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Liquidität sichern: Wie Unternehmen Insolvenzrisiken früh erkennen

| Midia Nuri | Lesezeit: 8 Min.

Drohender Liquiditätsmangel ist Insolvenzgrund. Wie Unternehmer mit 13-Wochen-Planung und Überblick ihr Unternehmen absichern.

Geld in der Wüste
Plötzlich ausgetrocknet: Bei Unternehmen, die keinen Überblick über ihre Liquidität haben, saugen die Ausgaben die Einnahmen womöglich auf wie Wüstenboden das Wasser. Und überraschend droht Insolvenz, weil ein Betrieb Verbindlichkeiten nicht mehr bedienen kann. (Foto: KI-generiert/Adobe Firefly)

 

Unternehmer sollten ihre Finanzen in guten Zeiten straff kontrollieren, um den Betrieb nicht zu gefährden. Schon drohender Liquiditätsmangel ist Insolvenzgrund.  

Von Midia Nuri 

 

Geld muss bei Bedarf verfügbar sein. Das ist eines der obersten Gebote für Unternehmen jeder Größe und Branche. Wie der Volksmund schon sagt: Ohne Moos nix los. Liquiditätsmangel oder drohender Liquiditätsmangel ist juristisch betrachtet ein zwingender Insolvenzgrund – wie Überschuldung. Das Schicksal des Unternehmens hängt also davon ab, dass zum Fälligkeitszeitpunkt der für sämtliche Ausgaben nötige Betrag verfügbar ist. Ein solides Liquiditätsmanagement gehört daher zu den wichtigsten Führungsaufgaben. 

Unternehmer können auf verschiedenen Wegen dafür sorgen, dass genug Geld verfügbar ist, angefangen beim richtigen Umgang mit Forderung, über die geschickte und möglichst günstige Finanzierung, die zu den maßgeblichen Risiken passende Absicherung bis hin zu einem generell klugen Umgang mit Ressourcen. Das Wichtigste aber ist der nötige Überblick, den Unternehmer nie verlieren dürfen. Und sie sollten das Liquiditätsmanagement nicht nur in der Firmenkrise ernst nehmen, sondern lange vorher. 

Um existenzbedrohenden Schwierigkeiten effektiv vorzubauen, müssen Unternehmer auf das Richtige schauen. Vor allem für Firmen, die nach dem Handelsgesetzbuch (HGB) bilanzieren, liegt hierfür die Cashflow-Rechnung nahe, zu der sie auch gesetzlich verpflichtet sind und die einen finanziellen Überblick gewährt. „Aber diese ist ja von der Ist-Bilanz her abgeleitet und damit sind die Zahlen alt“, wendet Britta Hübner ein, Sanierungsexpertin und Gründerin von Hübner Management in Grünwald bei München. Um die Liquidität wirksam zu sichern, müssen Unternehmer nach vorn schauen. „Sie müssen hierfür auf Daten aus dem Buchhaltungs- und/oder ERP-System zugreifen“, rät Hübner. Nur diese Zahlen sagen wirklich etwas darüber aus, wie es um die flüssigen Mittel des Unternehmens bestellt ist. 

Unternehmer können sich für ihr Liquiditätsmanagement lange vor einer Krise etwas bei Betrieben abschauen, die in der Insolvenz oder Sanierung stecken. „Eine neue Gesellschaft muss sich wie ein Start-up komplett neu etablieren“, sagt Alexander Klos, Finanzchef von Beyond Imaging, das erst kürzlich aus der Insolvenz des Diagnostikdienstleisters Medneo hervorgegangen ist. Klos und Firmenlenker Marcus Schmidt managten die Insolvenz in Eigenverwaltung – gemeinsam mit einem Investor, der dazu bereit war, und einer auf Restrukturierung spezialisierten Kanzlei. „Einnahmen fließen erst, wenn die ersten Leistungen erbracht und abgerechnet sind“, sagt Klos. Keine Historie, keine Bilanz, keine Kreditlinien. „Kein Konto mit Sonderkonditionen, keine Kreditkarten“, sagt er. Und während sie mit der insolventen Medneo zu viele Themen parallel verfolgten und letztlich verschuldet waren, „weil der Einsatz der über längere Zeit zusätzlich eingebrachten Mittel nicht in allen Bereichen vollständig nachvollziehbar war“, wie Klos erklärt, lautet die Devise nun: transparente Ablagen, stets aktuelle Unterlagen, eine durchdachte Cashflow-Planung und regelmäßige Cash-Simulationen. „Eine 13-Wochen-Vorausschau ist in solchen Situationen kein Nice-to-have, sondern absolut unverzichtbar“, sagt der Finanzchef. 

