dies also nicht, aber das Potential ist vorhanden. Einfacher haben es Unternehmen, die in grenznahen Regionen angesiedelt sind, wie etwa der Möbelhersteller Brunner Group. Rund 40 Prozent der Facharbeiter sind Franzosen. Sie pendeln jeden Morgen über die Grenze in das Unternehmen. Aufgrund der Doppelsprachigkeit im Elsass ist die Integration einfach.