Donnerstag, 01.11.2012
Personal
IT Fachkräfte

IT Fachkräfte: Zu wenig Bewerber, zu viele offene Stellen

In deutschen Unternehmen fehlen IT-Fachkräfte. Das gilt vor allem dann, wenn die Firmen Spezialisten suchen. Für den laufenden Betrieb sind die Personalsorgen geringer.

Zweifel sind angebracht, geht es nach Frank Schabel, Marketing-Leiter bei dem Personaldienstleister Hays AG: „Genauso spekulativ wie der Blick in die Glaskugel ist auch die Aussage dazu, ob es in Deutschland einen IT-Fachkräftemangel gibt. Man muss es differenziert betrachten und kann es nicht über einen Kamm scheren.“ Seiner Meinung nach gibt es einen Mangel auf bestimmten Gebieten.

So seien SAP-Berater nach wie vor ein kostbares Gut, die Nachfrage übersteigt das Angebot. „Aber wissen wir genau, ob und wann die SAP-Welle durch ist und völlig neue Lösungen entstehen?“, fragt der Experte.
Davon nimmt er auch die App-Entwickler nicht aus. „Die verdienen gerade prächtig am Mobile Business Boom. Hier gibt es derzeit nicht genügend Fachkräfte. Aber hält dieser Trend jahrelang an?“ Beiden Gruppen gemeinsam sei, dass sie Lösungen programmieren, die das Wachstum des IT-Geschäfts fördern.

Dies zeige, dass die IT ein sehr dynamischer Markt sei, bei dem auch die Kompetenzfelder für Spezialisten schnellen Nachfragezyklen unterworfen sind. Bisher habe sich gezeigt, „dass sich bei neuen IT-Themen meist schnell Spezialisten herausbilden, die den Rahm abschöpfen.“ Sicher seien dies oft zu wenige, daher entstehe eine Knappheit, die nicht gut ist. Leider blieben in dieser Dynamik IT-Spezialisten auf der Strecke, die „nicht schnell genug das Pferd gewechselt haben.“

Kein Mangel bei IT Fachkräfte im laufenden Betrieb

Anders dagegen ist nach Schabels Beobachtung die Lage bei IT-Spezialisten, die im laufenden IT-Betrieb gefragt sind, wie Administratoren für Netzwerke oder Datenbanken. „Auf diesem Arbeitsmarkt gibt es wenig Auf und Ab, daher auch keinen Mangel - weder heute noch morgen“, sagt Schabel.

IT-Fachkräftemangel ja oder nein? Eine klare Antwort darauf gibt es nach Überzeugung des Personalexperten für diesen Markt nicht, weil es davon abhängt, wie dynamisch sich sowohl die IT-Industrie als auch die Spezialisten entwickeln. Ein weiterer Grund: IT wird mehr und mehr zur Routine. Was früher noch Spezialistentum war, ist heute Alltag.

„Viele Mitarbeiter haben für ihren Job das notwendige IT-Know How und benötigen nicht mehr für alle Handgriffe Spezialisten“. Anders dagegen wird die Frage nach dem Fachkräftemangel von Industrieverbänden beantwortet. So zählte der Branchenverband Bitkom 30.500 offene Stellen im Dezember 2011, ein Jahr zuvor 21.000. im September 2012 hat sich die Situation noch einmal verschärft. Da blieben rund 43.000 Stellen unbesetzt. „Es gibt einen eklatanten Fachkräftemangel in der IT-Branche.

Diesem gilt es mit vereinten Kräften entgegenzuwirken“, sagt Oliver Grün, Präsident des Bundesverband IT Mittelstand (BITMi). Die Fachverbände sind nicht untätig. So machten die Gesellschaft für Informatik (GI) und die Initiative D21 im September mit einem gemeinsamen Auftritt auf sich aufmerksam, um den Informatik-Fachkräftemangel durch Aktivitäten in Schulen vorzubeugen und die Weiterbildung älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu fördern.

IT-Fachkräfte per Online-Akquise finden

Den Schulterschluss mit den Unternehmen hält die GI in einer Kooperation mit dem Bundesverband IT Mittelstand. Die IT-Branche besteht in Deutschland zu 90 Prozent aus kleinen und mittleren Unternehmen. Der Zugang zur Forschung ist für mittelständische IT-Unternehmen weit schwieriger zu schaffen als für die Großen der IT-Industrie. Um die Innovationsfähigkeit der KMU im IT-Segment zu steigern, kommt der anwendungsorientierten Forschung daher eine zentrale Funktion zu. Zudem befinden sich 85 Prozent aller Auszubildenden der deutschen IT-Branche in mittelständischen Unternehmen. „Der Mittelstand bildet also nicht nur heute das Herzstück der heimischen IT-Branche, sondern schafft auch die Zukunft für die technologisch orientierte Jugend“, sagt Grün.
Solche Initiativen sollen Unternehmen wie dem Programmierhaus Avira helfen „Wir spüren den steigenden IT-Fachkräftemangel“, sagt Travis Witteveen, Chief Operating Officer Markets and Operations. Als einer der größten Arbeitgeber in der Region rund um Tettnang am Bodensee ist aber das 500 Mitarbeiter beschäftigende Unternehmen auch selbst in der Lage, mit zahlreichen Kanälen, Bewerber auf sich aufmerksam zu machen. „Onlineakquise ist dabei ein gutes Mittel, um schnell eine größere Anzahl potentieller Interessenten anzusprechen. Unsere offenen Stellen erscheinen auf unserer eigenen Website sowie in Onlinejobbörsen. Weiterhin halten wir durch Internetplattformen Kontakt zu Personalberatern in ganz Europa und sind auf verschiedenen Jobmessen vertreten“, sagt Witteveen. Social-Media-Plattformen sind seiner Meinung nach eine gute Ergänzung der Recruiting-Aktivitäten. „Auf Facebook zum Beispiel erreichen wir viele Endkunden und Fans, die auch potentielle Bewerber sein können.“ Aber am besten hat sich die klassische Bewerbersuche bewährt. Das sind Einstiegsmöglichkeiten für Praktikanten und Werksstudenten sowie Uni-Absolventen, deren Abschlussarbeiten Avira betreut. „Hieraus resultiert oftmals eine langfristige Zusammenarbeit.“

Info

Weitere Informationen zum Thema IT-Fachkräftemangel finden Sie hier

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Fachkräftemangel kostet IT-Branche 11 Milliarden Euro

Kienbaum-Studie „IT-Fachkräfte in Deutschland“

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