Dienstag, 14.02.2017
Bashar Mina kommt aus Syrien und arbeitet seit gut einem Jahr bei dem Karrosseriebaubetrieb Weissenfels.

Fotoquelle: Weissenfels GmbH

Gründlichkeit gefragt: Bashar Mina kommt aus Syrien und arbeitet seit gut einem Jahr bei dem Karrosseriebau- und Lackierbetrieb Weissenfels.

Personal
Integration in den Arbeitsmarkt

Flüchtlinge als Angestellte: Und es geht doch

Keine Ausbildung, schlechte Deutschkenntnisse, Flüchtling – mit dieser Biografie ist es hierzulande fast unmöglich, eine bezahlte Arbeit zu finden. Beim Karosseriebaubetrieb Weissenfels zeigen vier junge Männer, dass es doch geht.

Der Karosseriebetrieb Weissenfels in Asbach hat sich darauf spezialisiert, Unfallautos wieder fit für die Straße zu machen. Kunden sind im Internet über die Zuverlässigkeit, Schnelligkeit und Freundlichkeit der Mitarbeiter voll des Lobes. Seit rund einem Jahr hat das Unternehmen auch in einem weiteren Punkt Vorbildcharakter: Der Mittelständler beschäftigt unter seinen rund 45 Mitarbeitern mehrere Flüchtlinge.

In den vergangenen Monaten haben viele Medien, darunter auch „Markt und Mittelstand“ unter dem Titel Die Ausländerbehörde antwortet nicht, darüber berichtet, wie schwierig es in Deutschland ist, Flüchtlinge einzustellen. Sind die Unternehmen dazu bereit, verweigern die Behörden aufgrund vieler unsinnig erscheinender Vorschriften die Zustimmung. Geben andererseits die Behörden grünes Licht, haben Unternehmen wegen der oft schlechten Ausbildung und wegen schlechter Deutschkenntnisse Bedenken (s.a. "Markt-und-Mittelstand"-Studie: Flüchtlinge sind nicht die Lösung für Fachkräftemangel). Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren scheint eine Quadratur des Kreises zu sein.

Als der Werkstatt- und Lackierbetrieb Weissenfels vor rund einem Jahr einen Großauftrag für die Lackiererei bekam, hatten die Inhaber Dieter und Andrea Weissenfels ein Problem. Sie fanden keine Mitarbeiter für die Ausführung: „Es ging um das Reinigen von vorgefertigten Autoteilen. Die Arbeit ist nicht schwer, aber man muss sie gründlich machen“, erklärt Tochter Isabell Weissenfels. „Dafür Personal zu finden ist in Deutschland schwierig.“

„Die Arbeitsagentur hat uns unterstützt“

Die Inhaber Dieter und Andrea Weissenfels sind froh, dass sie neue Mitarbeiter gefunden haben.

Fotoquelle: Weissenfels GmbH

Unternehmergeist und Engagement: Die Inhaber Dieter und Andrea Weissenfels sind froh, dass sie neue Mitarbeiter gefunden haben.

Anfang 2016 steht plötzlich ein Mann vor der Werkstatt und fragt nach Arbeit: Es ist Bashdar Mina, Syrer, 26 Jahre alt, seit zwei Jahren in Deutschland. Und er spricht erstaunlich gut Deutsch. Minas Frau hat bereits in Erfahrung gebracht, welche Anträge wo gestellt werden müssen, damit er in der neuen Heimat arbeiten kann. Dieter Weissenfels entscheidet sich, dem jungen Mann eine Chance zu geben.

Bis zu seiner Anmeldung bei der Arbeitsagentur beginnt Mina ein mehrwöchiges, unentgeltliches Praktikum in der Lackiererei – einer bezahlten Arbeit darf der Syrer erst einmal nicht nachgehen, weil er noch keine Arbeitserlaubnis hat. Aber nutzlos herumsitzen will er auch nicht, das imponiert dem Werkstattbesitzer. Um die Arbeitserlaubnis kümmert sich Isabell Weissenfels, die während des Praktikums die Vorrangprüfung beantragt. Dabei sei die Arbeitsagentur sehr zugänglich gewesen. „Sie hat uns gut unterstützt, und wir haben alle Informationen sehr schnell bekommen."

