Donnerstag, 23.11.2017
Bi-Ba-Butzemänner: Wissen die Eltern ihr Kind gut betreut, können sie sich ganz aufs Arbeiten konzentrieren.

Foto: Vaude

Bi-Ba-Butzemänner: Wissen die Eltern ihr Kind gut betreut, können sie sich ganz aufs Arbeiten konzentrieren.

Personal
Family First

Mittelständler setzen auf Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben

Der Fachkräftemangel ist schuld: Arbeitgeber müssen heute eine flexible Arbeitszeitgestaltung für Frauen und Männer in den unterschiedlichsten Lebensphasen ermöglichen. Das lohnt sich auf Dauer auch finanziell.

Der Mann fährt zur Arbeit, die Frau betreut die Kinder – das war einmal. Heute achten immer mehr Arbeitnehmer auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Beide Partner sorgen für das Einkommen und kümmern sich gleichermaßen um die Familie.

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Zahlen belegen den Trend: Von allen Beschäftigten mit Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen erwarten rund 90 Prozent von ihrem Arbeitgeber Maßnahmen, um die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben zu erhöhen. Und selbst unter denen, die weder Kinder noch pflegebedürftige Angehörige haben, liegt das Thema rund 80 Prozent am Herzen, berichtet das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln in einer Studie.

Bedeutung des Themas Familienfreundlichkeit (in % der Beschäftigten)

Das bedeutet: Die Arbeitswelt muss heute eine familienbewusste Arbeitszeitgestaltung für Frauen und Männer in den unterschiedlichsten Lebensphasen ermöglichen – beginnend bei der Ausbildung über das duale Studium, die Elternschaft, Fortbildungen, Sabbaticals, die Pflege der Angehörigen bis hin zu einem sanften Übergang in die Rente.

Für Unternehmen wird Familienfreundlichkeit immer mehr zum harten Wettbewerbs- und Standortfaktor. Und ein entsprechendes Angebot rechnet sich, wenn es darum geht, qualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen oder langfristig an das Unternehmen zu binden – gerade für Firmen in strukturschwachen Gebieten, die unter der Abwanderung von Fachkräften oder am Ausbleiben geeigneter Nachwuchskräfte leiden.

Führungskräfte mit Vorbildfunktion

Antje von Dewitz ist Geschäftsführerin von Vaude

Foto: Vaude (Michael Trippel)

Antje von Dewitz ist Geschäftsführerin von Vaude

Durchweg positive Erfahrungen mit seinem Engagement für mehr Familienfreundlichkeit hat Vaude gemacht. Schon mehrfach wurde der Mittelständler aus dem baden-württembergischen Tettnang für seine Programme ausgezeichnet. „Da wir in einer sehr dynamischen Branche arbeiten, ist es für uns wichtig, innovativ zu sein“, erklärt Eigentümerin Antje von Dewitz ihren Erfolg. „Mit unserem Angebot zur Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben schaffen wir es, Talente an unser Unternehmen zu binden: Es gelingt uns, qualitativ hochwertige Mitarbeiter zu einem Mittelständler in die Provinz zu bringen – trotz Vollbeschäftigung in der Region.“

Vor großen Investitionen scheut Vaude dabei nicht zurück: 2001 eröffnete der Outdoorausrüster auf dem Firmengelände sein Kinderhaus, in dem die Mitarbeiter ihren Nachwuchs tagsüber abgeben können. Mittlerweile werden hier 31 Kinder im Alter zwischen sechs Monaten und zehn Jahren betreut. „Das Kinderhaus ist aber nur das Sahnehäubchen“, betont von Dewitz. „Das Wichtigste ist die Bereitschaft, für alles offen zu sein.“ Die Hälfte aller 500 Mitarbeiter bei Vaude arbeitet in Teilzeit – mit einem Stundenkontingent zwischen 20 und 90 Prozent. Außerdem bietet das Unternehmen mobiles Arbeiten für all diejenigen an, bei denen es die Arbeit erlaubt. Die Basis für eine solche Flexibilität sei eine „Vertrauenskultur“, betont die Firmeninhaberin: „Traue ich den Leuten zu, dass sie zu Hause genauso arbeiten wie in der Firma?“

Ein ähnliches Angebot ist die Betriebskita beim Sensorherstellers Micas im Erzgebirge.

