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Führung & HR > Zum Weltfrauentag 2026

Frauen 50+ im Job: Wie Unternehmen mit dem Thema Wechseljahre besser umgehen

| Thorsten Giersch | Lesezeit: 5 Min.

Weltfrauentag 2026: Frauen über 50 sind die am schnellsten wachsende Gruppe im Job. Trotzdem bleiben die Wechseljahre im Unternehmen ein blinder Fleck.

Halle Berry am Rednerpult
Klare Worte: Die US-Schauspielerin Halle Berry geht offensiv mit dem Thema Wechseljahre um. Sie ist Vorbild für viele andere Frauen. (Foto: shutterstock)

von  Thorsten Giersch für Markt und MIttelstand

Der Konferenzraum riecht nach teurem Leder und Angstschweiß. Am Kopfende des Tisches thront der „Silberrücken“ und poliert seine Manschettenknöpfe wie Orden. Ihm gegenüber sitzt die neue Strategie-Direktorin. Sie hat gerade ein 40-Millionen-Euro-Projekt gerettet. Der Chef holt sein väterliches Lächeln heraus, das tatsächlich eine Drohung ist. „Ach, Frau Dr. Müller“, flötet er, „bevor wir starten: Sie haben doch so eine wunderbar ordentliche Handschrift und dieses Auge für Details. Wären Sie so lieb und würden heute das Protokoll für uns führen? Dann haben wir Männer den Kopf frei für die harten Zahlen.“ Ein kurzes Stocken im Raum. Wenn sie „Nein“ sagt, ist sie die Zicke. Wenn sie „Ja“ sagt, ist sie mindestens für den Rest des Meetings die Sekretärin der Runde – diejenige, die schreibt, während die anderen entscheiden. 

Die Szene ist so passiert. Die meisten Topmanagerinnen hierzulande haben mindestens eine solche Begebenheit selbst erlebt. Sie wissen, dass Deutschland mit der Gleichberechtigung weiter ist als woanders, aber noch lange nicht vorne, daran ändert auch der Weltfrauentag am 8. März nichts. Weil die Geschlechter ungleich behandelt werden, entsteht weltweit noch immer größerer wirtschaftlicher Schaden als durch jeden anderen Faktor, wie die Weltbank berechnet hat. Klimawandel und Korruption sind eingeschlossen. 

Die Berichte beginnen alle ähnlich: „Es geht voran, aber …“. Die Allbricht-Stiftung ermittelte 2025 bei den 160 börsennotierten Unternehmen aus Deutschem Aktienindex Dax, MDax der mittleren und SDax der kleinen Werte einen Frauenanteil in den Führungsgremien von knapp 20 Prozent. Unter den Chefs sind es vier Prozent. Das sollte Frauen nicht abschrecken, zum Beispiel in Familienunternehmen anzuheuern, wie Nadine Kammerlander findet. Die Professorin leitet an der WHU den Lehrstuhl für Familienunternehmen, ist eine der führenden Expertinnen für den deutschen Mittelstand und hat viel zu Diversity geforscht. Zwar seien Frauen in Top-Führungspositionen im Mittelstand noch stark unterrepräsentiert. „Wir sehen allerdings, dass sich das sehr stark geändert hat“, erklärt Kammerlander. Die Vorbehalte, die es zum Teil vor zehn Jahren noch gegeben habe, seien verschwunden. 

 

Bei einem anderen Thema sind die Deutschen noch nicht so weit: Wechseljahre. Das hat teure Folgen für die Wirtschaft. Susanne Liedtke hat das erkannt. Sie kommt aus einer Unternehmerfamilie. Ihr Vater besaß einen Landhandel. Sie arbeitete im Marketing international tätiger Unternehmen, bekam trotz großer Konkurrenz einen Top-Posten bei Google und fühlte sich dort sehr wohl. „Ich wollte da nie wieder weggehen. Aber dann erinnerte ich mich, dass ich mich immer auch als Gründerin sah.“ Liedtke startete mit Ende 40 Nobodytoldme. Der Markt für Frauengesundheit mit Fokus auf Wechseljahre bot in ihren Augen viele Möglichkeiten. „Was es bis dato gab, fand ich alles sehr lieblos. Und gerade in Deutschland mangelte es im zweiten Gesundheitsmarkt an passenden Produkten und Services.“ 

Liedtke wendet sich mit dem Thema Menopause auch ausdrücklich an mittelständische Unternehmen, wohl wissend, dass das Thema immer noch tabuisiert ist. „Die Wechseljahre sind ein Wirtschaftsfaktor und es ist ein No-Brainer, dass es sich lohnt, hier ein wenig Zeit zu investieren.“ Inzwischen liegt die Erwerbstätigenquote von Frauen bei mehr als 80 Prozent. Frauen über 50 gehören zu der am schnellsten wachsenden Gruppe auf dem Arbeitsmarkt. Und anders als 2000 arbeiten Frauen heute fast genauso viele Jahre wie Männer. Wechseljahre sind heute also ein breites Phänomen im Firmenalltag. „Manche Frauen bekommen Beschwerden, aber kaum jemand weiß etwas darüber“, sagt Liedtke. „Dadurch kann man Frauen, die Bedarf haben, nicht gut unterstützen.“ 

Voll durchstarten

In Deutschland befinden sich derzeit rund 11,3 Millionen Frauen in den Wechseljahren, von denen etwa 8,8 Millionen erwerbstätig sind. Trotz dieser großen Zahl wird das Thema am Arbeitsplatz konsequent ausgeklammert, während Frauen in der Lebensmitte paradoxerweise oft genau an dem Punkt stehen, an dem sie beruflich voll durchstarten könnten. Ihre Erfahrungen und Expertisen sind auf dem Höhepunkt, doch strukturelle Ignoranz führt dazu, dass viele betroffene Frauen die Zahl der Arbeitsstunden verringern, krankgeschrieben werden oder sogar den vorzeitigen Ruhestand erwägen.

Zumindest für ein Drittel der Frauen bedeuten die Wechseljahre, dass sie medizinische Hilfe benötigen. „Die Wechseljahre sind keine Krankheit, aber sie können eben das Fass zum Überlaufen bringen“, sagt Liedtke. In der Lebensmitte komme eben einiges zusammen – einerseits körperlich, andererseits brauchen älter werdende Eltern Pflege oder müssen noch Kinder betreut werden. Darum kümmern sich immer noch überwiegend viele Frauen. 

„Wer sich als Unternehmer nicht mit den Wechseljahren beschäftigt, der hat möglicherweise eine Produktivitätslücke, die er ganz einfach schließen könnte, indem er sich selbst informiert und Informationen zur Verfügung stellt“, meint Liedtke. So wie Firmen Unterstützung für junge Eltern anbieten, weil sich dies für beide Seiten lohnt, sollte es auch bei von den Wechseljahren betroffenen Mitarbeiterinnen Hilfe geben. Ziel sind weniger Krankheitstage, das gute Betriebsklima aufrechtzuerhalten sowie die Bindung ans Unternehmen zu festigen. „Das sind auch sehr erfahrene Arbeitskräfte, die man nur schwer ersetzen kann.“ Jobwechsel oder weniger Arbeitszeit kosten die Arbeitgeber deutlich mehr Geld, als betroffene Frauen rechtzeitig zu unterstützen. Den Schaden durch fehlende Kenntnisse und Maßnahmen rund um Wechseljahre schätzen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf 9,4 Milliarden Euro jährlich allein in Deutschland. Wer sich die Berechnung genau anschaut, wird sie noch für konservativ halten. Es gibt viele Variablen, vermutlich liegt der Produktivitätsgewinn für deutsche Unternehmen tatsächlich im nennenswert elfstelligen Bereich. Der Krankenstand ist hierzulande derzeit ohnehin hoch, die Krankenkasse DAK meldete für ihre Mitglieder den Wert von 19,5 Tagen pro Beschäftigten in 2025. 

Nötig seien Arbeitgeber, die erkennen würden, dass Frauen Gutes leisten wollten, sagt Liedtke. „Die suchen sich ja nicht aus, von den Wechseljahren betroffen zu sein.“ Was gesellschaftlich hilft, sind prominente Beispiele, die offen über ihre Probleme reden – allen voran Schauspielerinnen wie Halle Barry oder Jennifer Aniston. Menschen googeln den Begriff Wechseljahre sofort häufiger, wenn solche Fälle durch die Medien gehen. „Unternehmen sollten mindestens anerkennen, dass Wechseljahre nichts mit Schwäche zu tun haben und auch keine Krankheit sind“, sagt Liedtke. Sie können im ersten Schritt informieren, also beispielsweise eine Gynäkologin zum Vortrag für Interessierte einladen. Das sollten im Idealfall nicht nur Frauen sein, sondern auch ihre Männer, Lebensgefährten und Vorgesetzten. In Großbritannien werde deutlich besser unternehmensseitig aufgeklärt. 

Ein Merkmal ist, dass Frauen körperlich und mental erschöpft sind, weil sie schlecht schlafen. Zehn bis zwölf Prozent der Bevölkerung schlafen schlecht, Männer wie Frauen. Aber in der Lebensmitte sind die Schlafprobleme bei Frauen deutlich höher. Hier findet sich eine Ursache im möglichen Produktivitätsverlust. Auch Muskel- und Gelenkbeschwerden sowie übermäßig langanhaltende Blutungen hängen oft mit den Wechseljahren zusammen. Dies kann Mitarbeiterinnen sehr einschränken. Arbeitgeber sollten auch ihre Führungskräfte für das Thema sensibilisieren, damit diese Veränderungen wie Hitzewallungen besser einordnen und mitfühlend reagieren können. „Wir wissen zum Beispiel aus Großbritannien, dass schon ein halbstündiges Online-Training für Führungskräfte über die Wechseljahre dazu führt, dass sie sicherer werden im Ansprechen gesundheitssensibler Themen“, sagt Liedtke. Im Idealfall sind solche Maßnahmen Teil des allgemeinen Gesundheitsmanagements, zum Beispiel mit Yoga oder einer Ernährungsberatung. 

Falsche Diagnose

Daten aus Norwegen zeigen die volkswirtschaftlichen und individuellen Einbußen, wenn bei Frauen Beschwerden der Wechseljahre zu spät erkannt oder zunächst falsch diagnostiziert werden. Das betrifft vor allem Frauen mit einem niedrigeren gesellschaftlichen und finanziellen Status. „Wenn diese Frauen sensibilisiert werden für die Wechseljahre, gehen sie schneller zur Ärztin und ein möglicherweise längerer Arbeitsausfall kann so vermieden werden“, sagt Liedtke. Aufklärung ist vor allem deshalb wichtig, weil keine Frau die Wechseljahre gleich erlebt. „Es geht in keinem Fall darum, die Position von Frauen durch ein Thematisieren eines weiteren Frauenleidens zu schwächen“, erklärt Liedtke. „Aber durch hormonelle Schwankungen und den starken Abfall der Hormone in der Lebensmitte, den es bei Männern nicht gibt, treten mögliche Beschwerden auf. Das gilt es anzuerkennen. Frauen sind keine kleinen Männer.“ 

Beim Thema Wechseljahre spielt eine Besonderheit hinein, die in Deutschland anders gelebt wird als in vielen anderen Regionen: Entweder ist man arbeitsunfähig oder kann zu 100 Prozent loslegen. In vielen Berufen gibt es kaum die Möglichkeit, nur zur Hälfte zu arbeiten, aber bei einer steigenden Zahl von Tätigkeiten eben doch – gerade in Zeiten des Homeoffice. Im Norden Europas haben sich deshalb Prinzipien wie Teilzeit-Krankschreibung etabliert. „Arbeitgeber und Vorgesetzte sollten möglichst flexibel sein“, rät Liedtke. 

Die Politik hat das Thema erkannt. Die Union, damals noch in der Opposition, forderte im Oktober 2024 eine „nationale Menopausenstrategie“. Seitdem sind zehn Millionen Euro für die Erforschung der Wechseljahre freigegeben worden. Zudem hat das Bundesforschungsministerium von Dorothee Bär (CSU) ein eigenes Referat „Frauengesundheit“ eingerichtet. Und auch die Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hat ein Budget von 11,5 Millionen Euro für die kommenden vier Jahre für Forschungsprojekte zum Thema Frauengesundheit eingeplant. 

