Montag, 12.11.2018

Foto: Nischel/Getty Images

Von links nach rechts: Am Karl-Marx-Denkmal in Chemnitz versammelten sich einige Hundert Neonazis und skandierten rassistische Parolen.

Personal
Ausländerfeindlichkeit

Nach rechtsradikalen Ausschreitungen: Was wird aus dem Standort Sachsen?

Nach den Aufmärschen der Neonazis in Chemnitz betont Sachsens Mittelstand seine Weltoffenheit und Toleranz. Manch einer sorgt sich ums Image bei Kunden und Fachkräften. Doch dort, wo AfD und Co. viele Anhänger haben, stehen die Firmen vor einem Dilemma.

Zufrieden sind nie alle Kunden. Aber die Anfragen, die Judith Borowski vom Uhrenhersteller Nomos Glashütte in den vergangenen Wochen bekam, waren doch alles andere als alltäglich: „Einige Kunden wollten wissen, ob ein Nazi an ihrer Uhr gearbeitet habe“, sagte die Markenchefin dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“. Anlass für die kritischen Nachfragen: In Chemnitz war es an mehreren Tagen zu tumultartigen Demonstrationen von Neonazis gekommen. Die Ausschreitungen beherrschten wochenlang die Schlagzeilen in Deutschland, und die Bilder davon gingen um die ganze Welt.

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Das Örtchen Glashütte mit kaum 20.000 Einwohnern liegt rund drei Stunden von Chemnitz entfernt, bis zur tschechischen Grenze ist es nur noch ein Katzensprung. Neben ihren bekannten Uhrenmanufakturen wie A. Lange & Söhne ist die Stadt im Erzgebirge allerdings noch für etwas anderes bekannt geworden: Bei den Bundestagswahlen im vergangenen Jahr hatte die AfD hier 35,5 Prozent der Wählerstimmen geholt, so viel wie in keinem anderen Wahlkreis bundesweit. Doch mit politischem Extremismus will sich auch Nomos-Glashütte- Geschäftsführer Uwe Ahrendt nicht abfinden: „Im Ausland schütteln die Menschen den Kopf über das, was bei uns passiert.“

Insgesamt hielt sich der moralische Aufschrei aus der Wirtschaft jedoch in Grenzen. Viele Unternehmen schweigen lieber oder äußern sich nur zaghaft. „Das Thema Fremdenfeindlichkeit ist durch die Vorfälle in Chemnitz näher an uns herangerückt, es fühlt sich jetzt schon anders an“, sagt Franziska Liedtke, Personalleiterin bei dem Maschinenbauer 3D-Micromac. Dabei sei klar: Prinzipiell sei in ihrem Unternehmen kein Platz für Rassismus gegenüber Andersdenkenden oder Menschen aus dem Ausland. Und Nicole Lehmann, Personalverantwortliche beim Textilmaschinenhersteller Terrot, berichtet davon, dass viele ihrer rund 250 Mitarbeiter das Konzert „Wir sind mehr“ besucht hätten, auf dem Gruppen wie „Die Toten Hosen“ aufgetreten sein. Mehrere, vor allem mittelständische Unternehmen, haben darüber hinaus nach den Ausschreitungen Statements auf ihrer Webseite veröffentlicht, in denen sie sich deutlich von den Ausschreitungen distanzieren. In einem davon heißt es: „Wir setzen uns mit aller Kraft dafür ein, dass sich Kunden, Gäste sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus aller Welt bei uns wohlfühlen!“

Geringe Quote ausländischer Mitarbeiter

Reicht das, um sich von den Rechtsextremisten zu distanzieren? Und haben die Mahner aus Politik und Wirtschaft recht, die in den Ausschreitungen in Chemnitz eine Gefahr für die Attraktivität von Sachsen als Wirtschaftsstandort sehen?

