Mittwoch, 03.04.2013
Fachkraft

Quelle: Photodisc, Thinkstock / Getty Images

Personal
Fachkräftemangel

Karriere mit 40

Mit Mitte Vierzig wollen viele Fachkräfte noch einmal Karriere machen. Mittelständler sind als Arbeitgeber dann besonders attraktiv.

Mit 45 schon zum alten Eisen? Diese Frage stellte Ottmar Fahrion, Chef des gleichnamigen Maschinenbauunternehmens. Als Unternehmen im Großraum Stuttgart fehlten ihm Ingenieure. „Wir sind umzingelt von Daimler, Bosch, Porsche und Co“, sagt der Unternehmer. Wie bei zahlreichen Mittelständlern in industriellen Ballungsgebieten bewerben sich die jungen karriereorientierten Absolventen in erster Linie bei Konzernen. Die Stellenausschreibungen und Karriere-Wege der kleineren Betriebe gehen dabei schnell unter. So ist es auch Fahrion ergangen. Er erhielt nur wenige Bewerbungsschreiben auf seine Stellenanzeigen. Bei einer Analyse dieser Schreiben fiel auf, dass sich nicht ein Ingenieur über 45 Jahre beworben hatte. Um das zu ändern, beschloss Fahrion die Anzeige anders zu betiteln: „Mit 45 zu alt – mit 55 überflüssig? Wir suchen Ihre Berufs- und Lebenserfahrungen“. Die Resonanz war sehr gut. 500 Ingenieure bewarben sich auf diese Stelle. „Wir konnten rekrutieren wie im Schlaraffenland“, erinnert sich Fahrion.

Karrierebewusste Mittvierziger

Unternehmer, Mittelstand

Unternehmer Otmar Fahrion setzt auf erfahrene Mitarbeiter.

Jörg Kasten von der Personalberatung Boyden wundert sich nicht über den Erfolg. Er weiß: „Den Jugendwahn gibt es nicht mehr.“ Noch vor 20 Jahren sei die Karriere mit Mitte 40 vorbei gewesen. „Heute ist das anders“, sagt er. Seine Erfahrung zeigt, dass gerade die qualifizierten Fachkräfte mit Mitte 40 noch einmal eine neue Herausforderung suchen. „Sie haben dann die Karriere im Konzern hinter sich, wollen aber kein kleines Rädchen mehr sein“, beschreibt er die Situation.

Zwei Fakten, die vor allem für Mittelständler interessant sein könnten. Während Studien zufolge weit über 60 Prozent aller Hochschulabsolventen ihren Traumarbeitgeber in einem Konzern sehen, suchen die hochqualifizierten Berufserfahrenen nach neuen Herausforderungen, bei denen die Aufgabe und nicht die Karriere im Mittelpunkt steht.
Zweitens kommt das auch dem demografischen Wandel entgegen. Denn gerade Mittelständler, die ihre Altersstruktur von unten und von oben auffrischen und durchmischen, müssen keine plötzliche Elternzeit- oder Rentenwelle befürchten.
Die Vorzeichen stehen gut, allerdings gibt es ein Manko in der Praxis. Ja, viele Fachkräfte sind bereit, mit Mitte 40 einen neuen Arbeitgeber zu suchen. „Allerdings haben die Wenigsten den Mittelstand und dessen Karriere-Wege auf dem Radar“, ergänzt Kasten. Also auch hier drohen sie in die gleiche Falle zu treten wie bei den Absolventen. Was können mittelständische Unternehmen tun, um für die Wechselwilligen attraktiv zu sein?

Karriere-Träume

Wer 15 oder 20 Jahre Berufserfahrung gesammelt hat, weiß, was er möchte und was er wert ist. In Personalberaterkreisen ist dann immer wieder dieses Sprichwort zu hören: „Mit 20 träumt man, mit 30 wird man es und mit 40 weiß man, was man ist.“ Carina Jackowski von der Argo Group ergänzt: „Der Aufstieg auf der Karriereleiter steht nicht mehr so sehr im Fokus“, Fachkarrieren und Projekte, in die Know-how und Erfahrung einfließen können, seien wichtig. In diesem Punkt haben viele Mittelständler Nachholbedarf. In der Praxis sind die Karrierewege im Mittelstand zwar attraktiv, weil junge Fachkräfte schnell Verantwortung bekommen. Der Nachteil ist jedoch die Intransparenz. Neben dem Fachwissen spielen Sympathien und Auslastung bei der Vergabe von Verantwortlichkeiten beispielsweise eine Rolle. 45-Plusler wollen sich zwar in Sachen Titel auf der Visitenkarte nicht mehr weiterentwickeln, umso wichtiger ist ihnen aber eindeutig zu wissen, wo sie stehen, was sie verantworten und was der nächste Schritt ist.

