Montag, 08.10.2018

Foto: Creapaper

Alles öko, oder was? Uwe D’Agnones Verpackungen verursachen bei der Produktion weniger Treibhausgase.

Personal
Nachhaltige Produkte

Mit Papier aus Gras gegen den Klimawandel

Als Unternehmer ist Uwe D’Agnone ein Überzeugungstäter. Das von ihm entwickelte Graspapier verursacht in der Produktion deutlich weniger Treibhausgase als herkömmliches Papier. Von seinem Produkt konnte er bereits zahlreiche Kunden überzeugen.

Um den Rohstoffbedarf der asiatischen Papierindustrie zu decken, werden jedes Jahr rund 40.000 Quadratkilometer Urwald gerodet – das entspricht in etwa der Fläche der Schweiz. Als Uwe D’Agnone vor sieben Jahren diese Zahl in einem Fernsehbericht hörte, veränderte das sein Leben. „Das hat mich irgendwie gepackt, also habe ich beschlossen, nach einer Methode zu suchen, die Papier nachhaltiger macht“, sagt der 54-jährige Geschäftsführer von Creapaper mit Sitz in Hennef. Schon als jungem Mann waren D’Agnone Themen wie Ökologie und Nachhaltigkeit wichtig. Nach seiner Ausbildung zum Industriekaufmann in einer großen Druckerei gründete er im Alter von 28 Jahren seine eigene Firma: Bis heute stellt D’Agnone mit seinem Nachfolgeunternehmen Creapaper selbstentwickelte ökologische Werbemittel her – etwa eine Papierbox, die mit Kokosfasern gefüllt ist, auf die Samen von Basilikum, Kresse, Thymian und Thai-Basilikum aufgeklebt sind. Gießt man Wasser auf die Box, wächst ein kleiner Kräutergarten heran.

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Vor sieben Jahren erweiterte er sein Geschäftsmodell und suchte nach einem alternativen Rohstoff für die Produktion von Papier. D’Agnone überlegte, Zuckerrohr, Hanf und die Stängel von Tomatenpflanzen zu verwenden. Doch recht schnell wurde ihm klar, dass Gras die ideale Lösung sei: Es wächst schnell und enthält wenig Lignin. Dieser Naturstoff ist für die Festigkeit von Pflanzen verantwortlich und muss mit viel Chemie, Wasser und Energie entfernt werden, damit sich die Fasern für die Produktion von Papier eignen. Bei Gras ist dieser Auswaschprozess nicht nötig. Also entwickelte D’Agnone ein Verfahren, mit dem sich in industriellen Maßstab Pellets aus Gras produzieren lassen, die als Rohstoff für die Herstellung von Papier dienen. Die Grashalme werden auf eine Faserlänge von etwa einem Millimeter zerkleinert und anschließend zu circa eineinhalb Zentimeter großen Pellets verpresst.

Ganz auf Bäume verzichten können D’Agnone und seine 17 Mitarbeiter aber nicht. Damit sein Papier reißfester wird, besteht es etwa zur Hälfte aus Holzfrischfaser oder Altpapier. Die Graspellets verursachen in der Herstellung 50 Prozent weniger Treibhausgase als Zellstoff aus Frischfasern und 30 Prozent weniger als Altpapier.

Strategiewechsel führte zum Erfolg

Trotz der guten Umweltbilanz konnte Uwe D’Agnone zunächst keine Papierfabrik finden, die sein Graspapier herstellen wollte. „Ich habe mir etliche Absagen geholt“, erinnert sich der Mittelständler. Doch das konnte ihn nicht entmutigen. Zum einen hatten die Betreiber der Fabriken Angst, dass der neue, im Handling ungewohnte Rohstoff ihre viele Millionen Euro teuren Papiermaschinen beschädigen könnte.Zum anderen beziehen die meisten Papierfabriken die Rohstoffe für ihre Produktion aus Wäldern, die sie selbst besitzen und bewirtschaften. Die Motivation,Holz durch Gras zu ersetzen, war entsprechend gering. „Also habe ich meine Strategie verändert und bin direkt an Endkunden herangetreten“,erinnert sich D’Agnone. Über einen Bekannten aus der Logistikbranche entstand der Kontakt zum Versandhaus Otto. Im persönlichen Gespräch konnte er das Unternehmen überzeugen, sein Graspapier für die Herstellung von Schuhkartons einzusetzen.

