Mittwoch, 01.08.2018

Foto:_jure/Thinkstock/Getty Images

Massenhaft lecker essen: In deutschen Kantinen steht gesunde Kost – neben Klassikern wie der Currywurst – in der Gunst der Mitarbeiter ganz oben.

Personal
Arbeitgeberattraktivität

Kantinen steigern die Zufriedenheit der Mitarbeiter

Betriebe mit einer eigenen Kantine sind attraktiv. Doch die laufenden Kosten für die Unternehmen sind hoch, weswegen viele Mittelständler auf eine interne Gastronomie verzichten. Welche Alternativen für den Mittelstand gibt es?

Ein gemeinsames Mittagessen fördert den kollegialen Zusammenhalt. Und die Loyalität zum Arbeitgeber steigt, wenn die Mitarbeiter sich von ihm gut versorgt fühlen. Betriebskantinen erfreuen sich daher auch im Mittelstand großer Beliebtheit.

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Knapp 700 Mahlzeiten verkauft etwa die Maschinenfabrik Reinhausen in ihren beiden Kantinen am Unternehmensstandort in Regensburg. „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können täglich aus drei Hauptspeisen jeweils mit Beilage und Nachtisch wählen“, berichtet Daniela Bauderer, Leiterin Betriebsgastronomie bei dem Mittelständler. Immer mehr Mitarbeiter achten auf ein gesundes und abwechslungsreiches Speisenangebot. „Unsere Mitarbeiter legen größten Wert auf eine bewusste und ausgewogene Ernährung“, sagt Bauderer.

Doch die Einrichtung und der Betrieb einer eigenen Kantine sind aufwendig und kosten vor allem viel Geld. So sind günstige Essenspreise für Mitarbeiter nur möglich, wenn der Arbeitgeber die Kantine dauerhaft subventioniert. Ein weiterer großer Kostenfaktor sind die Löhne für die Kantinenmitarbeiter. Vor allem bei Betrieben mit Schichtdienst muss die Kantine durchgängig besetzt sein, wenn Angestellte dort auch nachts eine Verpflegung erhalten sollen. Die Maschinenfabrik Reinhausen beispielsweise spart sich den Abendeinsatz von Kantinenpersonal, indem die Mitarbeiter der Spät- und Nachtschicht eine Brotzeit erhalten, die ein externer Lieferservice bringt.

Enger Raum

Auch platztechnisch muss eine Betriebskantine gut durchdacht sein. Der Essensraum muss aufs Betriebsgelände passen, idealerweise auch eine Küche. Unternehmen, die für die Zubereitung der Mahlzeiten keinen Platz haben, können sich Essen extern anliefern lassen. Um Sitzplatzengpässe zu vermeiden, können Arbeitgeber ihre Angestellten dazu anhalten, jeweils zu bestimmten Zeiten die Kantine aufzusuchen. Dem widersprechen können die Mitarbeiter zumindest aus arbeitsrechtlicher Sicht nicht: „Der Arbeitgeber kann bestimmen, wann welcher Mitarbeiter seine Mittagspause einlegt“, sagt Margarete Kosubek-Kubillus, Fachanwältin für Arbeitsrecht. Bietet ein Unternehmen Mahlzeiten auch zum Mitnehmen an, verhindert dies ebenfalls volle Essensräume. Gerade im Sommer nehmen viele Mitarbeiter ihr Essen gern im Freien anstatt in der Kantine zu sich.

