Dienstag, 30.01.2018
Weiß, rot, blau: In Burladingen wurde Trigema gegründet. Bis heute befindet sich hier auch noch der Stammsitz - inklusive Hubschrauberlandeplatz.

Foto: Trigema

Weiß, rot, blau: In Burladingen wurde Trigema gegründet. Bis heute befindet sich hier auch noch der Stammsitz - inklusive Hubschrauberlandeplatz.

Personal
Trigema-Chef Wolfgang Grupp

„Ich mache dauernd Fehler – stehe aber auch selbst dafür gerade“

Trigema-Chef Wolfgang Grupp ist überzeugt: Unternehmenskrisen sind hausgemacht. Im Interview kritisiert der Textilproduzent überbezahlte Manager, die sich von „Gier und Größenwahn“ leiten lassen – und nicht an die Mitarbeiter denken.

Herr Grupp, während andere Firmen Leute entlassen, um ihren Profit zu steigern, geben Sie Ihren Mitarbeitern Arbeitsplatzgarantien. Sind Sie Philanthrop oder Unternehmer?
Ich bin sicher kein Philanthrop. Wenn ich mich nicht als Unternehmer sähe, wäre das ja fatal. Aber ich achte eben nicht nur auf meine eigenen Vorteile. Das unterscheidet mich von einseitig gewinngetriebenen Unternehmen. Als Unternehmer habe ich nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten erworben – und trage eine besondere Verantwortung für meine Mitarbeiter.

Folgen Sie Markt und Mittelstand jetzt auch auf LinkedIn:    


Wie macht eine verantwortungsvolle Entscheidung im Mittelstand aus?
Sie muss langfristig und vernünftig sein. Als mittelständischer Unternehmen müssen Sie immer stolz auf Ihr Unternehmen sein können.

Dennoch kann es passieren, dass ein Unternehmen in eine Krise gerät.
Auch wenn manche Manager anderes behaupten: Krisen sind nicht gottgegeben. Wenn ein Unternehmen in eine Krise gerät, hat immer jemand den Wandel nicht erkannt oder Entscheidungen falsch getroffen hat. Das ist meistens der Inhaber selbst. Derjenige, der den Fehler macht, muss auch dafür gerade stehen.

Nämlich wie?
Indem er zum Beispiel auf Gewinn verzichtet, anstatt Leute zu entlassen. Die Mitarbeiter dürfen nicht die ersten Opfer von Fehlentscheidungen des Managements sein.

Wolfgang Grupp ist Alleininhaber von Trigema

Foto: Trigema

Wolfgang Grupp ist Alleininhaber von Trigema

Aber es gibt doch auch externe Faktoren, die Unternehmern nicht beeinflussen können.
Nein, das sehe ich nicht so. Nehmen Sie nur den Dieselskandal: In den siebziger Jahren gab es die ersten autofreien Sonntage. Das war doch ein deutlicher Hinweis darauf, wie abhängig wir vom Öl sind. Damals hätte man schon wissen müssen, dass Autos mit alternativen Antrieben irgendwann kommen müssen. Hätten die Autohersteller damals schon angefangen, an Elektroantrieb oder Hybrid zu forschen, wären Tesla und Toyota heute nicht Marktführer.

Ist Ihr Bild eines ehrbaren Kaufmanns nicht leicht angestaubt?

Ich sage ja gar nicht, dass Geldverdienen und Vorwärtsdrang etwas Schlechtes sind. Was mich stört, ist, dass die Verantwortung und die Haftung der Entscheider immer mehr außen vor bleiben. Gescheiterten Unternehmen öffnet die Politik heute alle Türen, während der Anständige, der versucht Fehler zu vermeiden, selbst bezahlen darf. Scheitern gilt heute als regelrecht schick. Das kann’s doch nicht sein. Ich sage: Derjenige, der Fehler macht, muss dafür auch gerade stehen.

Sind Sie auch zu sich selbst so streng – oder machen Sie nie Fehler?
Ich mache dauernd Fehler! Aber das merkt man nicht, denn ich bezahle dafür selbst – und der Fall ist erledigt. So ist es auch richtig. Es geht nicht darum, keine Fehler zu machen. Das lässt sich in einer so komplexen Welt auch gar nicht vermeiden. Bloß wirklich gravierende Fehler dürfen erst gar nicht passieren.

Das ist leichter gesagt als getan.

