Dienstag, 23.04.2019

Foto: Kuhn Edelstahl

Heißes Eisen: Der Fachkräftemangel im Mittelstand lässt sich durch die Integration von Flüchtlingen zumindest teilweise lösen.

Personal
Fachkräftemangel

Warum eine kleine Edelstahlgießerei auf Flüchtlinge setzt

Können Flüchtlinge dabei helfen, den Fachkräftemangel zu lindern? Das Beispiel einer Edelstahlgießerei in Nordrhein-Westfalen zeigt, wie es geht – aber auch, wie Bürokratie und Behörden den Beteiligten das Leben schwer machen.

Im vierten Quartal 2018 fehlten in Deutschland 1,46 Millionen Fachkräfte. Das geht aus Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit hervor, die Mitte Februar veröffentlicht wurden. Als alleine 2016 fast 900.000 Flüchtlinge nach Deutschland kamen, hofften zahlreiche Unternehmen, mit deren Hilfe den Fachkräftemangel zu lindern. Das hat zumindest teilweise funktioniert. Zwar müssen viele Geflüchtete in so genannten Einstiegsqualifikationen fachlich und sprachlich geschult werden, bevor sie eine Ausbildung beginnen können. Danach können Flüchtlinge aber durchaus Leerstellen füllen, wie zum Beispiel bei Kuhn Edelstahl in Radevormwald im Bergischen Land.

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Der Mittelständler, der rund 36 Millionen Euro im Jahr umsetzt und 300 Mitarbeiter beschäftigt, bildet derzeit vier Flüchtlinge aus: drei Syrer und einen Mann aus Ghana. „Hätten wir 2018 die drei nicht eingestellt, hätten wir die Plätze nicht besetzen können“, sagt Andreas Döbler, Ausbildungsleiter für gewerblich-technische Berufe. Für die Flüchtlinge galten dabei keine anderen Einstellungsbedingungen als für deutsche Bewerber. „Voraussetzung ist ein naturwissenschaftliches Talent und ein technisches Grundverständnis.“

Finanzielle Unterstützung notwendig

Foto: Kuhn Edelstahl

Andreas Döbler von Kuhn Edelstahl

Der Mann aus Ghana absolviert eine Ausbildung zum Konstruktionsmechaniker. „Wir sind immer noch total begeistert. Er besteht alle Prüfungen mit Bravour und ist sehr motiviert, vieles hat er in seiner Freizeit nachgelernt“, sagt Döbler. Dass er sich auch im Betrieb gut eingefunden hat, gelang vor allem dank der Offenheit des Arbeitgebers und nicht wegen der Behörden – eher schon, trotz ihnen.

Da der Ghanaer schon vor Ausbildungsbeginn älter als 18 war und aus einem sicheren Herkunftsland kam, sahen die Behörden vor Ort zunächst keine Chance für einen dauerhaften Aufenthalt. Ob ein Land als sicher gilt oder nicht, ist seit August 2016 nicht mehr relevant. Die sogenannte „3+2-Regelung“ stellt sicher, dass ein Azubi drei Jahre während der Ausbildung und zwei Jahre danach nicht abgeschoben werden darf, wenn er eine Anschlussbeschäftigung erhält.

Auch sonst machen verschiedene Bestimmungen und Regelungen Arbeitgebern und Arbeitnehmern das Leben schwer. So fällt jegliche staatliche Unterstützung weg, sobald ein Flüchtling einen sozialversicherungspflichtigen Job annimmt. Zum Beispiel muss er dann die Mietkosten und die Kursgebühren fürs Deutschlernen selber zahlen. Da viele Flüchtlinge aber mit dem hart verdienten Lohn als Hilfsarbeiter oft noch ihre in der Heimat gebliebenen Familien unterstützen, bleibt für sie selbst nicht mehr viel von dem Lohn übrig. „Dadurch sparen sie sie am Deutschkurs, der wichtig wäre, um aus dem Hilfsarbeiterjob durch eine Ausbildung auf den Facharbeitermarkt zu kommen“, sagt Andreas Döbler.

Kuhn Edelstahl übernimmt deshalb für seine geflüchteten Mitarbeiter die Kosten für einen Deutschkurs, der im Unternehmen abgestimmt auf das Schichtsystem läuft. „Wir wollten verhindern, dass die Hilfsarbeiter von heute  in der Zukunft aufgrund von mangelnden Deutschkenntnissen in einer Sackgasse landen und aus mangelnden Deutschkenntnissen nicht bei uns ihre Ausbildung beginnen können“, erklärt Döbler. „Das ist für beide Seiten langfristig eine Win-Win-Situation und wir wirken damit dem Fachkräftemangel nachhaltig entgegen.“

Mittlerweile sind der Ghanaer und seine beiden Kollegen aus Syrien „total integriert“, sagt der Ausbildungsleiter. Sein Fazit fällt trotz so mancher organisatorischer Herausforderung positiv aus. Manche Azubis mit einer Fluchtvergangenheit seien sogar motivierter, als so manche gleichaltrige Deutsche. Auf die Frage, ob er sich auch in Zukunft vorstellen kann, Flüchtlinge auszubilden, sagt Döbler: „Ja, selbstverständlich.“