Montag, 30.01.2017
An die Stifte, fertig, los: Egal, ob sich das Ideenmanagement auf kleine oder große Veränderungen bezieht – Verbesserungspotential gibt es immer.

Foto: moodboard/Thinkstock/Getty Images

An die Stifte, fertig, los: Egal, ob sich das Ideenmanagement auf kleine oder große Veränderungen bezieht – Verbesserungspotential gibt es immer.

Personal
Mit oder ohne Prämien

Betriebliches Vorschlagswesen: Ideen von Mitarbeitern nutzen

Das Betriebliche Vorschlagswesen kann helfen, Effizienz und Qualität der Produkte zu verbessern. Manch ein Mittelständler zahlt bei Umsetzung hohe Prämien an den oder die Ideengeber. Doch das ist nicht immer nötig.

Es sind oft Kleinigkeiten, sie sich in der Summe groß auswirken. Und für die besten Ideen braucht es meiste keine hochbezahlten Berater. „Gerade die eigenen Mitarbeiter kennen die Abläufe im Unternehmen aus der täglichen Praxis am besten und wissen, wo es hakt“, sagt Hans-Dieter Schat, Wirtschaftswissenschaftler und Experte für betriebliches Vorschlagswesen an der FOM Hochschule für Oekonomie und Management in Frankfurt am Main.

„Entscheidend ist, dass das Hinterfragen von Abläufen als wertvoll angesehen wird – und nicht als Eingeständnis von Fehlern“, empfiehlt Christian Flick, Autor des Buches „Betriebliche Verbesserungsprojekte als Erfolgsfaktor im Mittelstand“. Darin listet er 123 Best-Practice-Beispiele auf, mit denen sich Kosten senken oder die Effizienz steigern lassen.

Vorbild produzierendes Gewerbe

Solche Beispiele von betrieblichem Vorschlagswesen (BVW) und kontinuierlichem Verbesserungsprozess (KVP) sind laut einer Studie der IHK Kassel im produzierenden Gewerbe am weitesten verbreitet. „Rund 55 Prozent der Industrieunternehmen betreiben bereits ein Ideenmanagement“, schätzt Michael Dietzsch vom Technologie Transfer Netzwerk Hessen. Nachholbedarf sieht er noch in den Branchen Energieversorgung und Dienstleistungen.

Info

BVW oder KVP: Wo liegen die Unterschiede?

Betriebliches Vorschlagswesen (BVW)

  • Das Optimierungssystem beruht auf der freiwilligen Initiative der Mitarbeiter.
  • Verbesserungsvorschläge werden spontan geäußert und außerhalb der Arbeitszeit entwickelt.
  • Die Ideen betreffen sowohl kleine wie auch große Verbesserungen, betriebsübergreifend über alle Abteilungen hinweg.
  • Die Einreichung und die Umsetzung der Vorschläge erfolgen unbürokratisch und transparent.
  • Gute Ideen werden mit Geldprämien honoriert.

Kontinuierlicher Verbesserungsprozess (KVP)

  • Teil des betrieblichen Qualitätsmanagements
  • Die Optimierungen betreffen vor allem technische Einrichtungen und den Arbeitsablauf.
  • Die Verbesserungen erfolgen permanent in kleinen und kleinsten Schritten.
  • Der Ablauf ist vorgegeben und strukturiert und umfasst bis zu zwölf Einzelschritte. Er wird vor der Umsetzung in Workshops erarbeitet.
  • Die Erarbeitung von Verbesserungsvorschlägen erfolgt in einzelnen Teams, die sich auf ihre Abteilung beschränken.

Für den Gabelstapleranbaugeräte-Hersteller Meyer aus Salzgitter, der mit rund 150 Mitarbeitern Klein- und Einzelserien fertigt, standen eine bessere Qualität und eine höhere Kundenzufriedenheit im Fokus, als er vor mehr als 15 Jahren ein strukturiertes Ideenmanagement (IM) einführte. Die Folge: Die Zahl der eingereichten Vorschläge schoss von zuvor 29 auf fast 520 im Topjahr 2006.