Grundsätzlich ist es gar kein Problem Fehler zu machen. Entscheidend ist, sie schnell zu erkennen und zu korrigieren. Dann werden sie erst gar nicht gravierend. Wenn ich heute auf Basis aktueller Erkenntnisse eine Entscheidung treffe, ist das erst einmal kein Fehler. Aber wenn mir morgen andere Erkenntnisse vorliegen, dann muss ich meine Entscheidung eben revidieren. Eigentlich ist es nicht kompliziert: Letztlich muss eine Entscheidung mehr Vorteile bringen als Nachteile. Oder anders gesagt: Wenn Sie als Unternehmer mehr richtige als falsche Entscheidungen treffen, läuft Ihr Laden.

Was sagt es über ein Unternehmen aus, wenn es dennoch in eine Krise gerät?
Dass das Management schlichtweg versagt hat. Nehmen Sie nur Air-Berlin: Zuerst war die Airline kerngesund. Dann wurde sie zum Ferienflieger ausgebaut und wollte allen Konkurrenz machen. Dieser Größenwahn war die Ursache der jetzigen Insolvenz.

Stichwort Fachkräftemangel. Das ist für viele Unternehmen ein wirklich großes Problem. Wie gehen Sie das bei Trigema an?

Klar, den demografischen Wandel kann ich nicht aufhalten. Aber er zeichnet sich ja auch schon etwas länger ab. Bei Trigema habe ich deshalb – immer schon! – den Kindern unserer Mitarbeiter einen Arbeitsplatz bei uns garantiert. Das ist eine gute Basis für die alternde Belegschaft.

Reicht das aus?
Nein. Deshalb versuchen wir, unsere Fachkräfte so lange wie möglich zu halten – auch wenn sie 60 Jahre und älter sind. Eine Fachkraft, die schon 40 Jahre im Unternehmen näht, färbt oder strickt, ist für mich sehr wertvoll. Es wird immer schwieriger, vor allem junge Leute zu finden. Wer Abitur macht, will nicht mehr nähen.

Info

Zur Person

Als Unternehmer ist Wolfgang Grupp (Jahrgang 1942) seiner Geburtsstadt Burladingen bis heute treu geblieben. Im Alter von 25 Jahren übernahm Grupp die Leitung von Trigema als Alleininhaber. Heute produziert das Unternehmen an drei Standorten und bekennt sich zum Standort Deutschland. Das zentrale Thema der Gruppschen Firmenphilosophie heißt: Verantwortung. Nach eigenen Angaben musste das Unternehmen noch keinem Mitarbeiter betriebsbedingt kündigen. Wolfgang Grupp ist verheiratet und hat einen Sohn und eine Tochter, die beide bereits im Unternehmen tätig sind. Ans Aufhören denkt der Senior aber noch nicht: „Solange ich noch etwas bewegen kann, mache ich weiter. Mein Motto ist: Das schönste Gefühl im Leben ist nicht Geld zu zählen, sondern gebraucht zu werden.“

Was gibt es für Alternativen?
Ich versuche, dem demografischen Wandel aktiv zu begegnen, statt mich treiben zu lassen. So haben wir bei Trigema insgesamt 28 Flüchtlinge eingestellt, und ich bekomme laufend Anfragen von Flüchtlingshelfern aus dem ganzen Land.

Etliche Mittelständler wollen Flüchtlinge einstellen. In der Praxis erweist sich das aber häufig als ziemlich schwierig und bürokratisch.
Auch in unserem Fall war das so – es war eine Katastrophe. Wir mussten monatelang warten. Irgendwann habe ich gedroht die ersten Flüchtlinge auch ohne gültige Aufenthaltsgenehmigung einzustellen und dachte mir: ‚Verklagt mich halt.‘

Microsoft-Gründer Bill Gates hat kürzlich gesagt, er halte lieber an einem großen Unternehmen einen kleinen Anteil, als eine kleine Firma ganz zu besitzen.
Das sehe ich komplett anders. Als Alleininhaber kann ich tun und lassen, was ich will. Lieber fünf Mal 1.000 Leute, die man verantwortlich führen kann, als 5.000 auf einmal. Ein Unternehmen muss so groß sein, dass der Chef es noch alleine überblicken kann. Ich war kürzlich bei einem großen Versandhändler zu Besuch, der alleine 5.000 Leute in der Verwaltung beschäftigt. Ganz ehrlich: Ich würde nicht tauschen wollen.

