Beitrag teilen

Link in die Zwischenablage kopieren

Link kopieren
Suchfunktion schließen
Personal > Kommentar zur Arbeitswelt

Kündigungsschutz lockern und Teilzeitanspruch senken – es lohnt sich, das zu Ende zu denken

| Thorsten Giersch | Lesezeit: 3 Min.

Deutschlands rigider Kündigungsschutz passt nicht mehr in die Zeit. Eine Lockerung stößt vielen genauso auf, wie Teilzeitansprüche zu senken. Beides liegt jetzt auf dem Tisch – aus gutem Grund!

Würfel mit den Buchstaben Teil- bzw. Vollzeit Foto: Shutterstock
Debatten über Kündigungsschutz und Teilzeit zeigen, wie schwer Deutschland sich mit Arbeitsmarktreformen im Spannungsfeld von Sicherheit und Wandel tut. Foto: Shutterstock

26.01.2026 Thorsten Giersch für Markt und Mittelstand

Um es vorwegzunehmen: Der Autor dieser Zeilen arbeitet in Teilzeit – nach einer Einigung mit dem Arbeitgeber. In der aufgehetzten Debatte dieser Tage nach dem Vorstoß der Mittelstandsunion, den Rechtsanspruch auf Teilzeit zu beschneiden, ist das wichtig.

Die Idee der Gruppe, an deren Spitze übrigens Gitta Connemann steht, die Mittelstandsbeauftragte der Regierung: Es soll triftige Gründe brauchen, um auch gegen den Willen des Arbeitgebers in Teilzeit gehen zu dürfen, wie zum Beispiel ein Kind, die Pflege von Angehörigen, Weiterbildungen und einige weitere.

Anders formuliert: Wer in Teilzeit gehen möchte, um mehr Luft für Hobbys zu haben, soll sich mit dem Arbeitgeber abstimmen und es nicht mehr einfach tun dürfen. Zur Einnerung: Alle diese Menschen haben freiwillig einen Vollzeit-Arbeitsvertrag unterschrieben. 

Zum Vergleich: Auch verbeamtete Lehrer haben zum Beispiel keinen Rechtsanspruch auf Teilzeit. Warum müssen Unternehmen etwas leisten, was der Staat nicht tut und gerade zuletzt immer wieder mit dem Totschlagargument „dienstliche Belange“ Teilzeit-Wünsche ablehnte. Wie gern würden das auch Arbeitgeber in der freien Wirtschaft tun! Man kann der Idee nur wünschen, dass sie Realität wird.

Beschäftigte und Unternehmen hätten natürlich weiterhin beziehungsweise die Möglichkeit, sich untereinander zu einigen. Und kaum jemand wird ja wohl begründen wollen, dass man so ein Gespräch nicht auch mit Rechtsanspruch fühen sollte. Obwohl die Argumente der Mittelstandsunion schlüssig sind, läuft die SPD Sturm. Auch in der Union gibt es Gegenstimmen. Ob die inhatltlich oder wahltaktisch motiviert sind - oder auch wegen der suboptimalen Kommunikatin der Idee (siehe unten), mag dahingestellt sein.

Kündigungsschutz für Top-Verdiener lockern?

Das gilt auch für die zweite Idee: Die CDU wird auf ihrem baldigen Bundesparteitag diskutieren, den Kündigungsschutz von gut bezahlten Managerinnen und Managern zu lockern. Ökonomen wie Ifo-Chef Fuest plädieren seit langem für mehr Flexibilität und geben der Idee fünf Sterne.

Amerikanisches Hire and Fire kann nun aber auch niemand wollen. Einen smarten Mittelweg bietet das dänische Modell, genannt Flexicurity – eine Mischung aus Flexibilität und Sicherheit. Firmen können Beschäftigte ab einer bestimmten Gehaltsklasse vergleichsweise einfach entlassen. Die sind dafür aber in hohem Maße abgesichert, bekommen für maximal zwei Jahre ein Arbeitslosengeld in Höhe von bis zu 90 Prozent ihres früheren Einkommens.

Die Idee passt in die Zeit. Mit starrem Kündigungsschutz ist in der KI-Ära keine Transformation zu machen. Spannend wird sein, ab welchem Gehalt die Regelung greifen wird. Allein schon, weil die Maßnahme teuer werden könnte, wenn die Grenze allzu niedrig liegt. Der Wert von 100.000 Euro könnte eine Richtschnur sein. Außerdem wären rechtliche Details zu klären. Aber wer der deutschen Wirtschaft wohlgesonnen ist, sollte dieser Idee genauso die Daumen drücken wie der ersten.

Wer in Teilzeit gehen möchte, um mehr Luft für Hobbys zu haben, soll sich mit dem Arbeitgeber abstimmen und es nicht mehr einfach tun dürfen.

Thorsten Giersch, Chefredakteur

So geht Politik für Arbeiter

Es mag Zufall sein, dass zwei Ideen der CDU zum Thema Arbeit gleichzeitig diskutiert werden. Und sie haben auch nichts miteinander zu tun. Aber beide schärfen das Profil der Christdemokraten als Arbeiterpartei. Ein Profil, dass die SPD immer mehr droht zu verlieren. Das klingt auf den ersten Blick widersprüchlich: Doch tatsächlich ist eine Arbeiterpartei vor allem eine, die Maßnahmen ergreift, dass mittelfristig noch möglichst viel Arbeit da ist.

Ein Beispiel: Mitte 2023 gab es in Hotel- und Gaststättenberufen laut IW 44.000 offene Stellen für Fachkräfte bei einem Angebot von 29.000 entsprechend qualifizierten Arbeitslosen. Im Oktober 2025 kamen auf rund 19.000 Stellenofferten der Branche knapp 100.000 arbeitssuchende gelernte Gastronomen. Dafür gibt es mehrere Gründe, aber die Erhöhung des Mindestlohns führte zu weniger Arbeit.

Zum anderen ist eine Arbeiterpartei auch eine, die austariert, was gut bezahlte Manager leisten müssen, um ihr höheres Gehalt zu rechtfertigen. Wer zu wenig leistet, darf entlassen werden, gerade in solchen Phasen wie diesen. Deswegen ist der lockere Kündigungsschutz für gut bezahlte Führungskräfte nicht nur pragmatisch, sondern auch gerecht.

Aber zur Wahrheit gehört auch, dass man geschickt kommunizieten und ganzheitlich denken muss, damit sich Erfolge einstellen: Warum räumt der Wirtschaftsflügel der Union nicht auch endlich das unsägliche Ehegattensplitting ab? Warum gibt das Steuer- und Abgabensystem die falschen Anreize, nämlich weniger zu arbeiten tendenziell zu belohnen?

Und vor allem: Warum provoziert die Mittelstandsunion mit Formulierungen wie "Lifesryle-Teilzeit" diejenigen, die mit dem Mix Teilzeit-Lohnarbeit plus Familienarbeit pro Woche 80 bis 100 Wochen dreschen, anstatt die simple Wahrheit auszusprechen: Es sind vor allem Männer, die der Wegfall des Rechtsanspruchs treffen würde. Denn deren Quote an "zeifelhaften" Gründen für Teilzeit ist deutlich, deutlich höher als die Quote der Frauen - nämlich ungefähr bei 50 Prozent. 

Bleiben Sie auf dem Laufenden, abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter und erhalten Sie immer die neuesten Nachrichten und Analysen direkt in Ihren Posteingang.

Ähnliche Artikel