Donnerstag, 27.10.2016
Mit beweglichen Reflektoren fangen Solarthermie-Kraftwerke das Sonnenlicht ein und wandeln es in Strom um. Die Experten von Protarget haben schon deutschlandweit Anlagen gebaut (wie hier in Bad Aibling). Inzwischen kommen viele Aufträge aus Nordafrika.

Fotoquelle: Protarget

Mit beweglichen Reflektoren fangen Solarthermie-Kraftwerke das Sonnenlicht ein und wandeln es in Strom um. Die Experten von Protarget haben schon deutschlandweit Anlagen gebaut (wie hier in Bad Aibling). Inzwischen kommen viele Aufträge aus Nordafrika.

Personal
Erneuerbare Energien

Neuer Markt in Sicht: Marokko investiert in grüne Energie

Desertec scheint gescheitert, doch Nordafrika setzt weiter auf erneuerbare Energien. Produkte aus Deutschland sind in der Region Verkaufsschlager.

Über der Sahara brennt fast immer die Sonne: Beste Voraussetzungen für ein Solarkraftwerk, dachten sich die Gründer des Desertec-Projekts Anfang 2009, zu denen deutsche Großkonzerne wie Eon, ABB, Schott Solar oder auch Siemens und Munich Re gehörten. Die Desertec-Industrieinitiative (Dii) wollte Öko-Kraftwerke in der Sahara bauen. Sie sollten einen großen Teil des Strombedarfs in der Region decken und – mit Hilfe eines Seekabels – gewaltige Mengen Strom ins europäische Netz einspeisen. Mittlerweile ist es still geworden um das Megaprojekt: Im Jahr 2014 wurde die Planungsgesellschaft in ein kleineres Beratungsunternehmen umgewandelt. Unter anderem die politischen Wirren des Arabischen Frühlings sowie die Energiewende in Europa haben der Dii einen Strich durch die Rechnung gemacht.

In seiner ursprünglichen Form ist Desertec zwar gescheitert – doch das Interesse an grüner Energie ist in Nordafrika weiterhin groß. Vor allem Marokko investiert massiv in erneuerbare Energien. „Marokko ist auf dem Gebiet durchaus als Vorreiter zu bezeichnen“, sagt Moritz Hunger, Referent für West- und Zentralafrika sowie Energiewirtschaft beim Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft. Das Land besitze kaum fossile Energieträger, dafür aber ein enormes Potential an Wind- und Solarenergie, bestätigt die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

Mindestens bis zum Jahr 2030 rechnet die Organisation bei den Stromerzeugungskapazitäten auf Wind- und Sonnenbasis noch mit anhaltendem Wachstum. Im Bereich Sonnenkraft liege der Fokus laut Afrika-Verein auf der Solarthermie. Laut GIZ steigt aber auch das Interesse an Photovoltaikanlagen und Windkraft. Das biete nicht nur großen Konzernen Geschäftschancen, sondern auch mittelständischen Unternehmen. „Made in Germany“ ist gefragt.

Deutsches Technologieunternehmen in Marokko

Darüber freut sich Martin Scheuerer, kaufmännischer Vorstand des Technologieunternehmens Protarget. Der Mittelständler aus Köln baut in Marokko Solarkraftwerke für Kunden aus der Privatwirtschaft: Protarget hat bereits in Marokko eine Fischkonservenfabrik mit einer solarthermischen Anlage ausgestattet. Auch eine Hotelwäscherei in Ägypten arbeitet mit der Prozesswärme, die durch die solarthermische Anlage von Protarget erzeugt wird. In Algerien plant der Mittelständler jetzt mit einem algerischen Unternehmen aus der Ölexploration und -förderung den Bau eines Solarkraftwerks, das die Kleinstadt Hassi Messaoud mit Strom versorgen soll. „Aktuell arbeiten wir an drei Projekten in der Region“, sagt Scheuerer. Das Auftragsvolumen liegt jeweils zwischen 1 Million und 10 Millionen Euro.

Oft muss er bei den Kunden Überzeugungsarbeit leisten, bevor ein Projekt starten kann: „Solarressourcen werden nicht genutzt, da fossile Brennstoffe wie Diesel und Kohle subventioniert an die Bevölkerung abgegeben werden“, sagt er. Eine weitere Herausforderung: Für solche eher kleinen Projekte gebe es kaum Finanzierungshilfen vom deutschen Staat. Meist gingen Gelder an Großprojekte, berichtet Scheuerer.

