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Stiller Bremsklotz des Aufschwungs – Personaldisposition avanciert zur Kardinalfrage

| Christoph Fieber

Die deutsche Wirtschaft zeigt erste Anzeichen zunehmender Vitalität. Doch der zu erwartende Aufschwung droht direkt ausgebremst zu werden – nicht durch fehlende Aufträge, sondern aufgrund massiven Personalmangels. (Foto: Christoph Fieber)

Die Wirtschaft erwacht, aber die Handbremse ist angezogen

von Christoph Fieber

Nach Monaten reservierter Entwicklung deuten verschiedene Indikatoren auf eine bevorstehende Erholung der Ökonomie hin: Investitionspakete, verbesserte Auftragslagen und zunehmendes Vertrauen in die Konjunktur. Ausgerechnet in dieser Phase, die neue Dynamik verheißen könnte, fehlt es jedoch an einem zentralen Element: dem Personal, das diesen Aufschwung tragen soll. 

Es lässt sich vermuten, dass der nächste wirtschaftliche Aufschwung zwar kommen könnte, die eigentliche Problematik jedoch darin liegt, dass niemand mehr bereit ist, diesen umzusetzen. 

Zwar sind die meisten Unternehmen in der Lage, neue Aufträge anzunehmen, Prozesse hochzufahren und Wachstum zu gestalten. Ohne Menschen allerdings, die Maschinen bedienen, Transporte abwickeln oder Lager führen, wird diese vielversprechende Chance ungenutzt bleiben müssen. Ein Dilemma, das sich still, aber nachhaltig durch die gesamte Wirtschaft zieht und in vielen Branchen zu einem strukturellen Risiko wird. 

Der Realitätscheck – Fachkräftemangel ist längst da

Die Personallücke ist seit geraumer Zeit keine abstrakte Prognose mehr, sondern bittere Realität. Allein in Deutschland fehlen laut einer Studie des Bundesamts für Güterverkehr mehr als 80.000 Berufskraftfahrer – Tendenz steigend. Und dabei handelt es sich nur um einen Teil der Beschäftigten dieser Branche.  

Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft besteht aktuell insgesamt ein Bedarf von rund 1,5 Millionen qualifizierten Zuwanderern, um den Arbeitsmarkt überhaupt stabil zu halten. Tatsächlich kamen im Jahr 2023 jedoch nur etwa 200.000 entsprechend qualifizierte Kräfte nach Deutschland. 

Besonders dramatisch zeigt sich die Situation in systemrelevanten Bereichen: Elektriker, Mechatroniker, Pflegekräfte und logistische Fachkräfte sind kaum noch verfügbar. Ich sehe in meinem Arbeitsumfeld häufig, dass viele Unternehmen beispielsweise dringend nach Betriebselektrikern suchen – doch es bewirbt sich schlicht niemand. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es keine verfügbaren Fachkräfte mehr auf dem Markt gibt. Ähnlich verhält es sich im Handwerk, wo der Fachkräftemangel ebenfalls immer drängender wird. 

Diese eklatante Lücke entstand nicht über Nacht. Sie ist das Ergebnis demografischer Veränderungen, ausbleibender Nachwuchskräfte und politischer Fehlanreize, die Zuwanderung erschweren statt erleichtern. Betriebe, die heute wachsen wollen, stehen vielfach vor unüberwindbaren Hürden, ausschließlich deshalb, weil das Personal fehlt, um den notwendigen Bedarf zu decken. 

Politik im Bremsmodus – Bürokratie versus Bedarf

Die Gesetzgebung reagiert, aber oft mit widersprüchlichen Signalen. Mit dem neuen Fachkräfteeinwanderungsgesetz wurde zwar der Zugang für Drittstaatenangehörige verbessert, doch gewichtige Akteure wie Zeitarbeitsunternehmen sind weiterhin ausgeschlossen. Dabei zeigen gerade sie in der Praxis, wie Integration, Qualifikation und Einsatzbereitschaft ineinandergreifen können. 

Analog der derzeitigen Rechtslage dürfen Menschen aus Drittstaaten nicht über Zeitarbeit in den Arbeitsmarkt integriert werden – selbst wenn sie hochmotiviert, qualifiziert und sofort einsatzbereit wären. Verfahren zur Anerkennung und Genehmigung dauern oft Monate. Im Resultat handelt es sich um ein System, das auf den Bedarf der Betriebe nicht eingeht, sondern diesen verwaltet. 

Eine derart strukturelle Bremswirkung fordert zwangsläufig die gesamte Liefer- und Produktionskette heraus. In der Logistik beispielsweise, wo Zeit, Verfügbarkeit und Flexibilität entscheiden, wirken monatelange Prüfprozesse und Zugangsbarrieren wie Sand im Getriebe. 

Migration nicht verwalten, sondern gestalten

Ohne ein Umdenken lauern erhebliche Gefahren. Migration muss als wirtschaftliche Investition verstanden werden – nicht als Risiko. Gerade auch in der Logistikbranche zeigt sich, wie hoch das Potenzial ist: Laut einer Untersuchung des IW Köln liegt der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in einzelnen Bereichen der Logistik bei bis zu 40 Prozent, regional noch darüber. Auch im Ausbildungsbereich übernehmen sie tragende Rollen, betont das Bundesinstitut für Berufsbildung

Ich habe mich bereits mit einer Vielzahl von erfolgreichen Modellen der Integration auseinandergesetzt und diese auch effektiv im Rahmen von Zeitarbeitsvermittlungen umgesetzt. Beispielsweise habe ich georgische Auszubildende begleitet, sowohl sprachlich als auch organisatorisch und menschlich. Heute sind sie voll in den Betrieb integriert und leisten als vollwertige Mitarbeiter einen wichtigen Beitrag, indem sie ihre Kompetenzen der deutschen Wirtschaft zur Verfügung stellen. 

Solche Beispiele zeigen: Zeitarbeit, professionell betrieben, ist kein Hindernis für Integration, sondern ein struktureller Motor. Sie erlaubt einen zügigen und kontrollierten Zugang zum Arbeitsmarkt, gibt Betrieben Flexibilität und bietet Migranten ein betreutes Umfeld, damit sie im deutschen Arbeitsmarkt Fuß fassen können. 

Werden diese Funktionen jedoch weiterhin durch gesetzliche Ausschlüsse blockiert, bleibt das Potenzial ungenutzt. Und damit die Option, Integration greifbar und wirtschaftlich tragfähig zu machen. 

Was jetzt passieren muss

Die Voraussetzungen für eine gelingende Integration in den Arbeitsmarkt, auch von Fachkräften aus Drittstaaten, sind schon lange vorhanden, jedoch wird rechtliche und strukturelle Unterstützung benötigt. Drei zentrale Handlungsfelder stehen dabei im Mittelpunkt: 

  • Das Verbot, Drittstaatler über Zeitarbeit zu beschäftigen, gehört auf den Prüfstand. Personalvermittler mit klaren Integrationskonzepten dürfen nicht pauschal ausgeschlossen werden. 

  • Bürokratische Prozesse müssen verschlankt werden. Für zertifizierte Personalunternehmen braucht es beschleunigte Anerkennungsverfahren, um Planungssicherheit für Betriebe und Bewerber zu schaffen. 

  • Förderung der Integration: Sprachförderung, berufsbegleitende Qualifizierung und kulturelle Einbindung sind keine Zusatzleistungen, sondern gehören zur Grundinfrastruktur eines zukunftsfähigen Arbeitsmarkts. 

Wir Personaldienstleister wissen bereits genau, wie Integration erfolgreich umzusetzen ist, man muss uns nur die Gelegenheit dazu bieten. 

Um den wirtschaftlichen Aufschwung nicht an leeren Arbeitsplätzen scheitern zu lassen, werden keine theoretischen Modelle benötigt, sondern nüchterner Pragmatismus. Die Lösungen sind vorhanden – es fehlt lediglich an der Zulassung derselben. 

Über den Autor

Christoph Fieber ist ein erfahrener Personalexperte und Gründer der Zeitarbeitsvermittlung at-work Fachpersonal. Mit seiner fundierten Expertise in der Personalbranche trägt er maßgeblich zur erfolgreichen Integration von Fachkräften bei. Fieber setzt sich dafür ein, sowohl Unternehmen als auch hochqualifizierten Fachkräften aus dem Ausland langfristige Perspektiven auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu bieten. 

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