Mittwoch, 18.05.2016
Fachkräfte müssen nicht mit Eintritt des Rentenalters gehen: Wenn der Ruhestand eines Mitarbeiters näher rückt, ist es Zeit, sich mit einem geeigneten Ruhestandsmodelle zu beschäftigen.

Martin Poole/Thinkstock/DigitalVision

Fachkräfte müssen nicht mit Eintritt des Rentenalters gehen: Wenn der Ruhestand eines Mitarbeiters näher rückt, ist es Zeit, sich mit einem geeigneten Ruhestandsmodelle zu beschäftigen.

Personal
Wie Unternehmen Fachkräfte halten

Im Alter arbeiten: Ruhestandsmodelle im Überblick

Flexible und individuelle Ruhestandsmodelle sind auf dem Vormarsch und bieten gute Chancen, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken - und das ist nicht der einzige Vorzug.

Mittlerweile ist es nicht mehr abwegig, dass der Ruhestand für viele Arbeitnehmer länger dauert als die eigene Kindheit. Die Rentenzeit entwickelt sich somit zu einer bedeutsamen Lebensphase. Für die meisten Beschäftigten bedeutet der Ruhestand jedoch nicht, dass sie ausschließlich „ruhen“, vielmehr fühlen sich noch durchaus in der Lage, nebenbei weiterzuarbeiten. Doch hat es den Anschein, als planen die wenigsten ihren Ruhestand richtig, vor allem aus finanzieller Sicht. Auf die Frage, ob es ausgereifte Pläne für den Ruhestand gibt, antworten nur 11 Prozent der Befragten mit Ja, so die aktuelle Ruhestandsstudie von Aegon.

Es sind gerade einmal 16 Prozent der Erwerbstätigen, die zuversichtlich sind, dass sie im Alter ein komfortables Leben führen können. Fast dreimal so viele, nämlich 44 Prozent, zeichnen viel eher ein pessimistisches Bild, wenn sie an den Ruhestand denken. Weniger als ein Fünftel der über 50-Jährigen hat sich noch nicht schlau darüber gemacht, wie hoch ihre Rente einmal ausfallen wird, so ein weiteres Ergebnis der Studie. Es besteht Handlungsbedarf.

Unternehmen profitieren von Ruhestandsmodellen

Nicht nur für die Mitarbeiter sind die neuen Modelle in den Ruhestand sinnvoll. Auch für die Unternehmen ist es lohnenswert, mögliche Ruhestandsmodelle zu konzipieren. Vor allem deshalb, weil die Modelle rund um die Verlängerung der Arbeitszeit in Zeiten des Fach- und Führungskräftemangels beachtliche Möglichkeiten bieten. Für manche Unternehmen ist es nahezu notwendig, ihren Leistungsträgern den längeren Verbleib im Job erstrebenswert zu machen.

Einen solchen Ansatz vertritt das Unternehmen Weidmüller, ein Elektrotechnikspezialist aus Detmold in Nordrhein-Westfalen. Hier gibt es seit 2012 ein Programm, das es den Mitarbeitern ermöglicht, bereits zehn Jahre vor dem tatsächlichen Renteneintritt verschiedene Modelle nicht nur zu planen, sondern auch schon früher in Anspruch zu nehmen. So können die Mitarbeiter beispielsweise ein Sabbatical, also eine Auszeit von bis zu drei Monaten, nehmen.

Andreas Uhlitz, Leiter Personal und Grundsatzfragen bei Weidmüller erklärt, wieso sich das Unternehmen für dieses Verfahrens entschieden hat: „Unser Interesse war, vor dem Hintergrund des demographischen Wandels ein Programm zu schaffen, das es uns ermöglicht, gute Fach- und Führungskräfte länger im Berufsleben zu halten."

Ruhestandsmodelle stärken Arbeitgebermarke

Es mag paradox klingen, dass man Mitarbeiter früher mit dem Ruhestand konfrontiert, um sie länger im Unternehmen halten zu können, doch es ergibt Sinn. „Wenn Mitarbeiter müde und ausgelaugt sind vom jahrzehntelangen Arbeitsalltag“, so Uhlitz weiter, „dann werden sie sicherlich versuchen, möglichst pünktlich in die Rente zu gehen, und genau diese Müdigkeit in den letzten Arbeitsjahren wollen wir vermeiden.“

Mittlerweile sind es in Deutschland etwa 45 Prozent der Unternehmen, die derzeit Maßnahmen gegen den demographischen Wandel entwickeln oder bereits umsetzen. Das sind die Ergebnisse der dritten Auflage der „Demografiestudie Deutschland“ von Towers Watson. 2011 waren es demnach nur 30 Prozent. Diese Entwicklung zeigt, dass das Bewusstsein über die Chancen von Ruhestandslösungen schon in mehreren Unternehmen angekommen ist.

