Mittwoch, 15.05.2019
Stimme der Ökonomie: Michael Hüther ist Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln.

Foto: IW Köln

Stimme der Ökonomie: Michael Hüther ist Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln.

Personal
Interview mit IW-Chef Michael Hüther

„Flächendeckenden Fachkräftemangel sehe ich nicht. Noch nicht.“

Die Bundesregierung gefährde das Wachstum der deutschen Wirtschaft, findet der Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther. In welchen Bereichen die Politik dringend handeln müsse, erklärt er im Interview.

Herr Hüther, was zeichnet einen mittelständischen Unternehmer aus?
Das ist zum einen der Erfindergeist. Viele mittelständische Geschäftsführer sind technisch sehr versiert und tüfteln ständig an Produktinnovationen. Zum anderen sind Mittelständler besonders wandlungsfähig. Gerade Unternehmen in diesem Wirtschaftssegment ist es in der Vergangenheit immer wieder gelungen, sich neu zu erfinden und ihre Geschäftsmodelle dem technologischen und gesellschaftlichen Wandel anzupassen. 

Der deutsche Mittelstand gilt auch international als Erfolgsmodell. Was ist sein Geheimnis?
Im Vergleich zu großen Konzernen hat der Mittelstand den Vorteil, dass er unabhängiger gegenüber Stakeholdern und Shareholdern ist. Die wenigsten Mittelständler sind an der Börse notiert. Dax-Konzerne stehen unter dem Druck, ihren Investoren und Aktionären alle drei Monate gute Quartalszahlen präsentieren zu müssen. Mittelständische Unternehmen hingegen können ihr unternehmerisches Handeln an langfristigen Zielen orientieren. Dadurch fällt es ihnen leichter, Entscheidungen zu treffen, die sich in der Bilanz zunächst vielleicht negativ niederschlagen, das Unternehmen aber langfristig erfolgreich machen. Hinzu kommt: Der Mittelstand ist exzellent vernetzt, sowohl untereinander als auch mit Konzernen. In Deutschland sind dadurch zahlreiche regionale Branchencluster entstanden. Nehmen Sie etwa die Region Stuttgart. Hier haben sich mittelständische Automobilzulieferer in unmittelbarer Nachbarschaft zu ihren Großkunden wie Daimler und Porsche angesiedelt. Kurze Wege bedeuten intensiven Austausch. Davon profitieren beide Seiten.

Ist der Mittelstand also tatsächlich das vielbeschworene „Rückgrat“ der deutschen Wirtschaft?
Der Mittelstand ist enorm wichtig – für das gesamte Wirtschaftswachstum. Man sollte aber nicht den Mittelstand gegen die Konzerne ausspielen. Die deutsche Wirtschaft ist nur erfolgreich, wenn beide – die relativ wenigen großen Konzerne und die vielen kleinen mittelständischen Firmen – ihren volkswirtschaftlichen Beitrag leisten.

Auf der politischen Agenda steht der Mittelstand aber nicht weit oben, oder?
Ich glaube, das täuscht. Ich habe durchaus den Eindruck, dass die Politik die Bedürfnisse und Probleme des Mittelstands wahrnimmt. Aber zu oft bleibt es dabei. Konkrete Maßnahmen, wie die Probleme angegangen oder gar gelöst werden könnten, werden zu selten beschlossen. Nehmen Sie etwa die Nationale Industriestrategie 2030, die Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier unlängst präsentiert hat. Darin wird treffend beschrieben, in welcher Situation und in welchem Zustand sich die deutsche Wirtschaft aktuell befindet. Konkrete Konzepte, wie eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik aussehen sollte, suchen Sie in dem Papier aber vergeblich.

Braucht der Mittelstand eine staatlich gelenkte Wirtschaftspolitik, um international gegen Supermächte wie China und USA bestehen zu können?
Der Staat ist dafür zuständig, die Rahmenbedingungen zu schaffen, die es Unternehmen ermöglichen, erfolgreich zu agieren. Hier muss sich die Bundesregierung die Frage gefallen lassen, ob sie genug getan hat, um den Wirtschaftsstandort Deutschland zu fördern. Gerade bei der Infrastruktur sehe ich erhebliche Mängel. In Südkorea etwa gibt es bereits ein flächendeckendes 5G-Netz. In Deutschland ist das noch absolute Zukunftsmusik. Das halte ich für unverantwortlich. 5G ist die technologische Grundvoraussetzung, damit wichtige Zukunftstechnologien wie das autonome Fahren oder die vernetzte Industrieproduktion irgendwann Realität werden. Deutschland droht, diesen Trend zu verschlafen. Daran ist die Politik schuld. Und sogar bei der klassischen Infrastruktur, also bei Straßen, Brücken und Schienen, haben wir enormen Nachholbedarf. Dass unsere Verkehrswege so marode sind, hemmt das Wachstum unserer Wirtschaft.