Der „Unternehmensmonitor Familienfreundlichkeit“ des Bundesfamilienministeriums zeigt: Angebote von Unternehmen werden immer dann besonders gut von Mitarbeitern angenommen, wenn auch die Führungskräfte selbst davon Gebrauch machen. Antje von Dewitz kann das bestätigen: „Meine vier Kinder waren alle in der unternehmenseigenen Kita, und viele Kinder von Führungskräften sind ebenfalls dort. Es hat einen starken Vorbildcharakter, wenn männliche Führungskräfte um 17 Uhr abbrechen müssen, um ihr Kind nach Hause zu bringen.“

Wirtschaftliche Vorteile

Und die betriebswirtschaftlichen Schattenseiten? „Die Organisation ist eine riesige Herausforderung“, konstatiert die Vaude-Chefin. Hinzu kommt: Seitdem das Unternehmen flexible Arbeitsmodelle anbietet, ist es ex-trem „fruchtbar“ geworden. Die Zahl der Babys hat sich verfünffacht. Für die Planung der Arbeitsabläufe und das Zusammenstellen der Projektteams bedeutet das erheblichen Mehraufwand. „Wir fangen stärker an, die Mitarbeiter in die Pflicht zu nehmen, sich so zu organisieren, dass es im Team passt“, sagt von Dewitz. „Dabei muss jeder mithelfen.“ Doch auch wenn sich in der Sache alle grundsätzlich einig seien: „Trotz bestem Willen ist nicht alles möglich“, sagt die Unternehmerin. Andererseits sei die Arbeitszufriedenheit hoch: „Unsere Krankenquote und die Fluktuation liegen unter 4 Prozent“, ist die 45-jährige Firmenchefin stolz.

Wie wichtig für junge Berufstätige das Thema Familienfreundlichkeit bei der Wahl des Arbeitgebers ist, belegt auch eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), Nürnberg. Ein Viertel der befragten Mütter und Väter gab an, bereits einmal den Arbeitgeber gewechselt zu haben, um Beruf und Familie besser koordinieren zu können – und vier von fünf Befragten können sich einen solchen Wechsel für die Zukunft vorstellen.

Wenn Unternehmen sich darauf einstellen und ihren Mitarbeitern entsprechende Angebote machen, können sie auch die Kosten der Ausfallzeiten durch Elternschaft (Überbrückung der Elternzeit und Wiedereingliederung nach der Elternzeit) reduzieren. Auch die Zahl der Beschäftigten, die nicht aus der Elternzeit zurückkehren, sinkt – damit verringert sich der Aufwand, den der Betrieb für die Neubesetzung der Stelle treiben muss.

„Vereinbarkeitsrendite“ auf Investitionen

Isabel Franzka ist Steuerberaterin bei ABG-Partner

Foto: ABG-Partner

Isabel Franzka ist Steuerberaterin bei ABG-Partner

Die Berater von Roland Berger haben in einer Studie für das Familienministerium eine „Vereinbarkeitsrendite“ auf Investitionen zur Familienfreundlichkeit berechnet. Ergebnis: Sowohl „typische“ Maßnahmen zur Erhöhung der Vereinbarkeit, wie etwa Teilzeit, Kinderbetreuung oder Homeoffice, als auch neue Formen, wie die bewusste Einbeziehung von Vätern und Pflegenden, rechnen sich. Der wirtschaftliche Nutzen, den Unternehmen aus der Implementierung familienfreundlicher Maßnahmen ziehen können, übersteigt die Kosten dafür deutlich.

Auch steuerlich können die Maßnahmen für Unternehmen wie Arbeitnehmer interessant sein: „Mit dem ersten Kind entsteht bei Eltern häufig der Wunsch, die Arbeitszeit zu verkürzen“, berichtet Isabel Franzka, Steuerberaterin im Beratungsverbund ABG-Partner, Dresden. Um die daraus resultierenden Gehaltseinbußen abzumildern, habe der Arbeitgeber die Möglichkeit, dem Mitarbeiter einen Zuschuss zu den Kitakosten zu gewähren. Dieser sei lohnsteuer- und sozialversicherungsfrei und könne gewährt werden, solange das Kind noch nicht schulpflichtig sei. Der Beleg für die gezahlten Kitakosten müsse dann zum Lohnkonto genommen werden. Auf dieselbe Art und Weise könne auch das Essensgeld erstattet werden, sagt Franzka. Wenn Eltern die Betreuung bei verschiedenen Anbietern wahrnehmen, rät die Steuerexpertin Unternehmen dazu, den Betrag des Zuschusses zu deckeln – „um alle gleich zu behandeln“.

Vaude kooperiert bei seiner Kinderbetreuung mit der Stadt Tettnang. „Unser Kinderhaus wird bezuschusst, wie kommunale oder kirchliche Kindergärten auch“, berichtet Antje von Dewitz, „daher werden auch externe Kinder bei uns aufgenommen. Wir sind ein offenes Kinderhaus, um so wirtschaftlich wie möglich zu sein.“

Info

Vereinbarkeit: Was gibt’s, was geht?

