Donnerstag, 14.04.2016
Rückläufiger Trend: 2015 wurden 516.000 neue Verträge mit Auszubildenden geschlossen. 0,4 Prozent weniger als noch 2014.

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Rückläufiger Trend: 2015 wurden 516.000 neue Verträge mit Auszubildenden geschlossen. 0,4 Prozent weniger als noch 2014.

Personal
Neue Statistiken sind alarmierend

Mittelstand klagt: Immer weniger Azubis

Noch nie haben weniger junge Menschen in Deutschland eine Ausbildung begonnen als 2015. Für den Mittelstand wird die Lage langsam brenzlig. Auf der Suche nach Azubis muss neu gedacht werden.

Die Zahlen, die das Statistische Bundesamt in Wiesbaden heute veröffentlichte, sind alarmierend. Im Jahr 2015 wurden 516.000 Verträge mit Auszubildenden geschlossen – 2.200 Verträge weniger als noch im Jahr zuvor. Schon seit Jahren seien die Zahlen der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge rückläufig, heißt es in der Pressemitteilung.

Im größten Ausbildungsbereich Industrie und Handel wurden 2015 noch gut 300.000 neue Ausbildungsverträge geschlossen. Das sind 1,1 Prozent weniger als 2014. Erfreulich ist, dass im Bereich des Handwerks, einem ebenfalls bedeutenden Ausbildungsbereich für den deutschen Mittelstand, nur geringfügig weniger Ausbildungen zustande kamen als im Vorjahr. Rund 137.000 Verträge mit Auszubildenden wurden hier 2015 geschlossen, das sind nur 0,2 Prozent weniger als im Vorjahr.

Schulabgänger: Lieber Uni als Azubi im Mittelstand

Die Experten nennen für diesen Trend im Wesentlichen zwei Gründe: Einerseits hinterlasse der demografische Wandel seine Spuren, denn es gibt immer weniger junge Menschen, die in ihrer Altersgruppe für eine Ausbildung in Frage kommen. Auf der anderen Seite seien gerade die Schüler mit Hochschulreife eher dazu geneigt, nach der Schule ein Studium zu absolvieren.

Doch gerade diese qualifizierten Schulabgänger werden von mittelständischen Betrieben händeringend für eine Ausbildung gesucht. „In bestimmten Fächern wie zum Beispiel Mathematik setzen wir eigentlich die Note 2 voraus“, erzählt Heike Domaratius, Geschäftsführerin des Maschinenbauunternehmens Gemino in Chemnitz. Dass diese Ansprüche nicht zu halten sind, musste sie in den vergangenen Jahren schmerzlich feststellen. „Wir haben unsere Ansprüche nach unten korrigiert – und konnten dennoch drei Jahre lang keine qualifizierten Azubis finden“, beklagt Domaratius. Gemino suchte Auszubildende für den Beruf des Zerspanungsmechanikers. Ob Zeitungsannonce, Online-Job-Portal oder öffentliche Stellen – kein Kanal führte zum Erfolg. 

Mittelständler nutzen Social Media für Suche nach Azubis

Auch Thomas Sperveslage, Personalleiter der niedersächsischen Firma Wurst Stahlbau, kennt die Problematik. „Über Anzeigen in Zeitungen und Jobportalen meldeten sich keine Nachwuchskräfte“, berichtet Sperveslage. „Deswegen wollte ich die sozialen Netzwerke in die Personalsuche einbinden.“  Es ist jedoch nicht damit getan, als Unternehmen auf einem oder mehreren der einschlägigen Portale vertreten zu sein. Unternehmen, die sich dazu entscheiden, Social Media zu Werbe- oder Recruitingzwecken einzusetzen, benötigen eine gute Strategie. Dafür sollte das Unternehmen zunächst die Zielgruppe festlegen und sich konkrete Ziele setzen. Je nach Zielsetzung sollten auch die Social-Media-Kanäle ausgewählt werden, schließlich sind nicht alle Kanäle auch für die Rekrutierung von Fachkräften zu empfehlen.

So eignen sich beispielsweise Karrierenetzwerke wie Xing oder Linkedin sehr gut für die Suche nach qualifiziertem Personal. Social-Media-Kanäle wie Facebook, Twitter oder Instagram können dagegen beim Aufbau der Arbeitgebermarke hilfreich sein. „Wichtig ist eine authentische Darstellung“, sagt Sven Hennige, Senior Managing Director Central Europe & The Netherlands beim Personalvermittler Robert Half. Besonders wichtig: „Die Online-Aktivitäten müssen zu den Offline-Aktivitäten des Unternehmens passen.“

Manche Mittelständler rekrutieren ihre Azubis im Ausland

Geschäftsführerin Domaratius schaute sich nach drei erfolglosen Jahren der Suche nach neuen Möglichkeiten um – und wurde jenseits der deutschen Grenzen fündig. Gemeinsam mit dem Bildungswerk der sächsischen Wirtschaft in Chemnitz entschied sie sich dafür, zwei Auszubildende im Ausland zu rekrutieren. Die zwei jungen Vietnamesen, die den Bewerbungsprozess für sich entscheiden konnten, belegten zunächst am Goethe-Institut einen Deutschkurs und begannen anschließend im September 2015 ihre Ausbildung in Deutschland. „Sie sind fleißig, engagiert, offen“, schwärmt Domaratius von ihren Auszubildenden. „Das macht Spaß, und wir blicken positiv in die Zukunft.“