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Personal > Gesundheitsmanagement

Firmenfitness zahlt sich aus: Wie Unternehmen Gesundheit, Motivation und Leistung fördern

| Thorsten Giersch | Midia Nuri

Firmenfitness senkt Fehlzeiten, stärkt das Team – und spart Kosten. So gelingt nachhaltiges Gesundheitsmanagement im Unternehmen.

Workout fürs Unternehmen: Warum Bewegung am Arbeitsplatz lohnt (Foto: shutterstock)

Unternehmer können dabei helfen, dass ihre Beschäftigten gesund bleiben. Das motiviert und stärkt auch den Teamgeist. Der Betrieb profitiert in jedem Fall. 

Von Thorsten Giersch und Midia Nuri 

Wer in der Fußball-Bundesliga pfeifen will, muss fit sein. Und ist viel unterwegs. Schiedsrichter Patrick Kessel hatte während seiner Reisen zu den Spielen aber ein Problem: Die Hotels hatten oft keine Fitnessräume. „Da habe ich nach einer Lösung für mich gesucht, mit der ich immer und überall trainieren kann wie im Fitnessstudio.“ Weil es am Markt nichts Passendes gab, hat er mit Bekannten einen Rucksack mit integrierten Sportgeräten erfunden, eine App dazu gebaut und Pakama Athletics gegründet. Sind alle Teile drin, wiegt der Rucksack knapp vier Kilogramm, bietet aber noch genug Platz für die Dinge des Alltags, etwa ein Laptop. 

„Das Ziel ist, dass man den Rucksack morgens mit ins Büro nimmt“, sagt Kessel. Eines der Geräte darin ist eine zusammenschraubbare Alu-Langhantelstange, mit der sich verschiedene Übungen machen lassen. Wie genau, erklärt die App. Die bietet alles vom Anfängerprogramm bis hin zu Workouts für den sehr sportlichen Typ. Rund 100.000 Menschen nutzen Pakama bereits. Lag der Fokus zunächst etwa auf dem B2C-Geschäft, geht das 2020 gegründete Start-up inzwischen direkt auf die Personalabteilungen von Unternehmen zu. 

Die sind zunehmend an Firmenfitness interessiert. Bewegungsangebote spielen neben dem Arbeitsschutz die größte Rolle im betrieblichen Gesundheitsmanagement auch von Mittelständlern, wie eine Studie der Techniker Krankenkasse TK mit der IAS Gruppe und dem Fürstenberg Institut ergab. Und das, obwohl die Gesundheitsförderung, anders als der Arbeitsschutz und das Eingliederungsmanagement, nicht gesetzlich vorgeschrieben ist. Der Nutzen gilt mittlerweile als erwiesen. „Programme zur betrieblichen Gesundheitsförderung verringern Abwesenheitszeiten um 30 bis 40 Prozent“, stellten Experten der Beratung Roland Berger bereits vor Jahren fest. „Dadurch wird bereits innerhalb von drei bis vier Jahren eine Verringerung der Krankheitskosten erreicht.“ 

Wer Firmenfitness nutzt, beugt teuren Volkskrankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor. Daher verpflichtet das Präventionsgesetz seit 2016 Krankenkassen, jährlich mindestens zwei Euro pro versicherter Person in betriebliche Gesundheitsförderung zu stecken. Dafür können sich Firmen bewerben. Bevor Unternehmer ein Konzept oder einen Leitfaden für betriebliches Gesundheitsmanagement aufsetzen oder von einem Dienstleister ausarbeiten lassen, sollte ein Betriebsarzt eine Präventionsempfehlung erstellen. Die müssen die Krankenkassen berücksichtigen. In welche Unternehmen oder Maßnahmen eine Krankenkasse das für betriebliches Gesundheitsmanagement vorgesehene Geld investiert, bleibt der Kasse überlassen – nur investieren muss sie es. Mittelständler haben also gute Chancen auf Förderung, wenn sie mit Ideen für ein Gesundheitsmanagement in ihrem Unternehmen auf die Kasse zugehen.  

Bis zu 600 Euro steuerfrei

Soweit die Theorie. In der Praxis erreichen Firmen, die ihr Gesundheitsmanagement mit Fitness-Angeboten ausbauen, nur einen Teil der Beschäftigten. Unter anderem, weil diese sich beim Sport in der Öffentlichkeit nicht wohlfühlen. Und nicht jede oder jeder möchte mit Kollegen in der Umkleide stehen oder die Person auf dem Laufband neben sich wissen. Schwer erreichbar sind auch Väter und Mütter, die im Alltagsstress keine Zeit haben, zum Fitnessstudio zu fahren. Ein Fitnessrucksack oder Kurse und ein Fitnessraum im Betrieb können das ändern. Hilfreich auch: Bis zu 600 Euro können Arbeitgeber pro Mitarbeiter und Jahr steuerfrei zusätzlich für gesundheitsfördernde Maßnahmen wie anerkannte Präventionskurse an ihre Beschäftigten zahlen. 

