Dienstag, 29.06.2021

KAUFMANN / LANGHANS

Dominik Kaufmann ist Gründer und Geschäftsführer der Unternehmensberatung KAUFMANN / LANGHANS.

Personal
Gastbeitrag

Fünf Gründe, wieso der Mittelstand gut für die Zukunft aufgestellt ist

Mehr als jeder zweite Euro wird in Deutschland in kleinen und mittelständischen Unternehmen erwirtschaftet. Kein anderes Land hat so viele mittelständische Weltmarktführer wie Deutschland.

Mit Fug und Recht lässt sich sagen: Der Mittelstand ist das Rückgrat der deutschen Volkswirtschaft. Und doch – um im Sprachbild zu bleiben – schmerzt der Rücken seit einiger Zeit, hat sich die Wahrnehmung schon vor Corona verändert: In den Stolz auf die Hidden Champions mischt sich Sorge um deren Zukunftsfähigkeit. Zurecht?

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Die Analyse ist eindeutig und in zahllosen Studien nachzulesen: Digitale Vorreiter sind unter den deutschen KMU die Ausnahme. Die Sorge ist also durchaus berechtigt. Doch gleichzeitig verstellt das ewige Sezieren der Schwächen den Blick auf die Stärken des deutschen Mittelstands. In Deutschland sind wir zu häufig Weltmarktführer in der Problembeschreibung: Statt Möglichkeiten und Potentiale zu sehen, arbeiten wir uns an einer Mängelliste ab, statt über unsere Stärken zu sprechen, betonen wir lieber unsere Schwächen. Diese Defizitorientierung lähmt und ist Teil des Problems – höchste Zeit also, sich der eigenen Stärken und Potentiale zu vergewissern, auf denen sich die Zukunft des Mittelstands bauen lässt:

1. Technologieführerschaft

Deutschland ist das Land der Hidden Champions. Mehr als 1.000 solcher öffentlich relativ unbekannter Unternehmen, die jedoch in ihrer Branche Marktführer sind, zählt die Wissenschaft. Diese starke Marktposition und die in vielen Industrien noch immer bestehenden hohen Markteintrittsbarrieren sind eine hervorragende Basis, um sich im digitalen Zeitalter neu zu erfinden. Insbesondere, da die Marktführerschaft unserer Hidden Champions nicht auf Low-Cost aufgebaut, sondern durch Technologieführerschaft, Wirtschaftlichkeit und Qualität entstanden ist. Um aus dieser starken Ausgangsposition den Sprung ins digitale Zeitalter zu meistern, wird es für den Mittelstand jedoch wichtig, auch neue Technologien konsequent und frühzeitig in die eigene Wertschöpfung zu integrieren. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung hat bis dato nur ein Viertel der mittelständischen Unternehmen diesen Weg bereits eingeschlagen und eine Innovationskompetenz und -kultur entwickelt, die langfristig die Wettbewerbsfähigkeit sichert und ausbaut. 

2. Solide Finanzen und schlanke Strukturen

In vielen mittelständischen Unternehmen liegen Eigentum und Leitung in einer Hand. Die vielerorts positive Konsequenz: Solide Finanzen und schlanke Strukturen. Friederike Welter, Chefin des Instituts für Mittelstandsforschung, unterstreicht entsprechend, dass viele mittelständische Unternehmen seit der Finanzkrise ihre Eigenkapitalquote deutlich steigern konnten und mit einem guten Finanzpolster in die Corona-Zeit hineingegangen sind. Gleichzeitig sind viele Mittelständler organisational schlank aufgestellt – nicht nur wegen der Kostensensibilität der EigentümerInnen, sondern auch, weil anders als etwa bei Mischkonzernen keine Doppelstrukturen in verschiedenen Geschäftsfeldern entstehen. Klar ist: Die finanzielle Robustheit und die schlanken Strukturen unseres Mittelstands sind eine gute Absprungbasis für notwendige Veränderungen und mutige Investitionen.

3. Zeit und Langfristorientierung

Eine der größten und zugleich verkanntesten Stärken des Mittelstands ist seine Ausrichtung auf Kontinuität und Langfristigkeit. Denn wer ein Umfeld erschaffen will, in dem Innovationen erst keimen und später erfolgreich kommerzialisiert werden, der braucht einen langen Atem. Dies gilt allen voran für sogenannte disruptive Innovationen, deren Weg klassischerweise gesäumt ist von Rückschlägen, Fehlern und Enttäuschungen. Die große Herausforderung liegt für viele Mittelständler gegenwärtig jedoch darin, den Balanceakt zwischen dem heutigen Kerngeschäft und mutigen Investitionen in neue Geschäftsmodellen zu meistern und der Inkubation von neuen Ideen und Innovationen die Zeit und das Vertrauen zu geben, die einst auch das heutige Kerngeschäft gehabt hat. Dabei hilft es natürlich auch, nicht quartalsweise an die Kapitalmärkte berichten zu müssen.

4. Schnelle und direkte Entscheidungen

Im Vergleich vor allem zu Großkonzernen haben viele Mittelständler einen weiteren entscheidenden Vorteil: Kurze Entscheidungswege und schnelle Entscheidungsprozesse. Die Folge ist ein deutlich höheres Maß an Flexibilität und Geschwindigkeit, mit denen mittelständische Unternehmen auf die Chancen und Risiken des immer schnelllebigeren digitalen Zeitalters reagieren können. Doch um diesen Vorteil auszuspielen, kommt den EigentümerInnen und GeschäftsührerInnen eine entscheidende Rolle zu. Verstehen sie sich als BeschleunigerInnen und MöglichmacherInnen, können sie ihren Unternehmen im immer schnelleren Rennen um Innovationen einen erheblichen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Verschleppen oder blockieren die EigentümerInnen hingegen notwendige beziehungsweise mutige Entscheidungen, werden sie schnell zum Flaschenhals und bedrohen im Angesicht der immer schnelleren Innovationsgeschwindigkeit die Zukunftsfähigkeit ihrer Unternehmen. 

5. Etablierte Netzwerke und Endkundenzugang

Abschließend das vielleicht wichtigste Pfund: Die allermeisten Mittelständler verfügen über langjährige und vertrauensvolle Beziehungen sowohl zu ihren Lieferanten als auch zu ihrem Kundenstamm. Und obwohl der Mittelstand mancherorts noch immer als verschlossen gilt, sind es die meisten Mittelständler schon aufgrund ihrer Spezialisierung seit jeher gewohnt zu kooperieren. Darüber hinaus sind in den vergangenen Jahren substantielle regionale und überregionale Netzwerke und Ökosysteme entstanden, die auch die Zusammenarbeit mit Startups ermöglichen: Laut der Deutschen Gründer- und Innovationsstudie bestätigen 77 Prozent der KMUs: Kooperationen mit Startups stärken die Digitalisierung.

Dominik Kaufmann ist Gründer und Geschäftsführer von KAUFMANN / LANGHANS. Zuvor war er Projektleiter bei der von McKinsey-Alumni gegründeten Strategie- und Organisationsberatung undconsorten und Market Manager bei der Daimler AG. Herr Kaufmann ist außerdem Mitglied bei Mensa e.V..

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