„Diese 13-Wochen-Planung empfehle ich nicht nur in der Krise“, ergänzt Sanierungsberaterin Hübner. Die wichtige Frage für Unternehmer ist aus ihrer Sicht immer, ob die Liquidität in den nächsten 13 Wochen für 90 Prozent der Verbindlichkeiten reicht. „Und diese finanzielle Vorausschau aufgrund der aus den aktuellen Systemen stammenden Zahlen brauchen Unternehmer auf Legal-Entity-Ebene“, betont sie – also für jede einzelne zum Unternehmen oder der Unternehmensgruppe gehörende Gesellschaft. „Viele gucken nur auf die Gruppenebene und packen die Werte zusammen“, wie Hübner bei größeren Mittelständlern beobachtet hat. 

Fehlender Überblick

Sogar Konzerne mit mehr als 500 Millionen Euro Umsatz wissen häufig nicht, wie viel Liquidität sie genau in welcher Gesellschaft haben. „Die haben oft Auslandstöchter und keine Information darüber, was dort an Kreditlinien oder Cash vorhanden ist“, sagt Hübner. Doch damit wissen Unternehmer auch nicht, ob eine ihrer Gesellschaften eine Unterdeckung hat – und eine andere Gesellschaft vielleicht die passenden Reserven, die man zu der Gesellschaft mit dem Finanzbedarf im Rahmen verschieben könnte. Eine so entstehende Schieflage erfasst rasch wesentliche Teile des Unternehmens oder der Unternehmensgruppe sowie Zulieferer und Kunden. Kreditversicherer, aber auch Factoringgesellschaften oder Avalgeber (Kreditbürgen) richten daher den Blick auch auf die Kunden ihrer Kunden. 

„Wir schicken unser Standardanschreiben an die Unternehmen, für die unser Versicherungsnehmer eine Kreditlinie erbittet“, sagt Bernd Reich, Head of Special Risk Management des Warenkreditversicherers Coface. „Dann bekommen wir neben dem Jahresabschluss auch einige aktuellere Kennzahlen zurück. In der Regel auch noch das Quartals-Reporting, das die Banken sowieso erhalten, und manchmal auch ein kleines Statement darüber, welche Finanzierung für welchen Zeitraum zugesagt ist.“ Was oft fehle, sei der Blick in die Zukunft. Nur der gebe dem Versicherer und auch dem Unternehmer selbst die Gewähr, dass sie nicht in eine Liquiditätskrise geraten – die rechtlich dazu verpflichte, einen Insolvenzantrag zu stellen. „In der Vergangenheit haben wir in der Regel nur testierte Jahresabschlüsse vorgelegt bekommen“, sagt Reich. Deren Zeithorizont liegt in der heutigen Zeit auch aus seiner Sicht viel zu lang zurück. „Wir müssen näher am Markt sein und wissen, ob das Unternehmen für die nächsten ein bis zwei Jahre durchfinanziert ist.“ 