Einen zentralen betrieblichen Vorteil für alle gibt es leider nicht. Denn während die eine Person nach intensiven Workouts sucht, wünscht sich die andere Entspannungsübungen oder Hilfe bei der eigenen Ernährung. „Wenn Unternehmen durchdachte All-in-One-Lösungen bieten, die außerdem durch niedrige Umsetzungshürden überzeugen, maximiert das langfristig die Teilnahmequote“, sagt Roland Reinheimer, CEO von Hansefit, das sich mit diesem Thema beschäftigt. Recht gut belegt ist, dass ein erfolgreich betriebliches Gesundheitsmanagement nicht nur die Gesundheit der Mitarbeitenden fördert, sondern auch die Unternehmenskultur. „Ein oft unterschätzter Vorteil ist die stärkere Teamdynamik“, sagt Reinheimer. Denn entsprechende Angebote eigneten sich auch ideal für sportliche Teamevents, die nachhaltig das kollegiale Miteinander festigen. So profitieren Unternehmen im Idealfall durch Firmenfitness von einem besseren Arbeitsklima, einer stärkeren Identifikation jedes und jeder Einzelnen mit dem Unternehmen und nicht zuletzt einer höheren Produktivität. 

Unternehmer sollten Firmenfitness und andere Gesundheitsmaßnahmen nicht als isolierte Projekte verstehen, sondern als dauerhaften, im Unternehmen etablierten Prozess. Damit Firmenfitness erfolgreich sein kann, sind die Führungskräfte entscheidend. Treiben sie regelmäßig Sport und nehmen sie Stressmanagement ernst, signalisieren sie ihren Mitarbeitenden, dass Gesundheit ein zentraler Wert im Unternehmen ist – und tun sich auch selbst etwas Gutes. „Das wirkt stärker als jeder Aushang und ermutigt zur Teilnahme“, sagt Hansefit-Chef Reinheimer. 

Unternehmen können auch zur Firmenfitness beitragen, indem sie die Hürde für Arzbesuche senken – beispielsweise bei Hautproblemen. „Mental Health und Rückengesundheit sind längst fester Bestandteil vieler BGM-Konzepte“, sagt Ole Martin, Arzt und Geschäftsführer von Dermanostic in Solingen. Hautgesundheit hingegen bleibe oft unter dem Radar. „Dabei sind Hauterkrankungen die häufigste Berufskrankheit und verursachen jährlich hohe Kosten für Unternehmen“. Rund 40 Prozent beträgt der Anteil an den gemeldeten berufsbedingten Erkrankungen bei den Trägern der gesetzlichen Unfallversicherungen. Die Dunkelziffer liegt deutlich höher. Die volkswirtschaftlichen Folgekosten liegen bei hierzulande etwa 1,8 Milliarden Euro. 

Am häufigsten sind Berichten zufolge durch Arbeit in Feuchtigkeit ausgelöste irritative Kontaktekzeme der Hände. Besonders hautgefährdet sind Beschäftigte im Handwerk, der Pflegebranche wegen des häufigen Kontakts mit einer Vielfalt potenzieller Hautreizer wie Desinfektions- und Reinigungsmittel sowie mechanischen Reizen, aber auch der Industrie. „Mitarbeitende im Metall- und Maschinenbau sind häufig Hitze, Metallstäuben, Ölen, Reinigungs- und Schmierstoffen ausgesetzt“, erklärt Martin. 

Hautarzt per App

Eine schnelle dermatologische Abklärung helfe, Beschwerden frühzeitig zu behandeln und krankheitsbedingte Ausfälle zu verringern, sagt der Arzt. Martin und seine Frau sowie ein weiteres Ärzteehepaar entwickelten eine App, über die sich Nutzer binnen eines Tages von Hautfachärzten behandeln lassen können – einschließlich Diagnose und Therapieempfehlung. Bei einer notwendigen Weiterbehandlung vor Ort werden die Patienten zudem bei der Terminvereinbarung mit einer Facharztpraxis unterstützt. 

„Unser Ziel: Mitarbeitende gesund halten, bevor sie zu Patienten werden. Dafür bieten wir neben der Behandlung auch Schulungen und Workshops zu Prävention und Hautschutz“, sagt Martin. Oft erschweren sowohl Schichtarbeit als auch Homeoffice die Organisation etwa von Hautkrebsscreenings. „Die Wartezeit auf einen Hautarzttermin losgelöst vom Arbeitgeber beträgt mehrere Wochen“, sagt Martin. Das verkürzt die App. „Auch chronische oder alltägliche Hautprobleme lassen sich per App schnell und unkompliziert behandeln, bevor sie sich verschlimmern.“ 