Für das Unternehmen Weidmüller ist diese Methode also eher ein Programm zur Bindung erfahrener Mitarbeiter. So berichtet Uhlitz, dass das Programm Früchte trägt und es mittlerweile mehrere gute Beispiele gibt, die beweisen, dass Mitarbeiter nach ihrer Auszeit motivierter denn je zurück an die Arbeit gingen. Ab einem Alter von 57 Jahren werden die Mitarbeiter von der Personalabteilung kontaktiert, um über die Möglichkeiten eines individuellen Ruhestandsmodells zu sprechen. Außerdem haben Mitarbeiter ab diesem Alter auch Anspruch auf zwei zusätzliche Urlaubstage pro Jahr. Bis zum Renteneintritt kann dieser Anspruch noch erweitert werden auf bis zu sechs zusätzliche Urlaubstage pro Jahr.

Renteneintrittstermin nach hinten verschieben

Neben dem Sabbatical bietet das Elektrounternehmen noch weitere Möglichkeiten, unter denen Mitarbeiter auswählen können. Für Mitarbeiter, die gern über den individuellen Renteneintrittstermin hinaus weiter arbeiten wollen, gibt es die klassischen Teilzeitlösungen. Im Normalfall können dann ein bis zwei Jahre in Teilzeit an die Regelarbeitszeit angehängt werden.

In den letzten zehn Arbeitsjahren besteht außerdem die Möglichkeit, eine 4,5-Tagewoche in Anspruch zu nehmen. Der Mitarbeiter sucht sich dabei selbst einen festen Wochentag aus, und arbeitet dann in einer Woche an fünf und in der nächsten Woche nur an vier Tagen. Bei den Mitarbeitern, die bereits eines oder mehrere Angebote des Arbeitgebers genutzt haben, sind die Erfolge sichtbar. „Wir haben länger hochmotivierte und leistungsfähigere Mitarbeiter“, begründet Uhlitz weiter.

Die Nachfrage seitens der Mitarbeiter ist vorhanden: Laut einer Studie von Media Access und Bosch Management Support gibt es seitens der Arbeitnehmer eine hohe Bereitschaft, im Ruhestand beim ehemaligen Arbeitgeber zu arbeiten. Ganze 90 Prozent der Befragten könnten sich vorstellen, bis zu zwei Tage pro Woche während der Rente noch in ihrem früheren Job zu arbeiten. Das Technologieunternehmen Bosch hat sich dieses Interesse auch zunutze gemacht und bietet ehemaligen Bosch-Mitarbeitern, die sich im Ruhestand befinden, die Möglichkeit ihr Fach-und Führungswissen weiterhin einzubringen. Dazu registrieren sie sich einfach als Seniorexperten und kommen dann überall dort zum Einsatz, wo Engpässe entstehen.

Info

Ruhestandsmodelle im Überblick:

Altersteilzeit im Gleichverteilungsmodell:
Entweder wird die Arbeitszeit halbiert und über den gesamten Zeitraum der Altersteilzeit verteilt oder stufenweise innerhalb dieses Zeitraums herabgesetzt (zum Beispiel erst zu einer 70-Prozent-Stelle, dann halbtags und schließlich nur noch ein bis zwei Tage pro Woche bzw. Projektarbeit).

Zusätzliche Urlaubstage:
Ab einem Alter von 57 Jahren erhalten Mitarbeiter zunächst zwei zusätzliche Urlaubstage, im fortgeschrittenen Alter sogar bis zu sechs zusätzliche Urlaubstage pro Jahr.

Pensionierte Fach- und Führungskräfte auf Abruf:
Kommt es zu Engpässen, können Rentner durch Minijob-Verträge schnell zurück ins Unternehmen geholt werden.

Sabbatical:
Mitarbeiter können bis zu drei Monate pausieren. Wählt der Mitarbeiter die vollen drei Monate, bekommt er insgesamt sechs Monate lang das halbe Gehalt, muss davon allerdings nur drei Monate zur Arbeit gehen.