Donnerstag, 25.06.2015
Eine Spielstraße auf dem Firmengelände muss es ja nicht gleich sein – aber Unternehmen können viele andere Maßnahmen für Familienfreundlichkeit ergreifen.

Vrabelpeter1/Thinkstock/Getty Images

Eine Spielstraße auf dem Firmengelände muss es ja nicht gleich sein – aber Unternehmen können viele andere Maßnahmen für Familienfreundlichkeit ergreifen.

Personal
Kleinere und mittlere Unternehmen aufgepasst

Mit familienorientierter Personalpolitik Fachkräfte rekrutieren

Die Informationstechnologie erfasst immer mehr Bereich deutscher Unternehmen. Sich mit ihrem Nutzen aber auch mit den Konsequenzen zu beschäftigen, ist eine Managementaufgabe.

Morgens gehetzt zur Kita fahren, Kind schnell abgeben, weiter zur Arbeit eilen und nachmittags dasselbe rückwärts – viele Eltern kennen diesen täglichen Kampf gegen die Uhr. Anders die Mitarbeiter der Haus am Berg Seniorenpflege und -betreuung GmbH & Co. KG: Sie können sich diese Wege sparen und bringen ihre Kinder einfach mit in das niedersächsische Seniorenpflegeheim, das eine Kinder-Tagespflege im Haus finanziert. Die Kinder werden von Tagesmüttern in einem Kinderzimmer betreut, teilweise dürfen die Kinder ihre Eltern auch bei der Arbeit begleiten – dass davon sowohl auch die Senioren profitieren können, liegt auf der Hand.

So oder so ähnlich handeln mittlerweile viele mittelständische Unternehmen. Sie setzen familienorientierte Personalpolitik ein, um qualifiziertes Personal zu gewinnen und mit hoher Arbeitsmotivation zu halten.

Dabei haben vor allem kleinere und mittlere Unternehmen den Vorteil, dass sie in der Regel näher an ihren Beschäftigten dran sind, kurze Kommunikationswege und überschaubare Strukturen und Maßnahmen schnell umsetzen können. Situationsabhängig lassen sich kurzfristig individuelle Lösungen finden. Ein Mitarbeiter kann zum Beispiel unkompliziert seine Mittagspause verlängern, um regelmäßig einem pflegebedürftigen Angehörigen einen kurzen Besuch abzustatten.

Familienorientierte Personalpolitik lohnt sich

Doch nicht nur die Mitarbeiter profitieren von familienorientierter Personalpolitik ihrer Arbeitgeber. Auch für die Unternehmen zahlen sich die Maßnahmen aus: eine Studie des FFP der Hertie-Stiftung hat ergeben, dass einige Kennzahlen familienbewusster Unternehmen deutlich über denen liegen, die weniger familienbewusst handeln. Fehlzeiten- und Krankheitsquote etwa liegen erheblich niedriger, Motivation, Produktivität und Bewerberqualität deutlich höher.

Für 90 Prozent der Fachkräfte bis 40 Jahre ist Familienfreundlichkeit bei der Wahl des Arbeitgebers so wichtig wie die Höhe des Gehalts. Um als familienorientierter Arbeitgeber für Fachkräfte attraktiv zu sein und so im Wettbewerb um qualifizierte Bewerber zu bestehen, müssen auch kleinere und mittlere Unternehmen ihre familienorientierte Personalpolitik optimieren und auf Vereinbarkeit ausrichten. Doch nicht nur das. Sie müssen dies auch kommunizieren – nach innen und außen.

Glaubwürdigkeit zählt

DIHK und Bundesfamilienministerium setzen in ihrem neu aufgelegten „Checkheft – Familienorientierte Personalpolitik für kleine und mittlere Unternehmen“ einen Schwerpunkt auf das Thema interne Kommunikation und Personalmarketing. Empfohlen wird, bei der Kommunikation besonderen Wert auf konkrete Beispiele und Angebote zu legen. „Blumige Versprechen ohne konkreten Inhalt à la „Vereinbarkeit ist bei uns kein Problem“ kommen ohne Bezug zur Realität nicht wirklich gut an“, weiß Andrea Montua, Geschäftsführerin der Montua& Partner – Interne Kommunikation.

Ob Mitarbeiter über das schwarze Brett oder Intranet, über Flyer oder in Mitarbeitergesprächen informiert werden, ob potentielle Bewerber über Zertifikate, Stellenanzeigen, soziale Netzwerke, Mund-zu-Mund-Propaganda oder in Bewerbungsgesprächen, immer kommt es darauf an, dass der Medienmix zum Unternehmen und zur Zielgruppe passt und die Informationen und Beispiele glaubwürdig sind.

Ansatzpunkte für familienorientierte Personalpolitik

Flexible Arbeitszeitmodelle verbinden die allermeisten Beschäftigten (87 Prozent) mit Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Dass Arbeit nach Absprache möglich ist, zeigt das Beispiel der Bayer HealthCare. In seinem Werk in Grenzach bietet das Unternehmen seinen 700 Beschäftigten 120 verschiedene Arbeitszeitmodelle.