Eine allgemeine Faustregel, wie viele Mitarbeiter es mindestens braucht, damit es sich lohnt, eine eigene Kantine einzurichten, gibt es nicht. Der Kantinenbetreiber Sodexo kalkuliert mit mindestens 200 verkauften Mahlzeiten pro Tag. So oder so gilt: Mit einer höheren Zahl der Besucher verringern sich die Stückkosten. Daher kann es sinnvoll sein, auch externe Gäste zuzulassen. Das lohnt sich vor allem für Unternehmen, in deren Umgebung es viele kleine Betriebe gibt, die keine eigene Kantine unterhalten. Bei der Ausgestaltung einer Kantine helfen Dienstleister wie Sodexo oder die Compass Group. „Oft lassen sich bauliche Gegebenheiten nicht ändern, dann entwickeln wir ein entsprechendes Konzept, das darauf Rücksicht nimmt. Gemeinhin ist viel mehr möglich, als man sich auf den ersten Blick vorstellt“, sagt Sodexo-Unternehmenssprecher George Wyrwoll.

Multikulturell verträglich

Die Gerichte sollten Mittelständler so zusammenstellen, dass für jeden Geschmack etwas dabei ist. „Die Mahlzeiten sollten zu der Art der verrichteten Arbeit und zur multikulturellen Belegschaften passen“, sagt Wyrwoll. Gibt es viele Mitarbeiter, die körperlich schwer arbeiten, muss das Essen nahrhafter sein als bei Unternehmen mit nur Büroarbeitern. Das gilt auch für Angestellte im Schichtdienst, da der Körper bei Nachtarbeit zusätzlich belastet wird.

Möchte ein Unternehmen die Menüs nicht selbst auswählen und zubereiten, kann es einen Kantinenbetreiber beauftragen. Dies nimmt dem Mittelständler viel organisatorische Arbeit ab, ist aber auch entsprechend teurer. Die Verantwortlichen der Maschinenfabrik Reinhausen haben sich daher 2012 entschieden, eine bis dahin betriebene Kantine wieder selbst zu verwalten. „Dadurch können wir unser Angebot individueller, frischer und vielseitiger gestalten. Die Essenzahlen sind nach der internen Übernahme deutlich gestiegen, und auch wirtschaftlich war es sinnvoll“, sagt Bauderer. Welche Betreiber-Variante geeigneter ist, lässt sich pauschal nicht sagen. „Auch wenn die Betriebsgastronomie nicht kostendeckend arbeiten kann und vom Unternehmen bezuschusst werden muss, lohnt sich die Investition in eine Werkskantine“, ist Daniela Bauderer überzeugt. „Mitarbeitermotivation und Arbeitgeberattraktivität werden dadurch enorm gesteigert.“

Geldwerten Vorteil vermeiden

Wenn sie Zuschüsse fürs Mittagessen gewähren wollen, sollten Mittelständler die Sozialversicherungsentgeltverordnung beachten. Der durchschnittliche Verkaufspreis einer Mahlzeit in der Kantine sollte trotz Zuschüssen mindestens 3,23 Euro betragen. Liegt der Preis darunter, ergibt die Differenz einen geldwerten Vorteil, der versteuert werden muss. Bei Unternehmen mit vielen Mitarbeitern kann so ein nicht zu unterschätzender lohnsteuerpflichtiger monatlicher Sachbezug entstehen.

Frühstücke sollten den Arbeitnehmer mindestens 1,73 Euro kosten, damit kein geldwerter Vorteil entsteht. Die Zuschüsse des Unternehmens für die laufenden Kosten der Kantine werden, wie andere betriebliche Kosten auch, als Ausgaben in der Kostenrechnung des Unternehmens verbucht.

