Beitrag teilen

Link in die Zwischenablage kopieren

Link kopieren
Suchfunktion schließen
Personal > Kommentar zur Arbeitswelt

Krankschreiben am Telefon? Weg damit, aber es braucht mehr!

| Thorsten Giersch

Die Union will, dass Beschäftigte wieder zum Arzt gehen für einen Gelben Schein. Das mag in wenigen Fällen helfen, löst das Problem der hohen Fehlzeiten aber nicht. Wobei: Sind wir eigentlich wirklich häufiger krank als früher?

Eine Ärztin per Videosprechstunde mit einer Frau verbunden Foto: Shutterstock
Die telefonische Krankschreibung, eingeführt als Pandemieinstrument, ist zum Symbol einer Grundsatzfrage zwischen Vertrauen, Kontrolle und Produktivität geworden. Foto: Shutterstock

21.01.2026 Thorsten Giersch für Markt und Mittelstand

Deutschland diskutiert, ob die Krankschreibung am Telefon wieder abgeschafft gehört. Das ist gut so, denn solche Mechaniken müssen bewusst entschieden, die Argumente abgewogen werden – anstatt die Corona-Regelung einfach weiterlaufen zu lassen. Die Frontlinie verläuft erwartbar zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, in der Politik zwischen SPD und CDU und die Ärzte sowie Krankenkassen spielen auch eine Rolle.

Schwierig ist die Lösung, weil die Argumente schwer abzuwägen sind – liegen sie doch in unterschiedlichen Bereichen: Auf der einen Seite werden Hausärzte entlastet, denn die Wartezimmer laufen nicht über, wenn Menschen per Telefon krankgeschrieben werden können. Auf der anderen Seite vermuten Arbeitgeber zurecht, dass die Quote der Blaumacher steigt, wenn man nicht beim Arzt vorstellig werden muss für einen „Gelben Schein“, eine Bescheinigung, arbeitsunfähig zu sein.

Nun haben Bundeskanzler Friedrich Merz und Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (beide CDU) angekündigt, die geltende Regelung eventuell ändern zu wollen. Anlass ist der hohe Krankenstand. Zitat Warken: „Zur Wahrheit gehört, dass die niedrigschwellige Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung missbräuchlich ausgenutzt werden kann.“

Können Ärzte am Telefon urteilen?

Mal abgesehen von wahltaktischen Hintergründen und inhaltlichen Aspekten: Wenn die Regierung jetzt erneut zu Ungunsten der Arbeitgeber entscheidet, also den Unternehmen wieder mal auf die Glocke gibt, wird das die Stimmung am Standort zusätzlich verschlechtern. Dann wäre es besser gewesen, die Diskussion intern still und heimlich zu begraben.

Denn wenig überraschend sind zumindest Teile der SPD dagegen: Karl Lauterbach, ja, den gibt es noch, schoss direkt dagegen. Warkens Vorgänger nannte die Idee „Schikane“ und brachte das Argument, dass Praxen überlaufen. Dagegen könnte man einwenden: Wer wirklich arbeitsunfähig ist – und das ist je nach Beruf mal mehr und mal weniger deutlich heftiger als „krank“ zu sein – der sollte vielleicht ohnehin ärztlichen Rat einholen. Und nicht nur den Gelben Schein.  

Für die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung sind wenig überraschend Arbeitgeberverbände. Aber auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung mit dem Argument, dass Ärzte die Arbeitsunfähigkeit am Telefon nicht wirklich beurteilen könnten. Krankenkassen sind in der Regel auch dafür und wünschen sich einen „Krankenstandsgipfel“ im Kanzleramt.

 

Im internationalen Vergleich liegt Deutschland im Mittelfeld, wobei Vergleiche hier aufgrund unterschiedlicher Statistik-Methoden schwierig sind.

Thorsten Giersch, Chefredakteur

Sind wir häufiger krank als früher?

Ein Blick auf die Fakten lohnt sich bei diesem Thema: Je nachdem, welche Kasse man fragt, sind es zwischen 15 und 20 Kalendertage, die der Deutsche derzeit pro Jahr krankgeschrieben ist. 19,5 sind es zum Beispiel bei der DAK. Nach bisherigen Erkenntnissen liegt die Quote für 2025 nicht über der von 2024 und unter der in den Corona-Jahren, die aber eine Ausnahme darstellen.

Der Vergleich mit der Zeit während der Pandemie hinkt allerdings genauso wie mit den 2010er-Jahren, denn inzwischen gibt es die elektronische AU. Das heißt, auch die ersten beiden Tage einer Krankschreibung gehen inzwischen in die Statistik der Krankenkassen ein, früher war das oft nicht so. Kein Wunder also, dass die Zahl heute höher liegt.

Traditionell schleppen sich zudem in wirtschaftlich guten Zeiten mehr Menschen „halbkrank“ zu Arbeit als in Krisenzeiten wie diesen. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland im Mittelfeld, wobei Vergleiche hier aufgrund unterschiedlicher Statistik-Methoden schwierig sind. Zudem gibt es hierzulande überdurchschnittlich viele ältere Menschen, die per se häufiger krank werden.

Was hilft gegen Blaumacher?

In einer Umfrage von Yougov gaben 20 Prozent der Beschäftigten an, im abgelaufenen Jahr einmal blaugemacht zu haben, elf Prozent zwei- bis fünfmal und zwei Prozent häufiger. Ärzte müssen einen Menschen sehen, um beurteilen zu können, ob er arbeiten kann oder nicht. Die Politik sollte also die Krankschreibung per Telefon verbieten. Aber damit ist das 82 Milliarden Euro schwere Problem nicht gelöst – so viel kostete die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall die Arbeitgeber 2024. Zum Vergleich: Die Summe beträgt das Doppelte der Arbeitslosenversicherung und übersteigt auch jene der Pflegekassen.

Womöglich würde eine Krankschreibung per Video-Schalte eines Tages rechtlich möglich sein und das Problem der vollen Wartezimmer lösen. Viel wichtiger wäre aber die in anderen Ländern praktizierte „Teilzeit-Krankschreibung“: In der heutigen Arbeitswelt gibt es eine große Grauzone zwischen Blaumachen und sich krank zur Arbeit zu schleppen, wo man andere ansteckt: In immer mehr Jobs können Kranke im Homeoffice 25, 50 oder 75 Prozent der Zeit arbeiten. Womöglich wäre es auch sinnvoll, dass der erste Tag einer Krankschreibung zunächst unbezahlt ist und erst bei Gelben Schein nach Arztbesuch wie bisher bezahlt wird.

Dessen ungeachtet sollten sich Arbeitgeber aber auch mal selbst fragen, was bei ihnen im Haus für die vielen Fehltage spricht: Was hier hilft sind Vorgesetzte, mit denen man gern zusammenarbeitet. Kollegen, die man nicht im Stich lassen möchte und vor allem eine sinnvolle Tätigkeit, bei der man das eigene Tun als wertschöpfend empfindet. Und in den Fällen, allem Anschein nach einer Minderheit, die mit alldem nicht zu packen sind, hilft natürlich nur Druck. Angesichts der wirtschaftlichen Lage dürfte so ziemlich jeder und jede begriffen haben, das Kündigungen durchgezogen werden und Arbeitsgerichte das große Ganze anders wahrnehmen als in Boomzeiten. 

Bleiben Sie auf dem Laufenden, abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter und erhalten Sie immer die neuesten Nachrichten und Analysen direkt in Ihren Posteingang.

Ähnliche Artikel