Arbeitsmythen im Faktencheck: Wie produktiv Deutschland wirklich ist
| Thorsten Giersch | Lesezeit: 4 Min.
Wer ein guter Arbeitgeber sein will, sollte wissen, wie Beschäftigte und Markt ticken. Das Problem: Es gibt zahlreiche Mythen, die auch politisch ausgeschlachtet werden.
Von Thorsten Giersch für Markt und Mittelstand
Die Deutschen sind überdurchschnittlich faul, oft krank und wollen die Vier-Tage-Woche. Die Beschäftigten fühlen sich zu schlecht bezahlt und vom Arbeitgeber ausgenutzt.
Jeweils Mythos oder Realität?
Die Diskussionen kreisen um Halbwahrheiten, was Arbeitgebern die ohnehin schon schwierige Aufgabe, genug gute Beschäftigte zu binden und zu halten, erschwert. Deshalb haben wir gängige Mythen, Sprüche und Vorurteile über das Arbeitsleben gesammelt – und stellen sie in einer Mini-Serie auf den Prüfstand. Mit Zahlen, Studien und Fakten.
- Noch nie haben so viele Menschen gearbeitet
- Die Deutschen arbeiten weniger als früher
- Die Lust auf besondere Leistungen sinkt
- Die Deutschen sind immer häufiger krank
- Die Rechtsprechung ist aus der Zeit gefallen
- Wir Deutschen sind besonders produktiv
- Die Unternehmen finden keine guten Leute
- Wir Deutschen sind nicht flexibel genug
- Die Preise steigen schneller als die Gehälter
- Für Bürgergeldempfänger lohnt sich Arbeit nicht
- Die Griechen sind fleißiger als wir
Wir Deutschen sind besonders produktiv
Wir Deutschen können es uns erlauben, bei hohen Gehältern weniger zu arbeiten als Menschen in anderen Ländern. Weil wir smarter arbeiten? Also produktiver? Leider nicht. Gemessen an der Nettoarbeitszeit mögen wir Deutschen im europäischen Vergleich im Mittelfeld liegen, gemessen an den Menschen in Südkorea, Japan, den USA und vor allem China sind wir abgeschlagen, wenn man Krankheits-, Urlaubs- und Feiertage mit einbezieht. Bei der Produktivität einer Vollzeitkraft im Verhältnis zu ihrem jeweiligen Lohn liegt Deutschland nennenswert unter dem Durchschnitt. Und wir werden seit Jahren unproduktiver. Deutschland braucht dringend einen Schub bei der Automatisierung, nicht zuletzt durch KI. Von einer Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich sollte man da besser absehen.
Bei Studien, die belegen, dass Unternehmen dank Vier-Tage-Woche produktiver sind, ist Skepsis angezeigt. Erstens wurden die Testläufe vor allem in kleinen Betrieben gemacht, wo mit leichten Prozess-Maßnahmen viel zu holen war. Zweitens hätten all diese Produktivitätsfortschritte auch ohne die Vier-Tage-Woche funktioniert. Der Erfolg bestand darin, dass sich alle Seiten Gedanken gemacht haben, wo Luft nach oben ist.
Der Ratgeber für Entscheider;
Die Griechen sind fleißiger als wir
Gern gehört in Smalltalks: „Früher haben wir im Urlaub über die faulen Griechen gelästert, heute arbeiten sie sechs Tage und wir bald nur noch vier.“ Die Aussage ist irreführend: Die Griechen waren nie so faul, wie es in mancher Statistik ausgesehen haben mag. Sie haben nur sehr viel schwarzgearbeitet. Und sie tun das auch heute noch. 2024 wies das Land mit 22 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt die höchste Schattenwirtschaft in Europa aus. Deutschland liegt mit 11,3 Prozent im Mittelfeld. Das ist auch der Grund für den Vorstoß der griechischen Regierung, eine Sechs-Tage-Woche zu ermöglichen – was in Deutschland seit Jahrzehnten erlaubt ist. Hier geht es zuvorderst um die Bekämpfung der Schwarzarbeit. Effekte sind bislang noch nicht messbar. Übrigens liegt die Arbeitsproduktivität in Griechenland pro Arbeitsstunde 40 Prozent unter dem europäischen Durchschnitt. Und was es kompliziert macht: Die Griechen arbeiten sehr effizient, wenn man das Verhältnis von Bruttoinlandsprodukt je Beschäftigtem zu Lohn je Beschäftigten ansieht. Der Grund: Das Lohnniveau ist sehr niedrig. Auch das gehört in der Diskussion über Fleiß zur Wahrheit dazu. <<
Die Rechtsprechung ist aus der Zeit gefallen
Das stimmt zweifellos. Wer in Deutschland blaumacht, muss kaum etwas befürchten. Gerichte schlagen sich selbst in offensichtlichen Situationen so oft auf die Seite der Beschäftigten, dass bei Arbeitgebern blanker Frust aufkommt. Ein legendäres Beispiel ist ein Angestellter, der jahrelang im Sommer ein Attest für Spätschichtverbot einreichte und im Winter eines für Frühschichtverbot. Der Richter wollte und konnte gegen diese Freizeitoptimierung nichts machen. Kurzum: Im internationalen Vergleich ist Deutschland sehr beschäftigtenfreundlich. Die Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall ist weltweit in der Form beinahe einmalig. Der Kündigungsschutz, Schwerbehindertenvertretungen oder die gesetzliche Verpflichtung zu Betriebsräten sind weitere Beispiele.
Zudem tut sich der Gesetzgeber schwer, den Veränderungen gerecht zu werden, die etwa durch Homeoffice und stärker projektbasierte Tätigkeiten mit sich bringen. Diese neuen Freiheiten gehen einher mit wachsender Verantwortung des Einzelnen, mit der nicht jeder und jede umgehen kann. Die einen wünschen sich traditionelle Schutzmechanismen wie klare Arbeitszeitregelungen – die anderen wollen sie nicht haben, um das Familienleben flexibel hinzubekommen.
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