Warum nicht?
In meinem Unternehmen kenne und verstehe ich alle Abläufe. Bei dem Versandhändler war alles sehr komplex. Um dort Entscheidungen treffen zu können, müsste ich mir von anderen etwas vorbeten lassen und darauf hoffen, dass das stimmt. Bei uns disponiere ich die Produktion immer noch selbst und bestimme, was wir produzieren. Ich kann deshalb auch noch sagen, ob die Zahlen am Ende stimmen können oder nicht.

Der Stoff, aus dem die T-Shirts sind: Blick in die hauseigene Strickerei von Trigema

Foto: Trigema

Der Stoff, aus dem die T-Shirts sind: Blick in die hauseigene Strickerei von Trigema

Bedeuten Größe und Wachstum nicht auch Stabilität?
Es geht doch darum: Muss ich immer auf Teufel komm raus erweitern? Manche Unternehmen gehen aus lauter Gier und Größenwahn an die Börse oder brauchen irgendwann neue Gesellschafter. Dann hat der Gründer in seinem eigenen Laden nichts mehr zu sagen. Hinzu kommt: Wenn das Rad, das Sie drehen wollen, zu groß wird, brauchen Sie Monate, um auf Entwicklungen und Trends zu reagieren. Denken Sie an Daimler: Die Manager haben erst AEG, Fokker und Dornier gekauft, später Chrysler – mit dieser Strategie wurden Milliarden vernichtet.

Welche Zukunft hat der deutsche Mittelstand?
Solange die Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich sind, ihre Rechnungen bezahlen und sich um ihre Mitarbeiter kümmern, erkenne ich die Leistung mittelständischer Unternehmer hoch an. Ich bin davon überzeugt, dass es den Mittelstand auch noch in Zukunft geben wird. In welcher Form es ihn gibt, hängt aber davon ab, wie er sich selbst sieht und in welche Richtung er sich entwickeln will.

Wie meinen Sie das?
Wenn alle meinen, sie müssten ihre Firma an einen Größeren verkaufen, dann wird man natürlich irgendwann aus dem Mittelstand herauswachsen. Uns muss eines klar sein: Gerade unsere überschaubare und handhabbare Größe ist ein Erfolgsfaktor, damit wir auch weiterhin innovativ sind. Anders formuliert: Man muss auch mal zufrieden sein mit dem, was man erreicht hat und noch erreichen kann. Wenn man zu groß ist, kann alles Mögliche schief gehen – vor allem, wenn man sich in eine unternehmerische Abhängigkeit von Dritten begibt – sei es einem Mutterkonzern, sei es einem Geldgeber von außen. Ob mein Marktanteil 0,5 Prozent oder 5 Prozent ist, weiß ich nicht und das interessiert mich auch nicht! Denn meine Produkte sind deshalb nicht besser oder schlechter.

Wie blicken Sie in das Jahr 2018?
Ich bin stets Optimist, und auch die wirtschaftlichen Aussichten sind ja allgemein positiv. Aber manchmal frage ich mich, ob draußen tatsächlich alles so eitel Sonnenschein ist, wie es den Anschein hat – oder ob die Konjunktur nicht vor lauter Euphorie überhitzt. Da könnte sich eine Blase aufbauen.

Bereiten Sie sich schon darauf vor, dass sie platzt?
Es gibt immer mal gute und schlechte Zeiten in der Wirtschaft. Das ist nichts Neues. Ein Unternehmen muss, unabhängig von der aktuellen Konjunktur, immer so stabil aufgestellt sein, dass es nicht gleich umkippt, wenn es mal ein bisschen Gegenwind gibt. Ich sage mir immer: Wenn im Radio gesagt wird, morgen regnet es, dann nehme ich einen Schirm mit – und der Fall ist erledigt. Ich sage mir immer: Auf jeden Regen folgt Sonnenschein.

Info

Das Unternehmen

Die Trikotwarenfabrik Gebrüder Mayer, kurz: Trigema, wurde 1919 gegründet. 1956 übernahm der Schwiegersohn von Josef Mayer, Franz Grupp, die Leitung. Als wiederum dessen Sohn, Wolfgang Grupp, das Unternehmen übernahm, war es ein Sanierungsfall. Er machte die Diversifizierung rückgängig und konzentrierte sich auf modische Freizeitbekleidung. Heute beschäftigt Trigema rund 1.200 Mitarbeiter, betreibt 45 Outlets und zwei Flagship-Stores. Mit einem Umsatz von rund 100 Millionen Euro (Schätzung 2017) ist der Mittelständler der letzte T-Shirt-, Sweatshirt- und Tennisbekleidungshersteller, der ausschließlich in Deutschland produziert.


Der Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 12/2017 – 01/2018. Hier können Sie das aktuelle Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.