Behörden benötigten rund zwei Monate für die Bearbeitung

Die Arbeitsagentur schreibt die Stellen des Lackierbetriebs ein weiteres Mal aus, um zu prüfen, ob es nicht doch einen deutschen Bewerber gibt. Aber nachdem sich auch bei der Agentur niemand meldet, gibt die Behörde grünes Licht, und Bashdar Mina kann seinen Arbeitsvertrag unterschreiben. Den Umweg über eine Einstiegsqualifikation will der Syrer nicht gehen. Diese Mischform aus Praktikum und Ausbildung wird bereits bezahlt und enthält erste schulische Ausbildungsanteile. Mina entscheidet sich dafür, lieber gleich Vollzeit zu arbeiten. „Für Bashar war das Wichtigste, dass er seine Familie selbst versorgen kann“, erzählt Isabell Weissenfels.

Auch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, das in den vergangenen Monaten viel Schelte einstecken musste, legt dem Antrag keine Steine in den Weg. Insgesamt dauert es aber rund zwei Monate, bis alle Anträge eingereicht sind und die entsprechenden Genehmigungen vorliegen. Obwohl alles vergleichsweise glatt gelaufen ist, sei es doch eine „Zitterpartie“ gewesen. „Uns kam die Wartezeit schon sehr lange vor“, sagt die junge Frau rückblickend. Dass die Vorrangprüfung mittlerweile abgeschafft ist, sei sinnvoll, das verringere die Unsicherheit für Unternehmen.

Ein paar Wochen nach seinem Arbeitsbeginn bringt Bashdar Mina einen Freund mit. Auch der Iraker ist hochmotiviert, aber im Gegensatz zu Mina sind seine Deutschkenntnisse noch recht beschränkt. Das Problem lässt sich aber schnell lösen: Gibt es Verständigungsschwierigkeiten, steht sein Freund Bashar bereit, der mehrere Sprachen spricht. Auch er integriert sich schnell. Der Chef ist voll des Lobes. „Sie sind sehr lernfähig und zuverlässig“, sagt Dieter Weissenfels.

Bezahlung nur nach Mindestlohn

Der Inhaber ist so zufrieden, dass er die Männer fördert und weiterentwickelt. Zu den neuen Tätigkeiten gehören etwa Schleifarbeiten. „Das Ziel ist es, dass sie irgendwann alle Abläufe in der Lackiererei beherrschen und ausführen können“, sagt er. Dafür würde er den Männern gern auch mehr als nur den Mindestlohn bezahlen – darf es aber nicht. Übersteigt der Lohn eine bestimmte Höhe, werden den Flüchtlingen staatliche Zuschläge gestrichen. Immerhin ein Weihnachtsgeld darf der Inhaber seinen Neulingen aber doch zukommen lassen.

Viele Unternehmen sorgen sich, dass Flüchtlinge wegen ihres kulturellen Hintergrunds das Betriebsklima stören. Diese Befürchtungen haben sich bei dem Karosseriebauer Weissenfels nicht bestätigt: „Mitarbeiter aus anderen Kulturkreisen gehören bei uns selbstverständlich dazu und werden von allen ganz normal behandelt“, sagt Isabell Weissenfels. Dass die Männer während des Ramadan nichts essen oder zwischendurch beten, sei für niemanden ein Problem.

Mit zwei weiteren Flüchtlingen, die im vergangenen August und September bei der Firma angeheuert haben, waren bis vor kurzem vier Flüchtlinge als Hilfskräfte beschäftigt; der Freund von Bashar Mina hat den Betrieb mittlerweile wieder verlassen. Dass die Flüchtlinge keine Ausbildung im deutschen Sinn haben, ist für Weissenfels nichts Ungewöhnliches: Das Unternehmen hat 80 Prozent seiner Mitarbeiter selbst ausgebildet. Dieter Weissenfels hat die Entscheidung daher nicht bereut: „Wenn alle Unternehmen ein bisschen weiterdächten, würde das mit der Integration auch besser funktionieren.“

Info

Was zu beachten ist, wenn man Flüchtlinge einstellen möchte, treibt derzeit viele Unternehmer um. Wir haben die wichtigsten Infos gesammelt - und berichten, wie sich Theorie und Praxis unterscheiden. Hier finden Sie eine Übersicht über unseren Themenschwerpunkt "Flüchtlinge und der Arbeitsmarkt".