Info

Michael Hüther (Jahrgang 1962) ist seit 2004 Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt und Historiker als Generalsekretär des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (bekannter unter dem Namen „Wirtschaftsweise“) und als Chefvolkswirt der Deka Bank.

 

Von schlechter Infrastruktur dürfte besonders der Mittelstand betroffen sein.
Absolut richtig. Die Bundesregierung muss hier wirklich dringend handeln. Wir brauchen eine Sanierung der bestehenden Infrastruktur und einen flächendeckenden Ausbau des Glasfasernetzes. Schnelles Internet ist in der heutigen Zeit elementar wichtig für die Unternehmen. Meines Erachtens steht vollkommen außer Frage: Wir brauchen schnelles Internet in jedem Winkel der Republik. Wer das anders sieht, hat keine Ahnung davon, wie Wirtschaft heutzutage funktioniert.

Eine weitere Sorge, die Unternehmer umtreibt, ist der Fachkräftemangel. Zu Recht?
Zunächst einmal empfehle ich den Blick in die Statistik: Seit Jahren sinkt die Arbeitslosenquote in Deutschland; derzeit liegt sie bei nur noch etwa fünf Prozent. Im EU-weiten Vergleich ist das hervorragend. Für die Arbeitnehmer bedeutet das: Sie können einfacher einen neuen Job finden. Für die Unternehmen wird es jedoch zum Problem, wenn es für offene Stelle nicht mehr genügend oder ausreichend qualifizierte Bewerber gibt. Einen flächendeckenden Fachkräftemangel sehe ich in Deutschland nicht. Noch nicht. Aber der Trend geht eindeutig in diese Richtung. Immer mehr Firmen werden Probleme bekommen, qualifizierte Angestellte zu finden. Der Mangel wird sich vor allem bei Bewerbern mit einem Abschluss in den sogenannten MINT-Fächern bemerkbar machen, die also über mathematische, informatische, naturwissenschaftliche oder technische Qualifikationen verfügen. In ländlichen Regionen werden aber auch andere Stellen zunehmend unbesetzt bleiben. Wir beobachten sogar schon, dass Unternehmen Aufträge ablehnen müssen, weil sie nicht genügend Personal haben.

Ist das vieldiskutierte Fachkräfteeinwanderungsgesetz eine Lösung?
Eindeutig ja. Das ist der richtige Weg. Deutschland darf sich nicht vor einer gezielten Einwanderung verschließen. Im Gegenteil. Der Arbeitsmarkt braucht ausländische Fachkräfte. Daher befürworte ich die Gesetzesinitiative.

Welche drei Herausforderungen sollte ein Mittelständler angehen, wenn er erfolgreich bleiben will?

Erstens: Viele Firmen kümmern sich zu spät um die Unternehmensnachfolge und unterschätzen den Aufwand, den die Übergabe des Unternehmens mit sich bringt. Daher sollten Mittelständler das Thema früh angehen und nicht mit der Ausrede auf die lange Bank schieben, sie hätten dafür vor lauter Arbeit keine Zeit.

 

Zweite Herausforderung: die Digitalisierung. Sie verändert die Prozesse mitunter radikal. Daher müssen Unternehmen flexibel sein und sich schnell an Veränderungen anpassen können. Das ist traditionell die große Stärke des Mittelstands. Diese Bereitschaft und Fähigkeit zum Wandel müssen sich die Unternehmen bewahren.

 

Letzter Punkt: Der Mittelstand darf Forschung und Entwicklung nicht aus dem Auge verlieren. Viele Unternehmen sind bereits innovativ, doch um auch in Zukunft zahlreiche Hidden Champions hervorzubringen, müssen wir die Anstrengungen noch weiter steigern.

Wenn Sie selbst Unternehmer werden könnten: Welche Branche würden Sie wählen?
Besonders spannend stelle ich mir die Arbeit als Automobilzulieferer vor. Konzerne wie Daimler oder BMW sind nicht zuletzt wegen ihrer zahllosen mittelständischen Lieferanten weltweit erfolgreich. Die meisten dieser Unternehmen sind in der Öffentlichkeit nahezu unbekannt. Doch viele Innovationen, die in den Fahrzeugen der großen Hersteller verbaut sind, stammen aus der Feder der kleinen mittelständischen Zulieferer.

Das Interview stammt aus der Mai- und 25-Jahre-Jubiläums-Ausgabe von „Markt und Mittelstand“. Hier können Sie das Magazin kaufen oder abonnieren.