Freitag, 11.05.2018

Foto: Handelskammer Hamburg

Gegen den Wind: Vor gut einem Jahr haben Kleinunternehmer die Geschäfte der Hamburger Handelskammer übernommen – und versuchen sie seitdem zu reformieren.

Personal
Mehr Mitbestimmung und Transparenz

Hamburgs Weg zu einer neuen – und besseren – Handelskammer

In der Handelskammer (HK) Hamburg hat vor einem Jahr eine Gruppe von Kleinunternehmern die Macht übernommen. Was die neue Spitze seitdem verändert hat, erklären der Präses Tobias Bergmann und Hauptgeschäftsführerin Christi Degen im Interview.

Herr Bergmann, vor einem Jahr war Ihre Wahl zum Präses der HK Hamburg ein Schock für die alteingesessenen Unternehmen. Hat sich der Sturm wieder gelegt?
Bergmann: Sicher gibt es Kammermitglieder, die nicht gesprächsbereit sind. Aber ich suche weiterhin den Dialog und erlebe vor allem Zuspruch dabei.

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Hatten Sie mit Ihren Reformplänen für die HK Hamburg schon Erfolg?
Bergmann: Und ob! Wir haben 99 Prozent der zahlenden Mitglieder bei den Beiträgen entlastet. Zudem werden die Entscheidungen in der HK Hamburg nun viel transparenter getroffen. Außerdem ist es uns gelungen, die kleinen und großen Unternehmen mehr als früher an einen Tisch zu bringen.

Foto: Handelskammer Hamburg

Tobias Bergmann ist Präses der Handelskammer Hamburg.

In welchen Bereichen?
Bergmann: Jede Entscheidung der HK Hamburg muss jetzt intensiv in den Ausschüssen behandelt werden – das dauert zwar länger, ist aber demokratischer.
Degen: Wir haben 34 Fachausschüsse, in denen jeweils 30 bis 50 Unternehmen sitzen – viele davon sind kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Hier treffen sie aber auch auf namhafte und große Unternehmen, und hier findet bereits ein Interessenausgleich statt.

Kann das funktionieren?

Degen: Aus den Ausschüssen hören wir, dass es sogar sehr gut funktioniert. Viele große Unternehmen begrüßen den frischen Wind, den kleine, oft ja auch innovative Unternehmen bringen. Unser Ziel ist es, eine insgesamt bessere und stärkere Handelskammer in Hamburg zu schaffen.

Wie wollen Sie alle Interessen Ihrer Mitglieder unter einen Hut bringen, Frau Degen?

Degen: Dies gelingt, wenn große und kleine Unternehmen ihre oft unterschiedlichen Interessenlagen im Diskurs zu intelligenten Lösungen führen, mit denen beide Seiten leben können.

Foto: Handelskammer Hamburg

Christi Degen ist Hauptgeschäftsführerin der Handelskammer Hamburg.

Haben Sie ein Beispiel?
Degen: Nehmen Sie unsere energiepolitischen Forderungen an die Bundesregierung: Der Ausschuss für Energie hat ein politisches Papier aufgesetzt, an dem kleine gewerbliche Verbraucher ebenso mitgewirkt haben wie die großen Energieversorger. Damit haben wir etwas für die gesamte Hamburger Wirtschaft geschafft. Die Ausschüsse, in denen dies gelungen ist, liefern eine Blaupause für die zukünftige politische Arbeit der Kammer.

Herr Bergmann, Sie sind vor einem Jahr mit dem Versprechen angetreten, die Pflichtbeiträge abzuschaffen. Das ist Ihnen bisher nicht gelungen.
Bergmann: Ja, das ärgert mich auch. Der Grund ist eine schwere Hypothek aus der Vergangenheit der HK Hamburg. Solange wir insbesondere so hohe Pensionsverpflichtungen schultern müssen, können wir die Pflichtbeiträge leider nicht abschaffen. Dabei wäre das wichtig, um die Kammer langfristig überlebensfähig zu machen.

Ist sie das denn nicht?

Bergmann: Unter den gegebenen Bedingungen schon. Aber der Brexit und Trumps Politik in den USA zeigen, wie schnell sich dieser Rahmen ändern kann. Das bisherige IHK-Modell ist in seiner jetzigen Form nicht sturmfest. Wenn Europa mit den USA über ein Freihandelsabkommen verhandeln sollte, könnten beispielsweise die Amerikaner fordern, die Handelskammern zu deregulieren. Dann würde das ganze System implodieren. Wie sind wir als IHKn dafür gerüstet?

Ein zweiter Grund, warum die Pflichtbeiträge nicht abgeschafft werden, ist ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Es hat 2017 die IHK-Beiträge für verfassungskonform erklärt.
Bergmann: Wer sich allein auf Gerichtsurteile verlässt, wiegt sich meiner Ansicht nach in einer falschen Sicherheit. Niemand kann garantieren, dass die Politik die Beitragspflicht für immer und ewig als gesetzt ansieht.

Inwiefern?

Bergmann: Der Koalitionsvertrag der Bundesregierung fordert, dass die Akzeptanz der IHKn bei den Mitgliedern erhöht werden soll. Falls das nicht passiert, kann letztlich auch das Gesetz geändert werden. Denn die Pflichtmitgliedschaft wurde einst unter der Bedingung eingeführt, dass das Gesamtinteresse vertreten wird. Wir müssen viel mehr als in der Vergangenheit den Beweis erbringen, dass wir das zeitgemäß und partizipativ schaffen.

Konnten Sie mit Ihren Ideen auch bundesweite Impulse geben?

Bergmann: Ich bekomme viele Anfragen von anderen Kammern. Aber mir ist auch klar, dass nicht alle Kammern demnächst von „Rebellen“ geführt werden. Im Übrigen habe ich in Hamburg genug zu tun. Daher konzentriere ich mich auf meine Arbeit hier.

Info

Zur Person

Tobias Bergmann ist seit April 2017 der neue Präses der Handelskammer Hamburg. 2013 gründete der 42-jährige Diplom-Volkswirt das oppositionelle Bündnis „Zwangsbeiträge abschaffen – Die Kammer sind Wir!“. Das Bündnis errang bei den Plenumswahlen der Hamburger Handelskammer Anfang 2017 55 der insgesamt 58 Sitze. Der selbständige Unternehmensberater übt seine Tätigkeit ehrenamtlich und in Teilzeit aus.

Christi Degen ist seit Anfang Dezember 2017 die neue Hauptgeschäftsführerin der HK Hamburg – und damit die erste Frau in dieser Funktion in der mehr als 500-jährigen Geschichte der Hamburger Wirtschaftsvertretung. Die Volkswirtin war zuvor in gleicher Funktion für die IHK Bayreuth tätig. Davor war sie Geschäftsführerin der IHK Köln.