Donnerstag, 31.10.2013
Gut oder Böse: 200mal pro Tag wird gelogen.

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Wahrheit oder Lüge - auch im Mittelstand eine Frage.

Personal
Wie der Mittelstand lügt und belogen wird

Lügen im Mittelstand

Lügen gehört zum Geschäft – auch im Mittelstand. Wo aber hört taktieren auf, wo fängt die Lüge an. Ein Interview über moralische Fragen.

Rund 200mal täglich lügt jeder Mensch. Das ergeben verschiedene Studien. Was ist aber überhaupt eine Lüge. Nur weil jemand die Unwahrheit spricht, ist das noch lange keine Lüge. Im Interview erklärt Theologie-Professor Stephan Ernst wann die Lüge erlaubt ist und wo Betrug anfängt.

Markt und Mittelstand:
Lügen gehört zum Alltag, sei es in der Politik oder im Mittelstand. Wie definiert die katholische Theologie „Lüge“?
Stefan Ernst: Eine Lüge besteht nicht nur einfach darin, etwas Falsches oder Unzutreffendes zu sagen, sondern in einer Falschaussage mit der Absicht, zu täuschen. Eine solche Lüge ist für katholische Tradition unerlaubt. Angesichts des Problems, dass man dann auch nicht lügen dürfe, wenn man dadurch das Leben eines Menschen retten könnte, wurden in der Tradition verschiedene Auswege gesucht. Eine heute angemessene Definition könnte lauten: Lüge ist eine Falschaussage mit Täuschungsabsicht ohne entsprechenden bzw. rechtfertigenden Grund. Nur solche Falschaussagen können als „Lüge“ bezeichnet werden und als immer unerlaubt gelten.

MuM: Im Wirtschaftsleben, etwa in Verhandlungen, tritt immer wieder die Situation auf, dass Informationen bewusst zurückgehalten oder verheimlicht werden, um ein Ziel zu erlangen. Wirtschaftsberater bezeichnen dies als „Taktik“ nicht als „Lüge“. Wie grenzt dieses Verhalten die Theologie ab?
Ernst: Wenn es für die Zurückhaltung bzw. das Nicht-Offenlegen einen rechtfertigenden und legitimen Grund gibt – etwa um beim Verhandlungspartner einen falschen Eindruck zu vermeiden –, ist ein solches Verhalten nicht kritikwürdig, sondern kann seine Berechtigung haben. Es könnte dann auch als „taktisch klug“ bezeichnet werden. Wenn aber durch die Zurückhaltung bzw. das Verschweigen bestimmter Informationen der Gesprächspartner über für ihn wesentliche Sachverhalte getäuscht und dadurch in der Regel auch geschädigt wird, z. B. indem man bei einem Angebot für einen Geschäftsabschluss evtl. entstehende Zusatzkosten verschweigt, ist dies ethisch problematisch.

MuM: Unternehmen begründen eine Lüge oder das Taktieren mit der Aussage: „Wir müssen das Maximum herausholen, um etwa Arbeitsplätze zu erhalten.“ Rechtfertig dies eine Lüge?
Ernst: Ein lügnerisches Vorgehen – etwa die Abgabe eines „unschlagbar günstigen“ Ange-bots durch Verschleierung von Zusatzkosten – ist damit nicht zu rechtfertigen. Man kann auch nicht alles mit dem Verweis auf den Erhalt von Arbeitsplätzen rechtfertigen. Außerdem kann es sein, dass durch solche Maßnahmen des „unlauteren Wettbewerbs" letztlich auch Arbeitsplätze verloren gehen, nämlich bei jenen Unternehmen, die sich solcher Methoden nicht bedienen. Es gilt der Grundsatz: Der gute Zweck heiligt nicht das schlechte Mittel.

Lüge: Beispiel für unlauterer Wettbewerb

Wie der Mittelstand lügt und belogen wird, lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von Markt und Mittelstand.

MuM: Das Verbrauchergesetz in der Lebensmittelindustrie erlaubt bei der Abfüllung Toleranzen. Ein Unternehmen nutzt diese heute bewusst, um die Margen zu steigern. Mit neuesten Maschinen können Joghurts auf das Milligramm genau abgewogen werden. Das Unternehmen füllt die Becher jedoch lediglich bis zur untersten Toleranzgrenze und täuscht die Verbraucher damit über den tatsächlichen Inhalt hinweg. Rechtlich ist dies erlaubt, der Verbraucher wird aber getäuscht. Handelt es sich hierbei um eine Lüge?
Ernst: Meines Erachtens ist das Betrug. Der Verbraucher wird vorsätzlich zu seinem Scha-den getäuscht. Die Vorschrift sollte schnellstens an den Stand der Technik angepasst werden, damit dies unterbleibt und diejenigen Unternehmen, die ihre Kunden eigentlich nicht täuschen wollen, keinen Nachteil haben, wenn sie ehrlich abfüllen.

MuM: Ein weiteres Beispiel: Ein Unternehmen verbreitet Gerüchte ohne, dass diese der Realität entsprechen über einen Wettbewerber. Kunden und Lieferanten werden nervös und wechseln zum Unternehmen, das die Gerüchte verbreitet hat. Wie ist dieses Vorgehen zu werten?
Ernst: Auch dieses Vorgehen ist ein Beispiel für „unlauteren Wettbewerb“ bzw. für Falsch-aussagen mit Täuschungsabsicht ohne rechtfertigenden Grund. Hier wird versucht, den ei-genen Geschäftserfolg mit unfairen Mitteln sicherzustellen, durch „Lug und Betrug“ bzw. durch Verleumdung die Konkurrenz auszustechen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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