Freitag, 04.07.2014
Auch unter Managern ist Alkohol das am stärksten konsumierte Suchtmittel.

Bildquelle: Oberbergkliniken

Auch unter Managern ist Alkohol das am stärksten konsumierte Suchtmittel. Privatkliniken wie die Oberbergklinik in Hornberg arbeiten mit Intensivtherapien.

Personal
Alkohol vorneweg beim Missbrauch von Suchtmitteln

Risiko Sucht unter Managern

Bis Manager sich eingestehen, dass sie drogenabhängig sind, ist es ein langer Weg. Nach diesem Wendepunkt gibt es verschiedene Möglichkeiten für ein neues Leben.

Die Techniker Krankenkasse führt für 2013 knapp 450 Selbstständige auf, die sich wegen einer Suchtbehandlung in einem Krankenhaus behandeln ließen. Wenn man dies auf die Gesamtzahl der Versicherten hochrechnet, ließe sich die Zahl der Selbständigen, die sich allein 2013 in einem Vertragskrankenhaus wegen einer Sucht behandeln, auf rund 5.300 schätzen. Der Anteil der Süchtigen in einer Gesellschaft wird auf rund 5 Prozent geschätzt. Experten gehen davon aus, dass der Anteil unter Führungskräften höher ist. Es gelingt ihnen länger, im Betrieb die geforderten Abläufe aufrechtzuerhalten. Die Hemmschwelle, sich in therapeutische Behandlung ist größer als bei anderen Bevölkerungsgruppen und sie werden oftmals auch weniger mit ihrem Verhalten von ihrer Umgebung konfrontiert.

Alkohol, Benzodiazepine, Kokain: In dieser Reihenfolge führt Rudolf Pastovic, Chefarzt der My Way Betty Ford Klinik in Bad Brückenau, die meist verwendeten Suchtmittel unter Führungskräften auf. Alkohol ist auch generell das in Deutschland am stärksten konsumierte Suchtmittel. 2012 verstarben in Deutschland 14.551 Personen an den Folgen des Alkoholmissbrauchs. „Menschen mit einem Suchtproblem sollten sich entweder an ihren Hausarzt wenden oder zur nächsten Suchtberatungsstelle gehen“, rät Frank Leive vom Versorgungsmanagement der Techniker Krankenkasse.  

Für Manager wenig Hilfestellung im Betrieb

Wenn Manager süchtig werden, findet dieses Thema meist außerhalb des Betriebs statt. Mittelständische Unternehmen klammern das Thema „Sucht unter Managern“ meist aus. Im Gegensatz dazu haben sich Krankenkassen, Suchthilfeverbände oder Beratungsstellen den Suchtkrankheiten von Arbeitnehmern intensiv angenommen. Für das Gespräch von einem Vorgesetzten mit einem Mitarbeiter werden standardisierte Leitfäden vorgegeben. In großen Konzerne findet dagegen oftmals schon ein diskreter Umgang mit dem Thema statt. BMW und ZF Lenksysteme GmbH sind zwei Beispiele für große Unternehmen, die das Thema aktiv im eigenen Betrieb angehen und ein umfassendes Präventionsprogramm aufgebaut haben (siehe Info-Box „Betriebliche Suchtprogramme“).

Was ist in einem Unternehmen zu tun, wenn der Chef süchtig ist? Der Verein „Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen“, ein Zusammenschluss der in Deutschland bundesweit tätigen Suchthilfe, verweist auf die Möglichkeit, dass sich ein Mitarbeiter an eine Suchtberatungsstelle wenden könne, wenn er bei seinem Chef ein suchtgefährdendes Verhalten befürchtet. Ein aktives Ansprechen des Vorgesetzten von Seiten der Suchtberatungsstelle kommt jedoch nicht in Frage: „Das ist schon allein aus Datenschutzgründen nicht möglich“, wehrt Peter Reiser, Referent für Projekte und Internationales. Aber Beratungsstellen könnten Hinweise geben, wie man das Gespräch suchen könne.