Foto: Nomos Glashütte

Uwe Ahrendt von Nomos Glashütte

Sowohl Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig wie auch BDI-Präsident Dieter Kempf attestierten, durch die Vorfälle sei ein „Schaden“ für die Wirtschaft entstanden. Der Hauptgeschäftsführer der IHK Chemnitz, Hans-Joachim Wunderlich, zeigte sich „sehr besorgt“ und äußerte seine Befürchtung: „Das Bild, das jetzt von unserer Stadt weltweit gezeichnet wird, droht unsere Anwerbeversuche von Arbeitskräften im In- und Ausland erheblich zu behindern.“

Ob es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen einem radikalisierten politischen Klima und der wirtschaftlichen Entwicklung gibt, ist umstritten. „Fremdenfeindlichkeit ist ein negativer Standortfaktor, der Hochqualifizierte abschreckt und damit die wirtschaftliche Perspektive verschlechtert“, ist Volkswirt Oliver Holtemöller, Leiter der Abteilung Makroökonomik am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), überzeugt. Der Ökonom verweist darauf, dass Regionen, die eine vielfältige und heterogene Zusammensetzung aufweisen, wirtschaftlich erfolgreicher seien. „In Baden-Württemberg, Bayern und Hessen kamen im Jahr 2015 auf 100.000 Erwerbstätige zwischen 14 und 18 Blue Cards“, sagt Holtemöller. Im Vergleich dazu seien es nur sechs beziehungsweise fünf in Brandenburg und Sachsen-Anhalt. In Sachsen dürfte die Quote nicht viel höher liegen: Bei Terrot kommen nach eigenen Angaben zehn der rund 250 Mitarbeiter nicht aus Deutschland, bei 3D-Micromac sind es sechs bei einer Gesamtbelegschaft von rund 180.

Info

Willkommenskultur in Sachsen

Bereits vor den Ausschreitungen in Chemnitz gab es in Sachsen mehrere Initiativen, die für Weltoffenheit und Toleranz warben.

  • Rund 70 Mittelständler engagieren sich in dem gemeinnützigen Verein Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen. Die Mitglieder bilden ein Netzwerk, das die Integration fördern und begleiten sowie die Reputation von Sachsens Wirtschaft auf nationaler und internationaler Ebene verbessern soll.
  • Mehr als ein Dutzend Portale – hinter den meisten stehen Landkreise oder Kommunen – buhlen allein in Sachsen um Fachkräfte. Die größten sind Jobs Oberlausitz und Wachstumsregion Dresden. Die Internetplattform Sachse komm zurück wird seit 2004 von der IHK Dresden betrieben. Obwohl es der Name suggeriert, richtet sich das Angebot nicht ausschließlich an Rückkehrer, sondern an Menschen aus der ganzen Republik. Über das Jahr hinweg sind dort immer 120 bis 150 aktuelle Jobangebote für Dresden und die Landkreise Görlitz, Bautzen, Meißen und Sächsische Schweiz-Osterzgebirgezu finden.
  • Hinter den Initiativen Weltoffenes Sachsen für Demokratie und Toleranz (WOS) und der Imagekampagne So geht Sächsisch steht das Land Sachsen. Letztere konzentriert die Aktivitäten, mit denen sich Sachsen als attraktiver Standort für Unternehmen, aber auch für Familien positioniert.

Klaus-Heiner Röhl vom Institut der Deutschen Wirtschaft Köln (IW) hält einen Zusammenhang zwischen rassistischen Ausschreitungen und dem wirtschaftlichen Erfolg für schwierig. „Als Pegida vor vier Jahren in Dresden aufkam, sagten Experten voraus, dass Sachsens Wirtschaft deutlich zurückfallen wird – doch so einfach sind die Zusammenhänge nicht. Im ersten Halbjahr lag das Wirtschaftswachstum bei 2,1 Prozentpunkten und damit höher als der Bundesdurchschnitt“, sagt der Experte für Strukturwandel und Wettbewerb. „In der Theorie ist die Sorge um ein negatives Image naheliegend und nachvollziehbar, aber abseits von Gefühligkeiten kann man das kaum quantifizieren. Mir ist kein einziger Fall bekannt, dass deshalb eine Investitionszusage oder Bewerbung zurückgezogen wurde“, berichtet auch Lars Fiehler, Experte für Standortpolitik bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Dresden.

Auch die Vertreter der Wirtschaft sind sich uneins, ob durch rechtsextremistische Ausschreitungen der Standort Deutschland unattraktiv für ausländische Fachkräfte wird. Darauf deutet zumindest eine repräsentative Umfrage des IT-Verbandes Bitkom hin. Demnach rechnet jedes zweite Unternehmen mit drei oder mehr Mitarbeitern damit, dass es durch Ereignisse wie in Chemnitz schwieriger wird, qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland zu gewinnen. Fast ebenso viele verneinen dies allerdings.

