Mittwoch, 01.06.2016
Public Viewing auf dem Firmengelände, Tippspiele oder in „Schwarz-Rot-Gold“ gekleidete Mitarbeiter werden auch dieses Jahr während der Fußball-EM bei Mittelständlern erwartet. Doch wo hört der Spaß arbeitsrechtlich auf?

Fotoquelle: Zoonar RF/Thinkstock/Getty Images

Public Viewing auf dem Firmengelände, Tippspiele oder in „Schwarz-Rot-Gold“ gekleidete Mitarbeiter werden auch dieses Jahr während der Fußball-EM bei Mittelständlern erwartet. Doch wo hört der Spaß arbeitsrechtlich auf?

Personal
Fussball-EM während der Arbeitszeit

Fußball-EM: Arbeitsrechtlich sehr heikel

Zur Fußball-EM leisten sich Unternehmen Tippspiele, Turniere und Public Viewing für ihre Mitarbeiter, um Teamgeist und Arbeitgebermarke zu stärken. Doch arbeitsrechtlich bewegen sie sich auf sehr dünnem Eis.

Während die europäischen Nationalmannschaften bei der Fußball-EM in französischen Metropolen wie Paris, Marseille oder Bordeaux um den EM-Titel kämpfen, gibt es natürlich auch auf deutschem Boden wieder viele Aktionen rund um die Fußball-EM: Public-Viewing-Partys, Deutschlandfahnen-Verkleidung und Tippspielrunden werden überall zu finden sein. Dies findet zweifelsohne nicht nur im Privaten statt, denn auch in so manchem Unternehmen soll es rund um die Fußball-EM Aktionen und Angebote für die Mitarbeiter geben.

Denn das Wir-Gefühl, das entsteht, wenn Menschen gemeinsam die Nationalmannschaft anfeuern, kann eben auch den Teamgeist im Unternehmen stärken. Das Motto lautet also, die gute Stimmung beim sportlichen Großereignis des Jahres einzufangen und in positive Energie fürs Miteinander auf der Arbeit umzuwandeln. Doch leider sind nicht alle Aktionen unbedenklich.

Büroalltag aufpeppen zur Fußball-EM

Bei dem mittelständischen Automobilzulieferer Helbako im nordrheinwestfälischen Heiligenhaus wird es gleich mehrere Events für die Mitarbeiter geben. „Wir sind 270 Mitarbeiter, aber ein Team! Und diesen Teamgeist möchten wir mit diesen Aktionen weiter stärken und sorgen so zusätzlich für eine Auflockerung des meist doch recht stressigen Automotive-Alltags“, erklärt Ulf Zimmermann, in der Geschäftsleitung zuständig für die internationale Unternehmensentwicklung von Helbako.

Das Unternehmen werde anlässlich der Fußball-EM in Frankreich seinen Mitarbeitern ein Tippspiel anbieten, bei dem attraktive Preise auf die besten Tipper warten. „Unsere Mitarbeiter registrieren sich online für das Tippspiel und können sich so gegenseitig messen“, erläutert Zimmermann den Ablauf. Für Gesprächsstoff in den Pausen sei somit gesorgt. Das Tippspiel an sich kommt in der Regel gut bei den Mitarbeitern an, und es ist relativ einfach zu organisieren. Jedoch gibt es einige Punkte zu beachten, damit auch rechtlich keine Schwierigkeiten entstehen.

Fußball-EM: Tippspiel mit Vorsicht genießen

Andrea Mehrer, Fachanwältin für Arbeitsrecht bei der AGC Arbeitsrecht Gesellschaftsrecht Consulting, gibt zu bedenken, dass die Auseinandersetzung der Mitarbeiter mit dem Tippspiel auch problematisch werden kann. Dies ist der Fall, wenn zum Beispiel öfters während der Arbeitszeit Tipps abgegeben werden. „Tippspiele oder Ähnliches sind nur vor Beginn der Arbeitszeit, während der Mittagspause oder nach Feierabend zulässig, denn arbeitet der Arbeitnehmer nicht, dann erfüllt er seine vertragliche Verpflichtung nicht. Damit hat er in diesen Zeiten eigentlich keinen Anspruch auf Lohn.“

Der Tippspiel-Initiator im Unternehmen muss außerdem darauf achten, dass nicht gegen das betriebliche Verbot für die private IT-Nutzung – falls vorhanden– verstoßen wird. Denn in der Regel werden die Konten online eingerichtet und online getippt. „Ist die private IT-Nutzung nicht gestattet, dann ist das schlichtweg ein Verstoß gegen den Vertrag“, erläutert Mehrer. Auch das Einrichten eines Tippspiels darf die zuständigen Mitarbeiter nicht allzu lange von ihrer eigentlichen Tätigkeit abhalten. Wurde das Tippspiel vom Arbeitgeber erlaubt und veranlasst, sollte das Ganze weniger problematisch sein.