Beim Liquiditätsmanagement ist Pragmatismus gepaart mit Sorgfalt wichtig. „Unternehmen brauchen kein highly sophisticated Modell“, sagt Hübner. Dafür sei gerade in etwas komplexeren mittelständischen Unternehmen Transparenz nötig und damit auch Kommunikation. „Denn um die für eine gute Liquiditätsplanung nötigen Zahlen offenzulegen, braucht es auch die entsprechenden Anweisungen an die jeweiligen Verantwortlichen“, erklärt die Sanierungsexpertin. Das gilt für mittlere bis größere Firmen mit mehreren Gesellschaften oder Abteilungen ebenso wie für Betriebe mit wenigen Mitarbeitern. Unternehmer müssen sicherstellen, dass alle mit Kunden und Zulieferern in Kontakt stehenden Mitarbeiter die für das Liquiditätsmanagement maßgeblichen Fristen und Konditionen kennen und einhalten. Ein solches, pragmatisches Vorgehen ist zum Schutz vor einer Insolvenz wertvoller als ein ausgefeiltes System von Liquiditätskennzahlen, die oft in Datenfriedhöfen ruhen. „Zur Ermittlung eines Spitzenbedarfs muss die sogenannte Mindestliquidität ermittelt werden“, erklärt Hübner. „Das ist die Luft zum Atmen, also was an Arbeitsliquidität gebraucht wird. Das wochengenau zu gewährleisten, gibt ausreichend Planungssicherheit.“ Genutzt werden Daten zur tatsächlichen Inanspruchnahme über die vergangenen Monate. 

Unternehmer brauchen in die Zukunft weisende Zahlen. Die Sanierungsberaterin rät dazu, sich auch für gesunde Unternehmen einen Finanz-Tracker einzurichten, mit dem Unternehmer simulieren können, was mit dem Geschäftsergebnis, was mit dem Eigenkapital je nach Marktlage passiert. 

Wichtig ist Hübner, dass Unternehmer an Selbstverständlichkeiten denken müssen, um solvent zu bleiben. Zu häufig hat sie in ihren Jahren als Chief Restructuring Officer (CRO) Nachlässigkeit erlebt, zuweilen selbst in Unternehmen mit gut ausgestatteten Finanz- und Controllingabteilungen. „Oft werden regelmäßige Zahlungen, die über Daueraufträge laufen, vergessen“, berichtet sie. Miete zum Beispiel. Wenn das Konto nicht im Blick ist, rutschen solche wichtigen Positionen bei der Liquiditätsplanung durch. Das können wichtige Ausgaben sein. „Urlaubs- und Weihnachtsgelder, die nur ein- bis zweimal im Jahr gezahlt werden, Gehälter, Beiträge für die Krankenkasse, Steuernachzahlungen, der Wirtschaftsprüfer für die Erstellung des Jahresabschluss“, zählt Hübner auf. Eine weitere Selbstverständlichkeit, die vergessen wird: „Unternehmer, die sehr ergebnisorientiert sind, verlieren bei der Rechnungstellung Fakturieren aus dem Blick, dass die Zahlung vielleicht erst 180 Tage später eingeht, aber die Umsatzsteuer sofort fällig wird.“ 

 

Tücken im Projektgeschäft

Auch Wachstum kann die Liquidität gefährden, etwa bei Unternehmen mit Projektgeschäft. „Sie verlieren dann beim nächsten und übernächsten neuen Projekt vielleicht aus dem Blick, dass ihre Linie für die Avalfinanzierung schon ausgereizt ist“, berichtet Hübner. „Dann ist das Unternehmen selbst in der Vorfinanzierung, die Liquidität sinkt und es wird eng.“ 

Die Liquiditätslage des Unternehmens zu kennen, ist das eine. Das andere: Unternehmer müssen sie auch handhaben – mit den richtigen Maßnahmen an den für ihr Unternehmen richtigen Stellschrauben. „Wichtig sind erst einmal solche, mit denen sich Liquidität aus eigenen Ressourcen generieren lässt“, erklärt Karsten Schulze, Senior Partner und Vorstandsmitglied bei der Turnaround-Beratungsgesellschaft FTI-Andersch. Er und Hübner sind sich einig: „Working Capital Management ist immer sinnvoll.“ Bestände abzubauen etwa, setzt Liquidität frei. Verbunden werden sollte das mit einem optimierten Einkauf. „Wie sparsam Unternehmen hier wirtschaften können, hängt natürlich stark von Branche und Geschäftsmodell ab“, sagt Schulze. „Kleinere Unternehmen haben häufig weniger Möglichkeiten, einer Krise gegenzusteuern, auch wegen oft schlechterer Prozesse.“ 