Ein flexibler Arbeitsort ist für 79 Prozent der Arbeitnehmer hilfreich, wenn es darum geht Beruf und Familie zu vereinbaren. In der Produktion sind dem zwar Grenzen gesetzt, in vielen anderen Bereichen kann man aber durchaus Homeoffice-Tage einführen. Allerdings funktioniert das nur in Unternehmen mit einer Ergebnis- anstatt einer Anwesenheitskultur leben.

Beim Thema Kinderbetreuung sind auch die Arbeitgeber gefragt. Neben betrieblich unterstützter Kinderbetreuung (sei es durch finanzielle Hilfen, Kooperationen mit Trägern oder eigene Einrichtungen) wäre Eltern auch mit punktuellen Angeboten geholfen. Beispiele hierfür sind Notfallbetreuung, Hausaufgabenbetreuung oder aber Ferienangebote für Kinder.

Ein weiterer Ansatzpunkt für familienorientierte Personalpolitik sind Elternzeit und Wiedereinstieg. Es gilt, während der Elternzeit den Kontakt zu den Mitarbeitern zu halten und dann den Wiedereinstieg möglichst reibungslos zu gestalten.

Das Handlungsfeld familienbewusste Aus- und Weiterbildung setzt bei den etwa 1,3 Millionen Menschen an, die als sogenannte „stille Reserve“ gelten und nach Familien-Auszeiten nicht zurückgekehrt sind in ihren Job und teilweise wegen der familiären Verpflichtungen ihre Ausbildung nicht abgeschlossen haben.

Die demografische Entwicklung schiebt zunehmend die Pflege von Angehörigen ins Blickfeld von Vereinbarkeit. 71 Prozent der Pflegebedürftigen werden zurzeit zu Hause versorgt, zum Großteil nur von Angehörigen.

Auch mit Service für Familien können Unternehmen ihre familienorientierte Personalpolitik gestalten. Haushaltsnahe Dienstleistungen werden von 67 Prozent der Beschäftigten genutzt, um mehr Zeit für Familie zu haben.

Alle Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie greifen nur, wenn die Kultur des Unternehmens mitzieht: Statt einer Anwesenheitskultur bedarf es einer Ergebniskultur, Vertrauen muss in vielen Bereichen Kontrolle ersetzen. Hierfür müssen vor allem die Führungskräfte eines Unternehmens sensibilisiert werden.

Handlungsbereich

Mögliche Maßnahmen

Infotipps

Arbeitszeitgestal-
tung

  • Gleitzeit
  • Arbeitszeitkonten (Jahresarbeits-, Lebensarbeitszeit)
  • abgestufte Teilzeit (z.B. bei Wiedereinstieg)
  • Teilzeit während der Elternzeit
  • Reduzierte Vollzeit
  • Jobsharing
  • Vertrauensarbeitszeit
  • Familienfreundliche Schichtmodelle
  • Flexible Pausen
  • Urlaubsregelung
  • Sabbatical

Flexibler Arbeitsort

  • Arbeit mit nach Hause nehmen
  • Arbeit von unterwegs
  • alternierende Telearbeit
  • Telearbeit/Homeoffice

Kinderbetreuung

  • Kinderbetreuungszuschuss
  • regelmäßige Betreuung (Belegplätze in existierenden Einrichtungen – Aufwendungen steuermindernd, Kinderbetreuung im Verbund, betriebseigene Einrichtungen – Betriebserlaubnis nötig),
  • punktuelle Betreuung (Ferien, Hausaufgabenbetreuung, Notfall, Eltern-Kind-Büro)

Elternzeit und Wiedereinstieg

  • Vorbereitungsgespräche
  • Kontakthalteprogramme
  • Vertretungsregelungen
  • Schulungen / Weiterbildung
  • Wiedereinstieg vorbereiten und begleiten

 

Familienbewusste Aus- und Weiter-bildung

  • Teilzeitausbildung
  • Auffrischungsmodule
  • „Senior-Trainee“-Programme
  • Praktikum
  • Teilqualifikation
  • Weiterbildung in Teilzeit

Pflege von Ange-hörigen

  • interne und externe Ansprechpartner
  • finanzielle Unterstützung (Familienfonds)
  • Arbeitszeitgestaltung und Arbeitsorganisation
  • Kooperation mit Beratungsstellen und anderen Unternehmen

 

Service für Familien

  • Gutscheine (z.B. Wäscheservice bis 44 Euro pro Monat steuerfrei)
  • Geburtsbeihilfe
  • Essen aus Betriebskantine mitnehmen
  • Rahmenverträge mit Dienstleistern
  • Haushaltsservices (Wäsche-, Bügelservice)
  • Servicemitarbeiter (Auto zur Werkstatt fahren etc.)

 

Info

Tipps: