Mythen über Arbeit: Sind die Deutschen wirklich häufiger krank?
| Thorsten Giersch | Lesezeit: 2 Min.
Wer ein guter Arbeitgeber sein will, sollte wissen, wie Beschäftigte und Markt ticken. Das Problem: Es gibt zahlreiche Mythen, die auch politisch ausgeschlachtet werden.
Von Thorsten Giersch für Markt und Mittelstand
Die Deutschen sind überdurchschnittlich faul, oft krank und wollen die Vier-Tage-Woche. Die Beschäftigten fühlen sich zu schlecht bezahlt und vom Arbeitgeber ausgenutzt.
Jeweils Mythos oder Realität?
Die Diskussionen kreisen um Halbwahrheiten, was Arbeitgebern die ohnehin schon schwierige Aufgabe, genug gute Beschäftigte zu binden und zu halten, erschwert. Deshalb haben wir gängige Mythen, Sprüche und Vorurteile über das Arbeitsleben gesammelt – und stellen sie in einer Mini-Serie auf den Prüfstand. Mit Zahlen, Studien und Fakten.
- Noch nie haben so viele Menschen gearbeitet
- Die Deutschen arbeiten weniger als früher
- Die Lust auf besondere Leistungen sinkt
- Die Deutschen sind immer häufiger krank
- Die Rechtsprechung ist aus der Zeit gefallen
- Wir Deutschen sind besonders produktiv
- Die Unternehmen finden keine guten Leute
- Wir Deutschen sind nicht flexibel genug
- Die Preise steigen schneller als die Gehälter
- Für Bürgergeldempfänger lohnt sich Arbeit nicht
- Die Griechen sind fleißiger als wir
Die Deutschen sind immer häufiger krank
Das stimmt, aber nur auf den ersten Blick. Vor den 1990er-Jahren lag die Krankenquote zwischen fünf und sechs Prozent, dann pendelte sie lange zwischen 4,5 und fünf Prozent.
Als bekannt wurde, dass die Krankenquote 2023 gut 6,8 Prozent betrug, begann die Diskussion, und prominente Firmenchefs forderten, die Lohnfortzahlung am ersten Tag der Arbeitsunfähigkeit zu stoppen. Die Debatte hallt bis heute nach.
Tatsächlich war ein Teil der höheren Krankenquote durch Corona bedingt und dadurch, dass Abwehrmechanismen nach den Pandemie-Jahren geschwächt waren. 2024 und im ersten Halbjahr 2025 sank die Quote auf rund 5,3 Prozent.
Dass sie in Deutschland nicht so stark wie in anderen Ländern zurückging, hat vor allem einen statistischen Grund: Seit Anfang 2022 gibt es die elektronische Krankschreibung. Durch diese Automatisierung werden bei den Krankenkassen alle ein- bis zweitägigen Krankschreibungen erfasst – viele von denen gingen bis dato nicht in die Statistik ein.
Ein zweiter Grund ist, dass sich in wirtschaftlich guten Zeiten mehr Menschen krank zur Arbeit schleppen als in Krisenzeiten. Die telefonische Krankschreibung dürfte hingegen keinen nennenswerten Effekt auf die Zahl der Tage haben, an denen sich Beschäftigte arbeitsunfähig melden.
Im internationalen Vergleich liegt Deutschland im Mittelfeld, wobei Vergleiche hier wegen unterschiedlicher Statistik-Methoden schwierig sind. Zudem gibt es hierzulande überdurchschnittlich viele ältere Menschen, die an sich häufiger krank werden. Andererseits gaben in einer Umfrage von Yougov 20 Prozent der Beschäftigten an, im abgelaufenen Jahr einmal blaugemacht zu haben, elf Prozent zwei bis fünf Mal und zwei Prozent sogar noch häufiger.
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