Fällige Forderungen einzutreiben, erhöht die Liquidität ebenfalls. „Regelmäßig die Bonität der Kunden checken“, rät Hübner. Bei Lieferanten sollte ein Unternehmen darauf achten, dass sie vernünftige Qualität liefern. Und die Firmen dann pünktlich bezahlen. „Wenn Unternehmen plötzlich Vorkasse zahlen sollen, weil die Warenkreditversicherung ihrer Lieferanten das fordert, ist es eigentlich schon zu spät“, warnt sie. Auch hier ist Kommunikation wichtig. „Die Warenkreditversicherer außen vor zu lassen, ist in liquiditätsengen Situationen sehr gefährlich“, warnt Schulze. 

Bei Verbindlichkeiten verschaffen sich Unternehmen Luft, indem sie Zahlungsziele verlängern und möglichst selbst auch gezielt Skonti nutzen. In der seit gut drei Jahren anhaltenden Insolvenzwelle hat sich der Umgang von Unternehmen mit dem Thema Liquidität bereits messbar verändert. So sank die durchschnittliche Verzugsdauer überfälliger Rechnungen auf den niedrigsten Wert der vergangenen zehn Jahre, wie der Creditreform-Zahlungsindikator Sommer 2025 feststellt. Auch die Anzahl überfälliger Rechnungen ging zurück. „Viele Lieferanten und Dienstleister sehen sich nach mehr als zwei Jahren Krise gezwungen, ihren Kunden entgegenzukommen und längere Zahlungsfristen zu gewähren“, sagt Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter Wirtschaftsforschung der Creditreform. 

Unternehmen können auch Preisnachlässe mit ihren Lieferanten vereinbaren, zum Beispiel gestaffelt nach Zahlungsdauer. Auch das kann der Liquiditätslage helfen. Und auch der Forderungsverkauf mittels Factoring erhöht die Menge des verfügbaren Geldes. Er ist schon lange nicht mehr anrüchig. „Die Zeiten, dass Factoring als Alarmsignal betrachtet wurde, sind vorbei“, stellt Coface-Risikospezialist Reich fest. „Das ist im Gegenteil heute ein ganz normaler Finanzierungsbestandteil. Wenn ein Unternehmen sich entwickeln will, muss es auch Finanzierung aufnehmen.“ Bedenklicher findet Reich, wenn sich ein Unternehmen zu einem großen Teil mittels Unternehmensanleihen und Schuldscheinen finanziert. „Im Krisenfall erschwert es einfach eine Finanzierung erheblich, wenn auch nur ein Anleihegläubiger nicht mitspielt“, begründet es Reich. Allerdings liegen die Hochzeiten der Mittelstandsanleihe schon länger zurück als die üblichen Laufzeiten der Papiere. 

ProSolvenz

ProSolvenz – Initiative zur Vermeidung von Insolvenzen

Faktenbox: Insolvenzen in Deutschland

  • 2025 wurden rund 17.600 Unternehmensinsolvenzen in Deutschland gemeldet.

  • Der Mittelstand ist überproportional betroffen: 70 % aller Insolvenzen betreffen Betriebe mit weniger als 50 Beschäftigten.

  • Hauptursachen: Liquiditätsengpässe, gestiegene Finanzierungskosten, Nachholeffekte aus der Pandemie und Fachkräftemangel.

  • Durchschnittliche Gläubigerverluste: rund 1,1 Mio. Euro pro Unternehmensinsolvenz.

  • Spitzenreiter nach Branchen: Bau, Einzelhandel, Gastronomie, Transport & Logistik.

  • Die Insolvenzwelle 2025 verlagert sich zunehmend in das industrielle Segment – besonders Automotive-Zulieferer und Maschinenbau.

  • Jede dritte Insolvenz hätte laut KfW durch frühzeitiges Working-Capital-Management verhindert werden können.

  • Fehlendes Controlling ist laut Creditreform in 60 % der Fälle ein Schlüsselfaktor.

  • Folge: Insolvenzen gelten zunehmend als steuerbare Krise – nicht als Schicksal.

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