Wo die Aufträge sind

Erneuerbare Energien sind in Nordwestafrika im Kommen, und auch bei den Großprojekten sind zahlreiche deutsche Unternehmen beteiligt. Etwa beim Noor-Kraftwerk nahe der marokkanischen Stadt Ouarzazate: Anfang des Jahres wurde hier die erste Stufe des weltweit größten Solarparks in Betrieb genommen. Knapp 600 Megawatt Leistung könnte das Sonnenwärmekraftwerk haben, wenn alle Abschnitte fertiggestellt sind. Ab 2020 soll Noor 1,3 Millionen Marokkaner mit Strom versorgen. Auch das geschieht mit deutscher Technik: Die bayerische Firma Flabeg lieferte 537.000 Solarspiegel, Siemens fertigte die Turbine, das Flüssigsalz zur Speicherung der Wärme kommt von BASF, Ingenieure der deutschen Fichtner-Gruppe aus Stuttgart betreuten den Bau.

Der Noor-Komplex ist aber nur eines von vielen Projekten in Nordafrika, an denen deutsche Unternehmen mitwirken können. Die Außenwirtschaftsförderung der GIZ listet für Marokko bis zum Jahr 2020 noch sechs weitere Solarenergieprojekte auf. Deutsche Mittelständler können sich bei der GIZ, der Auslandshandelskammer und bei der Deutschen Energieagentur über die Arbeit vor Ort sowie zu konkreten Projekten informieren. Die Außenwirtschaftsgesellschaft GTAI veröffentlicht Ausschreibungen aus Marokko und anderen nordafrikanischen Ländern.

 

Mehr Artikel zum Thema Energie finden Sie auf unserer Themenseite.

Allerdings: „Der marokkanische Energiemarkt wird bisher von Großprojekten dominiert“, heißt es in einem GIZ-Schreiben. Kleine und mittelständische Unternehmen aus Deutschland hätten mit Blick auf das Auftragsvolumen nur geringe Chancen, bei staatlichen Ausschreibungen zu gewinnen. Eher ergäben sich Möglichkeiten über Unteraufträge. So war es auch beim Noor-Kraftwerk: Auch wenn der Zuschlag zum Bau an das Konsortium rund um den saudi-arabischen Konzern Acwa-Power ging, sollen rund ein Drittel der Unteraufträge von deutschen Unternehmen erfüllt worden sein.

Investoren sind verunsichert

Doch deutsche Unternehmer sollten nach Aussage der GIZ damit rechnen, dass sie nicht besonders schnell auf dem marokkanischen Markt Fuß fassen können. Zwar hielten Marokkaner deutsche Unternehmer grundsätzlich für kompetent – vor allem wegen ihres technischen Fachwissens, auch bei individuellen Komplettlösungen. Auch bewunderten viele Marokkaner das Konzept der deutschen Energiewende. Doch in der Anfangsphase sei vor allem der Aufbau persönlicher Kontakte wichtig, raten die GIZ-Experten: „Die marokkanische Geschäftskultur ist sehr beziehungsorientiert.“ Die Konkurrenz aus Spanien oder Frankreich habe da nicht nur geographische, sondern auch von der Mentalität her Vorteile.

Hinzu kommt: Marokko gilt zwar derzeit als politisch stabil, doch der Afrika-Verein rät zu umsichtigem Handeln vor Ort. Außerdem weist der Verein auf die große Armut und die hohe Analphabetenquote hin. Marokkanischen Arbeitskräften mangele es häufig an Fachwissen und praktischen Erfahrungen, berichten Landeskenner. Protarget schult daher Einheimische, damit sie die Stahl- und Betonkomponenten für seine Anlagen vor Ort bauen und betreiben können. Das ist aufwendig, lohnt sich jedoch, glaubt Vorstand Scheuerer: „Das Potential Nordafrikas zur solaren Energieerzeugung ist gigantisch groß“, sagt er. „Eine stark wachsende Bevölkerung mit steigenden Ansprüchen und Wohlstand benötigt auch immer mehr Energie.“

Info

Das Wichtigste in Kürze
Marokko investiert in erneuerbare Energien

  • Wer profitiert: Unternehmen, die im Energiesektor tätig sind. Das können Anbieter für Komplettlösungen sein oder Zulieferer einzelner Komponenten wie Solarspiegel. Deutsche Ingenieure sind als Berater auf marokkanischen Baustellen gefragt.

  • Marktvolumen: Marokko hat der deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) zufolge ein enormes Potential im Wind- und Solarenergiebereich. Mindestens bis 2030 rechnet die Organisation bei den Stromerzeugungskapazitäten auf Wind- und Sonnenbasis mit einem anhaltenden Wachstum.

  • Mittelstandsanteil: Kleine und mittelständische Unternehmen haben es mit Blick auf das Auftragsvolumen schwer, Ausschreibungen zu gewinnen. Bessere Chancen ergeben sich als Subunternehmer großer Investorenkonsortien oder in der Privatwirtschaft.

  • Herausforderungen: Marokkanischen Arbeitskräften fehlt es an Fachwissen und praktischen Erfahrungen. Außerdem sollte viel Zeit in den Aufbau von persönlichen Geschäftsbeziehungen investiert werden. Das politische Klima gilt aber als stabil und investorenfreundlich.