Dieses Bedürfnis der Fachkräfte hat die Alfred Schuessler GmbH erkannt. „Wir können nicht jedem den Aufstieg bis zum Manager bieten“, erklärt die Personalleiterin Isabel Meister. Im Jahr 2007 hat Meister deshalb zusammen mit der Geschäftsführung Fachkarrieren entwickelt. Innerhalb von vier Stufen, den sogenannten „Grads“ können sich Ingenieure vom Einsteiger bis hin zum Projektleiter aufsteigen. „Die Anforderungen an die nächste Stufe sind klar definiert“, sagt Meister. So kann jeder Fachkräfte erkennen, wann er den nächsten Grad erreichen kann. Mit jedem Aufstieg sind eine Gehaltserhöhung, ein neuer Titel und eine höhere Verantwortlichkeit verbunden. In die Bewertungen eines jeden Grads fließen die Berufserfahrung, die Komplexität der Aufgabe, die Risikoverantwortung, die Schnittstellenkommunikation sowie der Entscheidungsrahmen ein. Meister hat mit diesem System gute Erfahrungen gesammelt. „Bisher konnten wir die Fachkarriere nur den Ingenieuren anbieten“, sagt sie. Wegen der großen Nachfrage bereitet sie zurzeit die Ausweitung des Systems aus, so dass allen Fachkräften eine fachliche Laufbahn angeboten werden kann.

Erfahrung zählt mehr als die Karriere

„Weniger Karriere, mehr Projektverantwortung“ lautet also der Wunsch der berufserfahrenen Mitvierziger. Was bringen sie aber dem Unternehmen? Geschäftsführer Fahrion überrascht mit seiner Antwort: „Sie sind flexibler“, sagt er. Während Zwanzig- und Dreißigjährige noch sehr viel mit ihrem Privatleben, wie Hausbau, Vereinsleben und Kindererziehung, beschäftigt sind, sind Ältere dieser Lebensphase entwachsen. Fahrion berichtet von einem 50-jährigen Fachkräfte, der in Griechenland ein Projekt für drei Monate leiten sollte. Kurzerhand hat dieser dort eine Wohnung am Meer gemietet und ist mit seiner Frau für die Dauer des Projekts nach Athen gezogen. Diese Flexibilitätsthese ist umstritten. Bei zahlreichen Geschäftsführen und Personalberatern gelten Fachkräfte gerade wegen ihrer gefestigten Lebenssituation als unflexibler. Diese Meinung vertritt auch Personalchefin Meister. Sie sagt: „Die Mobilität ist nicht mehr so ausgeprägt.“ Einige Vorteile liegen aber auch auf der Hand. „Ein älterer Fachkräfte bringt das, was ein junger nicht hat“, sagt Fahrion. Berufserfahrene zeichnen sich durch ihre Routine aus. Budgetverantwortung und Kostenkalkulationen müssen sie nicht mehr lernen. „Und es ist vor allem die Kundennähe“, sagt Fahrion. Ältere Fachkräfte haben ein Gefühl dafür, wann sie ein Zugeständnis machen können, und wann diplomatische Härte auch gegenüber dem Kunden notwendig ist. Trotz der Vorteile muss die Fachkräftestruktur ausgewogen sein.

Mischstruktur


Beim Maschinenbauunternehmen Fahrion sind rund 40 Prozent der Belegschaft über 53 Jahre und 40 Prozent über 43 Jahre alt. Meister von Alfred Schüssler sagt: „Auch uns würden mehr erfahrene Fachkräfte guttun.“ Fahrion weiß aber auch von den Nachteilen zu berichten. „Der Wissenstransfer muss immer im Auge behalten werden“, erklärt er. Wer mit 50 kommt, arbeitet wahrscheinlich noch zehn Jahre in dem Unternehmen. Er rät zwei bis drei Jahre vorher mit einem gezielten Übergabeplan zu beginnen. Auch wenn Fachkräfte mit Mitte oder Ende vierzig viel Erfahrung und Routine mitbringen, sind ihnen die jungen Absolventen zumeist in IT- und Computerfragen überlegen. Deshalb sollten auch die erfahrenen Fachkräfte regelmäßig Schulungen und Fortbildungen erhalten. Beide – sowohl Berufsjunge wie auch Erfahrene – profitieren, wenn sie in gemischten Teams arbeiten. „Der junge Fachkräfte lernt so schnell die Routine und der berufserfahrene Fachkräfte bleibt ständig auf dem Laufenden“, erklärt Beraterin Jackowski. Fahrion setzt seit Jahren auf berufserfahrene Fachkräfte und ist überzeugt von deren Erfahrungsschatz und Können. Ein Ausschlusskriterium gibt es für ihn allerdings. Er sagt: „Wer immer nur bei einem Konzern gearbeitet hat, der kann sich in mittelständische Strukturen nicht mehr einfinden.“