  • flexible Arbeitszeitregelungen (Teilzeit, Gleitzeit, Jahres-/Lebens-/Arbeitszeitkonten oder Sabbaticals)
  • familienbewusste Arbeitsorganisation (flexible Gestaltung und Verteilung von Arbeitsaufträgen, multifunktionaler Personaleinsatz)
  • familienfreundlicher Arbeitsort beziehungsweise Heimarbeit
  • Informations- und Kommunikationspolitik, um kontinuierlich über den Nutzen familienfreundlicher Maßnahmen zu informieren
  • Personalentwicklung unter Berücksichtigung familiärer Belange bei Einstellung und Karriereplanung
  • Angebote für den Wiedereinstieg nach der Elternzeit, wie Weiterbildung und Kontakthalteprogramme
  • Service für Familien, wie die Vermittlung von Betreuungsplätzen und Beratung zu Betreuungsangeboten für Kinder und pflegebedürftige Angehörige oder auch betrieblich unterstützte Kinderbetreuung

Unternehmen, die überprüfen wollen, wie familienbewusst ihre Kultur ist, können dies im „Kulturcheck“ des Bundesfamilienministeriums tun.

Info

Rankings, Awards und Zertifikate für familienfreundliche Unternehmen

 

Name Typ
Radius
Initiator Methodik
Kurzbeschreibung
Beruf und Familie Zertifikat
National
Berufundfamilie Service GmbH, 
Hertie-Stiftung Nach erfolgreicher Auditierung entscheidet ein unabhängiges, Kuratorium über die Erteilung des Zertifikats
Die 100 familienfreundlichsten Unternehmen
 Ranking
National
freundin,Kununu Im Auftrag vom Magazin Freundin führt Kununu Umfragen durch, um die 100 familienfreundlichsten Unternehmen zu ermitteln
Erfolgreich. Familienfreundlich Award
Regional
Bayerische Staatsministerien für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie, Arbeit und Soziales, Familie und Integration Vorauswahl auf Grundlage der Bewerbungen. Anschließend Vor-Ort-Besuche der ausgewählten Unternehmen. Abschließend entscheidet eine Jury über die Gewinner.
Erfolgsfaktor Familie Award
National
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Die Berufundfamilie Service GmbH beurteilt als Kompetenzpartner die eingereichten Unterlagen und besucht Endrundenteilnehmer vor Ort
famany – familienfreundlicher Arbeitgeber Zertifikat
National
famany Die Auszeichnung basiert auf einer Mitarbeiterbefragung zum Thema Familienfreundlichkeit, durchgeführt von Famany
FaMi-Siegel Zertifikat
Regional
u.a. Überbetrieblicher Verbund Frau & Wirtschaft e.V., IHK Lüneburg Wolfsburg Das Siegel wird auf Grundlage der Auswertung eines vom Unternehmen ausgefüllten Fragebogens vergeben
Familienfreundliche Betriebe im Main-Kinzig-Kreis Award
Lokal
Arbeitsgruppe „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ des Kreisbündnisses für Familie (Main-Kinzig) Unternehmen werden anhand eines Fragebogens zu familienfreundlichen Aktivitäten und Strukturen bewertet
Familienfreundliche Unternehmen in Treptow Köpenick Award
Lokal
Bezirksamt Treptow-Köpenick Jury-Auswertung eines Fragebogens zur Familienfreundlichkeit des Unternehmens
Familienfreundlicher Arbeitgeber Zertifikat
National
Bertelsmann Stiftung Unternehmen, die sich bewerben, werden durch ausgewählte Prüfer untersucht und bewertet
Familienfreundliches Unternehmen im HSK (Hochsauerlandkreis) Zertifikat
Regional
Competentia NRW – Kompetenzzentrum Frau & Beruf Hellweg - Hochsauerland Der Prozess der Zertifizierung beinhaltet einen „Selbst-Check“, Beratung, drei Impulsveranstaltungen eine Jury Sitzung und ggf. die Zertifikatsverleihung
Mülheimer Familienfreundliche Unternehmen Award
Lokal
Kuratorium des „Mülheimer Bündnisses für Familie“ Unternehmen werden vom Kuratorium für familienfreundliche Angebote mit Vorbildcharakter ausgezeichnet

 

Quelle: Biz Awards – Die Community für Business-Wettbewerbe


Der Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 11/2017. Hier können Sie das Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.