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Personal > Arbeitsmarkt > Fachkräftemangel

Ifo-Konjunkturumfrage: Der Fachkräftemangel löst sich auf – zumindest ein bisschen

| Britta Kuschnigg | Lesezeit: 5 Min.

Der Fachkräftemangel sinkt auf 22,7 Prozent. Doch die Entspannung hat konjunkturelle und technologische Gründe.

Fachkraft am Arbeitsplatz
Fachkräfte sind für den Mittelstand ein zentraler Erfolgsfaktor: Sie sichern Innovationskraft, Wettbewerbsfähigkeit und nachhaltiges Wachstum – und entscheiden oft darüber, ob aus guten Ideen tragfähige Geschäftsmodelle werden. (Foto: shutterstock)

von Britta Kuschnigg für Markt und Mittelstand

Es war eines der großen deutschen Dauerthemen der vergangenen Jahre: der Fachkräftemangel. Kaum eine Podiumsdiskussion, kaum ein Wirtschaftsbericht, in dem nicht mit ernster Miene auf die „dramatische Lücke“ am Arbeitsmarkt verwiesen wurde. Nun aber meldet das ifo Institut: Das Problem schrumpft. Nicht spektakulär, nicht revolutionär – aber doch spürbar. Nur noch 22,7 Prozent der Unternehmen berichten von fehlenden qualifizierten Arbeitskräften. Im Oktober waren es noch 25,8 Prozent. Der niedrigste Wert seit fünf Jahren.

Natürlich wäre es verfrüht, das Requiem auf die Fachkräfteknappheit anzustimmen. Doch die Zahlen markieren eine Zäsur in der Erzählung. Über Jahre hinweg galt der Fachkräftemangel als nahezu naturgesetzliche Begleiterscheinung einer alternden Gesellschaft und einer prosperierenden Wirtschaft. Nun zeigt sich: Auch strukturelle Probleme sind konjunkturell formbar.

Die Konjunktur als unfreiwilliger Arbeitsmarktregulierer

Eine der Ursachen liegt offen zutage. „Eine Rolle spielt weiterhin die schwache konjunkturelle Entwicklung“, sagt ifo-Forscher Klaus Wohlrabe*. Anders formuliert: Wo weniger investiert, produziert und expandiert wird, dort werden auch weniger Fachkräfte gesucht. Die Nachfrage sinkt – und mit ihr das Gefühl des Mangels.

Besonders augenfällig ist dieser Effekt im Bereich Transport und Logistik. Noch im Oktober klagten 42,7 Prozent der Unternehmen über fehlendes Personal, nun sind es 30,6 Prozent. Ein dramatischer Rückgang um zwölf Prozentpunkte – fast schon eine tektonische Verschiebung. Man spürt hier deutlich, wie stark diese Branche auf konjunkturelle Impulse reagiert. Weniger Waren, weniger Bewegung, weniger Personalbedarf.

Auch in der Industrie ist der Druck abgeebbt. Nur noch 16,6 Prozent der Unternehmen berichten von Fachkräfteengpässen. Im Automobilsektor und bei Herstellern elektrischer Ausrüstungen liegt der Anteil sogar unter zehn Prozent. Das klingt beinahe idyllisch – zumindest gemessen an den Alarmmeldungen der vergangenen Jahre.

Doch hinter dieser Entspannung verbirgt sich ein ambivalentes Signal: Die Industrie stellt weniger ein, weil sie weniger produziert. Der Mangel verschwindet nicht primär, weil das Angebot steigt, sondern weil die Nachfrage sinkt. Ökonomisch betrachtet ist das keine Genesung, sondern eher eine Art Fieberrückgang bei gleichzeitigem Kräfteverlust.

Dienstleister unter Druck – die Engpässe bleiben selektiv

Gleichzeitig bleibt der Mangel in bestimmten Bereichen hartnäckig. Rund jeder vierte Dienstleister klagt weiterhin über fehlendes Personal. Besonders eklatant ist die Lage bei Rechts- und Steuerberatern (58,4 Prozent) sowie Leiharbeitsfirmen (56,6 Prozent). Hier scheint sich die strukturelle Komponente des Problems deutlicher zu zeigen: Spezifische Qualifikationen, hohe regulatorische Anforderungen und ein enges Ausbildungsprofil begrenzen das Angebot.

Im Bauhauptgewerbe liegt der Anteil der betroffenen Unternehmen bei 30,4 Prozent – ebenfalls ein beachtlicher Wert. Der Bau war lange Zeit ein Symbol für die Überhitzung des Arbeitsmarktes. Nun ist er eher ein Relikt davon: Die Nachfrage nach Bauleistungen ist gesunken, doch die strukturelle Knappheit bestimmter Gewerke bleibt bestehen.

Im Handel entspannt sich die Lage moderat. 18 Prozent der Unternehmen berichten von Schwierigkeiten bei der Besetzung offener Stellen – im Einzelhandel etwas mehr, im Großhandel etwas weniger. Auch hier zeigt sich: Der Mangel ist kein monolithisches Phänomen, sondern ein Mosaik aus branchenspezifischen Dynamiken.

Neben der Konjunktur nennt Wohlrabe einen zweiten Faktor: den technologischen Wandel, insbesondere die künstliche Intelligenz. Hier beginnt die eigentliche Geschichte – und sie ist komplexer als eine bloße Nachfragekorrektur.

KI und Automatisierung verändern nicht nur Prozesse, sondern Qualifikationsprofile. Bestimmte Tätigkeiten werden effizienter, manche verschwinden, andere entstehen neu. Die Nachfrage verschiebt sich. Wo früher händeringend nach Sachbearbeitern gesucht wurde, könnten künftig algorithmische Systeme unterstützen oder ersetzen. Gleichzeitig wächst der Bedarf an IT-Kompetenzen, Datenanalyse, Prozesssteuerung.

Der Fachkräftemangel verschwindet also nicht einfach – er transformiert sich. Er wird spezifischer, technischer, selektiver. Vielleicht weniger breitflächig, dafür punktueller und anspruchsvoller.

Eine alternde Gesellschaft bleibt

Allerdings mahnt das ifo Institut zu Recht zur Nüchternheit. Die demografische Entwicklung bleibt eine strukturelle Herausforderung. Die geburtenstarken Jahrgänge verlassen nach und nach den Arbeitsmarkt. Die Alterung der Bevölkerung ist kein konjunkturelles Phänomen, sondern eine langfristige Realität.

Was wir derzeit beobachten, ist daher weniger die Lösung eines Problems als dessen temporäre Überlagerung durch andere Kräfte. Die schwache Wirtschaft dämpft die Nachfrage, die Technologie verschiebt sie, und die Statistik meldet Entspannung. Doch strukturelle Verschiebungen wirken langsamer, subtiler – und nachhaltiger.

Das Ende einer Erzählung?

Vielleicht ist das eigentlich Bemerkenswerte weniger die Zahl selbst als ihr symbolischer Gehalt. Der Fachkräftemangel war zum politischen Narrativ geworden: Begründung für Zuwanderungsdebatten, Bildungsreformen, Digitalisierungsoffensiven. Er war das Menetekel einer überlasteten, aber erfolgreichen Wirtschaft. Nun wird diese Erzählung leiser. Nicht widerlegt, aber relativiert.

 

Zur den ifo-Konjunkturperspektiven 2026

Quelle: ifo Konjunkturumfrage 18. Februar 2026

Dr. Klaus Wohlrabe, Stellvertretender Leiter des ifo Zentrums für Makroökonomik und Befragungen und Leiter Befragungen

 

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