Essensmarke und App

Mittelständler, die sich aufgrund der hohen Kosten gegen eine eigene Kantine entscheiden, können das Mittagessen ihrer Arbeitnehmer auf anderem Wege subventionieren. Der Klassiker ist die Essensmarke. Mit dieser kann der Mitarbeiter in ausgewählte teilnehmende Restaurants gehen und bekommt dort sein Essen vergünstigt. Der Arbeitgeber hat die Wahl zwischen Essensmarken, die er komplett selber bezahlt, und Marken, bei denen der Mitarbeiter den sogenannten Sachbezugswert von 3,23 Euro selbst trägt. Übernimmt der Angestellte den Sachbezugswert, darf der Arbeitgeber ihm 3,10 Euro steuerfrei bezuschussen. Der Arbeitgeber muss dann einen Nachweis über die Krankheits- und Urlaubstage seiner Angestellten führen – es sei denn, er verteilt maximal 15 Gutscheine pro Monat und Arbeitnehmer, dann entfällt diese Pflicht. Trägt der Mittelständler sämtliche Kosten des Gutscheins, also die 3,23 Euro Sachbezugswert und den Zuschuss von 3,10 Euro, muss er auf die 3,23 Euro pauschal 25 Prozent Steuern zahlen. Der Mitarbeiter erhält also einen Rabatt von 6,33 Euro für sein Mittagessen, und für den Mittelständler entfallen die Anwesenheitsnachweise.

Info

Die Kantinenlieblinge

 

  • Platz 1: Currywurst mit Pommes
  • Platz 2: Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat
  • Platz 3: Spaghetti Bolognese
  • Platz 4: Caesar-Salad mit gebratenen Hühnerfiletstreifen
  • Platz 5: Gebratene Rindfleischstreifen auf Glasnudelsalat und Gemüse

Quelle: Compass Group

Auch digitale Lösungen gibt es bereits, etwa vom Start-up Spendit. Arbeiternehmer brauchen keine gedruckte Marke im Restaurant abzugeben, sondern fotografieren die dort entstandene Rechnung mit ihrem Mobiltelefon und schicken sie über die App „Lunchit“ an den Arbeitgeber. Ende des Monats kann der Betrieb die Abrechnungen in seine Buchhaltung exportieren. Mit der Gehaltsabrechnung erhält der Arbeitnehmer seinen Essenszuschuss ausgezahlt. Auch hier gelten die gleichen Steuervorschiften wie bei analogen Essensmarken. Auch Supermarktrechnungen können Angestellte per App einreichen. Befindet sich auf der Quittung allerdings noch anderes als Lebensmittel oder alkoholfreie Getränke, muss der Nutzer in der App den Rechnungsbetrag entsprechend reduzieren.

„Der Vorteil unserer App ist, dass sie sich schon bei einem einzigen Angestellten lohnt“, sagt Florian Gottschaller, Gründer und Vorstand bei Spendit. Möchte ein Unternehmen die App nutzen, muss es sich online registrieren und die Namen der Mitarbeiter eintragen, die teilnehmen. Diese erhalten dann eine Einladung und müssen sich die App selbst herunterladen. Den Arbeitgeber kostet die Lunchit-App zwischen 6,25 Euro und 9,90 Euro pro Mitarbeiter und Monat, je nach Teilnehmeranzahl.

Gefüllter Kühlschrank

Eine weitere Alternative zur klassischen Kantine bietet das Unternehmen Chillmahl an. Es beliefert Unternehmen mit einer sogenannten Foodstation. Diese ist in Größe und Ausstattung individuell anpassbar, besteht aber meist aus einem Kühlschrank, einer Theke, Mikrowelle und Mülleimer. Köche bereiten die Mahlzeiten extern zu und füllen den Kühlschrank des Unternehmens damit. Die Mitarbeiter können sich dann ihr Essen nehmen und aufwärmen. Bezahlt wird per App oder online. Die Firma zahlt nicht die einzelnen Gerichte, sondern eine Servicepauschale im drei- bis vierstelligen Bereich. Mit 6,90 Euro sind die Hauptgerichte allerdings etwas teurer als gewöhnlich in Kantinen.

Ab etwa 50 Angestellten kann sich dieses Konzept laut Chillmahl-Chef Dirk Hannemann lohnen. „Flexibilität ist das A und O. Bei uns kann jeder Mitarbeiter des Kunden selbst entscheiden, wann er zu Mittag isst.“ Zurzeit gibt es den Service nur in Hamburg, das könnte sich in Zukunft aber ändern.


Dieser Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 07-08/2018. Hier können Sie das Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.