„Viermal im Jahr gibt es bei uns die Möglichkeit, eine Prämie zu bekommen“, sagt Andreas Wunsch, Leiter des Qualitätsmanagements bei Meyer. So landen etwa alle Vorschläge des Jahres in einer Weihnachtstombola. Die drei Gewinner erhalten Prämien in Höhe von insgesamt 5.000 Euro. „Wenn wir durch den Vorschlag jährlich mehr als 2.500 Euro einsparen, bekommt der Einreicher zudem eine Prämie in Höhe von 20 Prozent der Einsparung im ersten Jahr“, erklärt Wunsch.

Trostprämie 30 Euro

Per Computer verteilt Daniela Karstens, Ideenmanagerin bei dem Automobilzulieferer Klauke in Remscheid, die Vorschläge der Mitarbeiter an die Leiter der verschiedenen Fachabteilungen, die die Ideen dann begutachten. „Anschließend findet ein persönliches Gespräch mit dem Einreicher statt. Darin geht es um die Gründe für die Nichtumsetzung oder um die Realisierung und die Höhe der Prämie“, erläutert Karstens das weitere Vorgehen. Im vergangenen Jahr haben die rund 530 Klauke-Mitarbeiter insgesamt 334 Vorschläge eingereicht.

Es ist nicht einfach, das Vorschlagswesen attraktiv zu halten. Deshalb organisiert Daniela Karstens etwa dreimal im Jahr einen Ideen- und Innovationstag, zusätzlich schafft sie durch Verlosungen und Give-aways regelmäßig neue Anreize. Für alle nicht umsetzbaren Vorschläge gibt es eine Trostprämie in Höhe von 30 Euro: „So geht keiner leer aus“, sagt Karstens.

Aufwendiges Verfahren

80 Prozent aller Mittelständler nutzen das Ideenmanagement, um Einsparpotentiale zu identifizieren, die Effizienz zu erhöhen – und damit ihre Wirtschaftlichkeit zu steigern. Das hat Hans-Dieter Schat errechnet. Bei jedem fünften Unternehmen jedoch werden die Vorschläge der Mitarbeiter zwar gesammelt und belohnt – oft aber nicht im Betrieb umgesetzt. „Eine solche Schweigeprämie führt dazu, dass das Ideenmanagement stirbt“, kritisiert der Wirtschaftsprofessor. Dabei lohnt es sich schon rein rechnerisch: „Die Mittelständler kommen meist auf einen Wert von 1:2 oder 1:3“, sagt Schat. Das bedeutet: Jedem eingesetzten Euro Kosten stehen zwei bis drei Euro erreichbare Mehreinnahmen gegenüber.

Alle Unternehmen, die ein erfolgreiches Ideenmanagement aufgebaut haben, sind sich einig, dass der Erfolg von der intensiven personellen Betreuung abhängt. Denn die Motivation aufrechtzuerhalten und Ideen strukturiert zu prüfen und umzusetzen ist sehr zeitaufwendig. „Nebenbei lässt sich das nicht organisieren“, weiß Andreas Wunsch vom Gabelstapler-Zulieferer Meyer. Bei Klauke wurde deshalb aus der Teilzeitstelle des Ideenmanagers eine volle gemacht: „Nur so ergibt es meiner Ansicht nach Sinn – anders geht es nicht“, sagt Daniela Karstens.

Info

Exklusiv für „Markt und Mittelstand“ hat IM-Experte Hans-Dieter Schat erhoben, wie kreativ und ideenreich die deutschen Arbeitnehmer sind. „Im Mittelstand werden rund 2,5 Ideen pro Mitarbeiter und Jahr eingereicht. Bei größeren Unternehmen ist es nur gut eine Drittel Idee pro Mitarbeiter.“ Allerdings ist die rechenbare Einsparung pro Mitarbeiter und Jahr im Mittelstand mit 300 Euro geringer als bei den großen Unternehmen mit 550 Euro. „Dieser Skaleneffekt resultiert meist aus der höheren Stückzahl, die gefertigt wird“, sagt Schat.

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