Helbako hat ausnahmslos gute Erfahrungen gemacht. Das Unternehmen führt bereits seit vielen Jahren zu jeder WM und EM Tippspiele durch. „Unsere Mitarbeiter danken es uns mit sehr positiven Rückmeldungen“, berichtet Ulf Zimmermann. Je nach Abschneiden und Anstoßzeit der Spiele der deutschen Nationalmannschaft könne bei Helbako auch der Fernseher in der Kantine zum gemeinsamen Schauen verwendet werden, fährt er fort, „sodass auch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Dreischichtbetrieb die Chance haben, die wichtigsten Spiele zu verfolgen“. Und natürlich können die Mitarbeiter nur dann Pausen machen, um beispielsweise mit anderen Kollegen ein Spiel der deutschen Nationalmannschaft zu sehen, wenn der Arbeitgeber die Erlaubnis gibt. Ansonsten nicht. Handelt der Arbeitnehmer eigenmächtig, droht die verhaltensbedingte Kündigung.

Alkoholverbot trotz Fußball-EM

Bei allem Spaß und Spiel müssen sich Vorgesetze beim Public Viewing im Unternehmen auch an die Haftungsbestimmungen halten. Bei Unternehmen, in denen es kein allgemeines Alkoholverbot gibt, ist der Arbeitgeber selbst in der Haftung, wenn beispielsweise Alkohol über die IT verschüttet wird. Herrscht allerdings ein allgemeines Alkoholverbot am Arbeitsplatz, dann darf  innerhalb des Betriebsgeländes natürlich auch während der Fußball-EM kein Alkohol getrunken werden.

Grundsätzlich gilt, dass der Arbeitgeber das Hausrecht hat, denn in Deutschland besteht kein generelles gesetzliches Alkoholverbot am Arbeitsplatz. Es gibt jedoch viele Unternehmen, bei denen ein eingeschränktes oder vollkommenes Alkoholverbot besteht, denn nach dem Arbeitsschutzgesetz muss der Arbeitgeber Maßnahmen zur Verhütung von Unfällen und arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren treffen. Und das nicht nur dann, wenn Mitarbeiter beispielsweise mit Gefahrengütern arbeiten. Das Unternehmen hat eine Fürsorgepflicht gegenüber seinen Mitarbeitern, die fähig sein müssen, ihre Arbeit adäquat auszuführen und andere nicht zu gefährden.

Fußball-EM im Schichtbetrieb

Bei einem Betrieb aus Thüringen, der nicht genannt werden möchte, stellte sich nach der Fußball-WM 2014 heraus, dass sich die Mitarbeiter untereinander nahezu regelmäßig ausgeholfen, kurzfristig Schichten von Kollegen übernommen hatten und selbst an anderer Stelle dafür nicht zur Arbeit erschienen waren, um die Spiele privat schauen zu können. Dies ist jedoch rechtswidrig. „Selbstbeurlaubung oder eigenmächtiger Schichtwechsel für die Spiele ist schlicht verboten. Beim Schichtwechsel untereinander und ohne Absprache mit dem Arbeitgeber droht der Arbeitnehmer gegen das Direktionsrecht des Arbeitgebers zu verstoßen“, führt Andrea Mehrer aus.

Der Arbeitgeber ist befugt, seinen Arbeitnehmern Anweisungen zu geben beziehungsweise die erwarteten Arbeitsleistungen konkret zu definieren. Das Direktionsrecht oder auch Weisungsrecht ergibt sich aus Paragraph 106 Gewerbeordnung und Paragraph 315 BGB. Schließlich entstehen Schichtpläne häufig nach bestimmten Kriterien, die der Arbeitgeber festlegt, weshalb auch hier nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Arbeitgebers ein Tauschen der Schichten arrangiert werden darf.

Mitarbeiter mit der Fußball-EM motivieren

Ulf Zimmermann, in der Geschäftsleitung bei Helbako zuständig für die internationale Unternehmensentwicklung, berichtet über viele positive Erfahrungen bei EM-Aktionen für seine Mitarbeiter. Bildquelle: Helbako

Bei Helbako wird es außerdem noch ein internes Kicker-Turnier geben, bei dem in Zweierteams der Helbako-Europameister ausgespielt und gekürt wird.

Ob Mitarbeiter während der Arbeitszeit schwarz-rot-gold kostümiert oder im Fußballtrikot am Arbeitsplatz erscheinen dürfen, hängt selbstredend davon ab, welche Hausregeln vorliegen und ob der Mitarbeiter möglicherweise Kundenkontakt hat. Erscheint beispielsweise ein Kunde zufällig doch und der Mitarbeiter muss nach Hause fahren, um sich umzuziehen, erhält er für diese Zeit keinen Lohn, sagt Andrea Mehrer.

Trotz der geringen Kosten haben solche Events eine große Wirkung auf die Mitarbeitermotivation. Wer sich also an die rechtlichen Regeln hält, kann seinen Mitarbeitern mit wenig Aufwand Aktionen zur Fußball-EM anbieten.