Vom ersten Kontakt bis zur Produktion verging dennoch ein Jahr. Denn bevor es losgehen konnte,musste Creapaper nachweisen, dass die Kartons tatsächlich umweltfreundlicher sind als Verpackungen aus Altpapier und keine Allergene enthalten.Dazu trugen Probanden tagelang ein mit Klebeband befestigtes Stück Graspapier auf ihrer Haut.Mit dem Großauftrag von Otto-Versand im Rücken fand D’Agnone schließlich auch eine Papierfabrik,die bereit war, das Papier für die Kartons zu produzieren.Heute arbeitet Creapaper mit diversen Fabriken zusammen. Diese sitzen nicht nur in Deutschland,sondern zum Beispiel auch in den Niederlanden und in Italien.

Ökologische Lebensmittelverpackungen

Der endgültige Durchbruch gelang dem ökologisch motivierten Überzeugungstäter schließlich vor wenigen Monaten. „Im vergangenen Jahr haben wir einige Handelsketten davon überzeugen können,unser Graspapier einzusetzen“, berichtet D’Agnone.„Das hat unser Produkt auf einen Schlag bekanntgemacht.“Ob Rewe, Aldi oder die Schweizer Coop: Sie alle setzen inzwischen Graspapier ein. Die Supermärkte dieser Retailer bieten beispielsweise Äpfel an, die in einer Schale aus Graspapier liegen statt in Plastikwannen oder Papierschalen. Coca-Cola benutzt das Graspapier für die Getränkehalter seiner Biolimonade. Und sogar die britische Krone hat wahrscheinlich schon ein Produkt von Creapaper verwendet: Der königliche Hoflieferant, die britische Supermarktkette Waitrose, verkauft Eierkarton saus Graspapier. Fast alle Papierprodukte, vom Briefumschlag bis zum stabilen Umzugskarton,kann man aus Graspapier herstellen. Nur durchscheinendes Transparenzpapier lässt sich aus technischen Gründen nicht herstellen.

Für seine Innovation hat Creapaper bereits zahlreiche Preise gewonnen. 2017 erhielt das Unternehmen den„KfW-Award Gründen“. Im Februar zeichnete das Bundesumweltministerium zusammen mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie Creapaper mit dem „Deutschen Innovationspreis für Klima und Umwelt“ aus.

Auf den Lorbeeren will sich der Unternehmer nicht ausruhen. Der Marktanteil des Graspapiers soll jetzt Schritt für Schritt steigen. Dazu hat sich der Mittelständler den auf nachhaltige Unternehmen spezialisierten Venture-Capital-Investor E-Capital an Bord geholt. Mit dem bereitgestellten Kapital will Creapaper weiter wachsen. Eine erste eigene industrielle Großanlage für Pellets eröffnet Creapaper demnächst in Düren bei Aachen. Von dort will das Unternehmen Papierfabriken in NRW und den Benelux-Ländern beliefern. Bislang stammen die Pellets von einer Pilotanlage, die gemeinsam mit der Universität Bonn betrieben wird. Mit unter 2 Millionen Euro ist der Jahresumsatz von Creapaper derzeit noch gering. Doch umso ehrgeiziger sind die Wachstumsziele: Bis zum Jahr 2020 soll der Umsatz im zweistelligen Millionenbereich liegen.


Der Artikel gehört zu einem Thema aus der „Markt und Mittelstand“-Ausgabe September 2018, die am 7. September erscheint. Hier können Sie das Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.