Für Ute Brambrink und Claudia Rieß sind solche Initiativen überfällig. Sie veröffentlichen in diesen Tagen „Das Menopower-Buch“ und konstatieren darin eine „ökonomische Dummheit“, weil immer noch zu viele Firmen dieses Thema ignorieren und wertvolle Fachkräfte verlieren. Während Führungskräfte Diversity-Programme auf PowerPoint-Folien präsentieren, bleiben die Wechseljahre ein Flüsterthema. „Das ist nicht nur menschlich fatal, sondern auch wirtschaftlich dumm.“ Aus ihrer Sicht stellt nicht die Biologie der Frau das Hindernis dar, sondern eine Arbeitswelt, die auf überholten Standards basiert. „Die Arbeitswelt nimmt noch immer männliche Biografien und Körper als Maßstab.“ 

Die hormonellen Veränderungen können Frauen sogar durchsetzungsstärker machen. Die Wechseljahre seien daher „nicht der Beginn des Verfalls und Abschieds aus der Arbeitswelt“, sondern böten neue Chancen für Frauen, die sich in dieser Phase oft neu orientierten und als „stille Superkraft“ im Unternehmen handeln könnten. Brambrink und Rieß fordern Führungskräfte auf, diese Potenziale zu erkennen. „Wir sind davon überzeugt, dass jeder Arbeitgeber, der schlau ist und rechnen kann, euch unterstützt und euren Wert erkennt.“ 

Für das Management leiten die Autorinnen konkrete Handlungsfelder ab. An oberster Stelle steht die Sensibilisierung, damit Frauen nicht nach „gewohnten Mustern“ bewertet werden, sondern Leistungsänderungen „wohlwollend registriert und in der Folge unterstützend begleitet“ werden können. Kleine Veränderungen mit großer Wirkung wie flexible Arbeitszeiten, Homeoffice-Optionen oder Ruheräume können bereits entscheidend dazu beitragen, dass Frauen ihre berufliche Reise selbstbestimmt fortsetzen. Das Ziel muss eine „wechseljahresfreundliche Arbeitskultur“ sein, in der Offenheit herrscht und Frauen nicht als „nervige Zicke“ abgetan werden. Letztlich geht es darum, die „stille Superkraft“ der erfahrenen Mitarbeiterinnen zu sichern, denn „ohne euch geht es nicht“.

 

Die wichtigsten Zahlen: Frauen 50+ im Job

  • 11,3 Mio. Frauen in Deutschland befinden sich aktuell in den Wechseljahren

  • 8,8 Mio. davon sind erwerbstätig

  • Frauen über 50 sind die am schnellsten wachsende Gruppe auf dem Arbeitsmarkt

  • Erwerbstätigenquote von Frauen: über 80 %

  • Mindestens ein Drittel der Frauen benötigt während der Wechseljahre medizinische Unterstützung

  • Geschätzter wirtschaftlicher Schaden durch fehlende Maßnahmen: 9,4 Milliarden Euro pro Jahr (konservative Schätzung)

  • Krankenstand 2025 (DAK): 19,5 Fehltage pro Beschäftigten

Wirtschaftliches Risiko für Unternehmen

Ohne Sensibilisierung drohen:

  • Produktivitätsverluste durch Schlafstörungen, Erschöpfung, Schmerzen

  • Mehr Krankheitstage

  • Reduzierung der Arbeitszeit

  • Frühverrentung

  • Verlust erfahrener Fachkräfte

  • Höhere Kosten durch Rekrutierung und Wissensverlust

Frauen in dieser Lebensphase stehen oft auf dem Höhepunkt ihrer Expertise – strukturelle Ignoranz kostet Unternehmen wertvolles Know-how.

Typische Symptome mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit

  • Schlafstörungen (deutlich erhöht in der Lebensmitte)

  • Hitzewallungen

  • Muskel- und Gelenkbeschwerden

  • Erschöpfung

  • Langanhaltende Blutungen

  • Konzentrationsprobleme

Wechseljahre sind keine Krankheit, können aber bestehende Belastungen verstärken (z. B. Pflege von Eltern, Betreuung von Kindern).

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