Für die Firmenfitness ist auch Lufthygiene nicht zu unterschätzen. Wie gut sich Infektionserkrankungen durch sie eindämmen lassen, haben Maßnahmen in öffentlichen Gebäuden, Industrieunternehmen, Landtagen, Arztpraxen und Apotheken sowie Schulklassen und Restaurants gezeigt. Pandemieunabhängig bleibe Lufthygiene für den wirtschaftlichen Erfolg entscheidend, ist Hank Schiffers sicher. Der Mediziner ist seit mehr als 20 Jahren im Gesundheitswesen tätig und auf Innovationen in Medizintechnik und bei Dienstleistungen spezialisiert. Mit Beginn der Pandemie hat er Krankenhäusern und Unternehmen dabei geholfen, zu vermeiden, dass sich das Virus verbreitet – und dabei erhebliche Leistungssteigerungen und Wettbewerbsvorteile gemessen. „Es gab nicht nur weniger Ausfälle durch Infektionen, sondern Allergiker und Asthmatiker waren zum Beispiel im Sommer weniger durch Allergiesymptome beeinträchtigt“, beobachtete Schiffers. Dass Lufthygiene zu messbar besserer geistiger Leistungsfähigkeit helfe, habe eine südkoreanische Studie in Schulen gezeigt, berichtet Schiffers. „Man hat festgestellt, dass Schüler, die in einem Raum mit gefilterter Luft saßen, wesentlich bessere Ergebnisse hatten als Schüler in ungefilterter Luft. Der Faktor war hier Feinstaub, die Studie entstand vor der Pandemie.“ 

Das Virus ist auch heute immer noch da. Infektionen zu vermeiden, lohnt sich Schiffers zufolge, zum Beispiel für Mitarbeiter, auf deren Konzentration und Präzision es besonders ankommt. „Fahrzeugführer zum Beispiel fahren unter Covid-Einfluss so wie jemand, der sich am gesetzlich erlaubten Limit des Alkoholkonsums befindet“, erläutert der Experte. „Auch nach der akuten Infektionen bleibt das Tiefensehen selbst bei nur mild Infizierten häufig verändert.“ Das kann die Auge-Hand-Koordination beeinträchtigen, was in Handwerk, Industrie und im Straßenverkehr die Unfallgefahr erhöhen kann. 

„Wer qualitativ hochwertige Leistungen im heutigen Wettbewerbsumfeld erbringen will, kann sich kein krankes Team leisten“, ist Schiffers überzeugt. „Wir haben die Möglichkeit, unsere Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass wir besser funktionieren können.“ Das hätten Arbeitgeber in Deutschland historisch aus rein betriebswirtschaftlichen Gründen bereits mit Wasser, Nahrungsmitteln und Abwässern gemacht. Auch unsere Maschinen seien heute so gestaltet, dass man sich im Idealfall nicht mehr einen Arm abtrenne. „Vergleichbares erreichen Arbeitgeber heute, indem sie die Luftqualität kontrolliert anpassen“, sagt Schiffers. So haben Untersuchungen in Skandinavien ergeben, dass sich die Zahl der Fehltage um bis zu 30 Prozent verringert hat. 

Die Maßnahmen müssen sich Schiffers zufolge an den realen Gegebenheiten des Unternehmens orientieren. Das können Luftfilter in Büros sein oder Tests oder Masken für Außendienstler und Kollegen mit Schnupfnase. „Man kann Maßnahmen so gestalten, dass sie auch Spaß machen“, sagt Schiffers. „Schon allein, weil Mitarbeiter besser motiviert sind, wenn sich Arbeit auf mehr gesunde Schultern verteilt.“ Professionell geplante Lufthygiene ist, fügt Schiffers mit einem Augenzwinkern an, „die legale Form des Firmen-Dopings“. 

FAQ zur Firmenfitness

  • Was ist Firmenfitness? Firmenfitness bezeichnet Bewegungs- und Gesundheitsangebote, die Unternehmen für ihre Mitarbeitenden bereitstellen.
     
  • Welche Vorteile bringt Firmenfitness? Sie reduziert Krankheitsausfälle, stärkt den Teamgeist, erhöht die Motivation und verbessert die Produktivität.
     
  • Wie profitieren Unternehmen konkret? Studien zeigen: Krankheitsbedingte Fehlzeiten sinken um bis zu 40 %, Unternehmen sparen Kosten.
     
  • Gibt es finanzielle Anreize für Firmen? Ja. Bis zu 600 € jährlich pro Mitarbeitendem können steuerfrei für Gesundheitsangebote investiert werden.
     
  • Welche Angebote eignen sich besonders? Mobile Fitnesslösungen wie Pakama-Rucksäcke, Inhouse-Kurse, Apps, Präventionsangebote und Lufthygienekonzepte.
     
  • Wie wichtig ist die Vorbildfunktion der Führungskräfte? Sehr wichtig. Aktive Führungskräfte fördern das Gesundheitsbewusstsein im Team nachhaltig.
     
  • Welche Rolle spielt Lufthygiene im Büro? Sie senkt das Infektionsrisiko, verbessert die kognitive Leistung und reduziert Ausfalltage.
     
  • Was ist mit schwer erreichbaren Mitarbeitenden? Mobile Angebote, Onlinekurse und Apps helfen, auch Homeoffice-Kräfte oder Schichtarbeitende zu erreichen.
     
  • Welche Rolle spielt die Krankenkasse? Kassen müssen in betriebliche Gesundheitsförderung investieren. Unternehmen können gezielt Mittel beantragen.

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