Es gibt zahlreiche Faktoren, die die Attraktivität eines Wirtschaftsstandortes ausmachen. Trifft eine gewachsene Industriekultur auf eine starke Innovationskraft, stehen die Chancen für ein kontinuierliches Wachstum gut. Begünstigend kommen hinzu: ein hohes Gehaltsniveau, international angesehene Unternehmen, eine gut ausgebaute Infrastruktur und eine niedrige Abbrecherquote in Schule und Ausbildung. All diese Faktoren treffen insbesondere auf die alten Bundesländer zu.

Doch genauso, wie sich positive Einzelfaktoren gegenseitig aufwerten und den Wirtschaftsmotor antreiben, kann sich daraus umgekehrt ein Teufelskreis entwickeln. „Nach der Wende haben drei Millionen Menschen Sachsen verlassen“, erklärt IHK-Experte Lars Fiehler. Auf der Strecke seien dabei vor allem ländliche Regionen geblieben: Erst machten Schulen dicht, dann Arztpraxen und schließlich die Händler. Besonders in der Peripherie fühlten sich Menschen deshalb oft abgehängt. Dabei liege das BIP in den neuen Bundesländern (ohne Berlin) inzwischen auf dem Niveau von Italien und damit weit über der Wirtschaftskraft von Polen oder Tschechien.

Kurse gegen Rassismus

Für viele Unternehmen verschärft sich durch den massenhaften Wegzug der Bevölkerung, neudeutsch „Braindrain“ genannt, auch die Suche nach Nachwuchs- und Arbeitskräften. „Die Wirtschaft in den neuen Bundesländern ist sehr mittelständisch geprägt. Das hat den Nachteil, dass große Arbeitgeber, die die jungen Leute in der Region halten und neue anlocken könnten, fehlen“, weiß IW-Ökonom Röhl. Ein niedrigeres Gehaltsniveau, eine schlecht entwickelte Infrastruktur und hohe Schulabbrecherquoten haben ihr Übriges dazu beigetragen, dass sich der Fachkräftemangel mittlerweile zum größten Problem in den neuen Bundesländer ausgewachsen hat. Und jetzt noch die Imageprobleme.

Foto: Terrot

Nicole Lehmann von Terrot.

Für den Mittelstand kommen die Ausschreitungen in Chemnitz zur Unzeit. „Offene Stellen im kaufmännischen Bereich können wir noch relativ leicht besetzen, bei technischen Berufen wird es schon schwer. Und in Zukunft dürfte es noch schlimmer werden“, befürchtet Franziska Liedtke von 3D-Micromac. „Wir müssen auch damit rechnen, dass sich Jobsuchende gar nicht erst bewerben, weil sie von den rassistischen Vorfällen gehört haben.“

Nomos Glashütte bietet Workshops an, in denen Mitarbeiter für die richtige Reaktion auf diskriminierende und rechtsextreme Äußerungen sensibilisiert werden. Dort lernen sie auch, wie man mit Rechtsextremen umgeht. Die Teilnahme ist freiwillig. Terrot hat vor einigen Jahren ein Patenprogramm initiiert, das die Integration zugezogener Mitarbeiter unterstützen soll. „Die Paten helfen den Neulingen dabei, besser im Unternehmen und in der Stadt anzukommen, und begleiten sie auch bei Amtsgängen“, erklärt Personalleiterin Nicole Lehmann. Darüber hinaus ist der Textilmaschinenhersteller Mitbegründer des gemeinnützigen Vereins Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen.

Was von Kunden als positives Signal aufgenommen werden dürfte, könnte mittelständische Unternehmen allerdings auch in die Bredouille bringen. Denn nicht alle Mitarbeiter verurteilen die Vorfälle in Chemnitz so scharf wie ihre Arbeitgeber. „Meine Wahrnehmung ist, dass die Meinungen zu den Geschehnissen weit auseinandergehen“, sagt Nicole Lehmann.

Der Grat zwischen gelebter Weltoffenheit und Toleranz auf der einen Seite und dem Aushalten von davon abweichenden Meinungen auf der anderen Seite ist schmal – es ist sogar ein Dilemma. Klaus- Heiner Röhl vom IW formuliert es so: „Unternehmen können natürlich Flüchtlingsinitiativen unterstützen. Wenn aber ein Drittel der einheimischen Bevölkerung die AfD wählt, können das Image und die Attraktivität der Firma vor Ort leiden.“


Dieser Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 11/2018. Hier können Sie das Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.