Eng getaktete Therapie für Manager

Dr. Christoph Middendorf, Chefarzt Oberbergklinik Schwarzwald in Hornberg

Anlässlich des Internationalen Weltdrogentages am 26. Juni errechnete das Statistische Bundesamt, dass fast viermal mehr Menschen durch die legale Droge Alkohol als durch einen Verkehrsunfall (insgesamt 3.827 Personen) ums Leben kamen. Durch Alkoholmissbrauch bedingte Todesursachen waren alkoholische Leberkrankheiten sowie psychische und Verhaltensstörungen durch die Abhängigkeit.

„Es kommen immer starke Beschwerden“, warnt Pastovic. Die Palette der Folgen einer Suchtererkrankung reicht von einem Reflux, Blutungen und Hämatome bis hin zu einem  – Führerscheinverlust. Scham und Schuld, Verdrängung verhindern das frühzeitige Gegensteuern. Manager mit einer Sucht-Erkrankung wählen oft den Weg in eine Privatklinik. Eine solche ist die Oberbergklinik in Hornberg im Schwarzwald. Idyllisch gelegen und abgeschieden, zählen viele der Patienten hier zu Führungskräften. Die Therapie ist intensiv und eng getaktet. „Wir beginnen vom ersten Tag an parallel mit der Therapie“, sagt Christoph Middendorf, Chefarzt der Oberbergkliniken Schwarzwald. Zwischen sechs und acht Wochen sollten sich die Patienten Zeit nehmen. Dies ist ein deutlich geringerer Zeitraum als in den Vertragskliniken, die mehrere Monate für eine Suchttherapie anberaumen. In den privaten Kliniken verläuft die Therapie in Vollzeit. Behandlungseinheiten finden täglich statt. Der Tag ist belegt mit Einzel- und Gruppentherapiestunden, Körper- und Kunsttherapie, musiktherapeutischen Stunden, Coaching, Nordic Walking, Achtsamkeitstraining.

Manche Patienten wechseln auch die Kliniken mehrmals. Von den öffentlichen zu den privaten, von privater zu privater Klinik. Die Rückfallquote ist hoch. Rund jeder zweite schafft es nicht im ersten Anlauf – trotz intensiver und engmaschiger Nachsorge, die sich bis zu einem Jahr erstreckt. Chefarzt Middendorf trifft auf ein kompliziertes Geflecht an Suchtfaktoren. „Das Suchtmittel hat eine Funktion.“ Ein früher Konsum sei schädlich, auch würde man eine Veranlagung vererben. Er hat beobachtet, dass der Druck auf Führungskräfte in den vergangenen Jahren gestiegen sei. Die ständige Erreichbarkeit würde Manager stark unter Druck setzen. „Es kostet viel Platz, sich aktiv dagegen zu stemmen.“

Info
Betriebliche Suchtprogramme

Viele größere Unternehmen haben das Thema Sucht in ihrem Gesundheitsmanagement verankert. Dazu zählen Beratungs- und Hilfsangebote.

Bei ZF Lenksysteme umfasst das Präventionsprogramm: 
  • Alle Führungskräfte werden in 1- und 2-tägigen Seminaren zum Thema „Gesprächsführung bei psychischen Auffälligkeiten und Suchtproblemen“ geschult.
     
  • Mehrtägige Seminare in Kurhotels zum Thema Stress für Führungskräfte. Unter anderem werden dort Themen wie gesunde Ernährung, Bewegung, Umgang mit Stress und Suchtprävention besprochen und im Selbst-Check analysiert.

  • In der Ausbildung führt ZF Lenksysteme in jedem Ausbildungsjahr mindestens eine Veranstaltung zum Thema durch:  

1. Ausbildungsjahr: in Kleingruppen halbtägige Veranstaltung zu allgemeiner   Suchtprävention sowie eine Veranstaltung zum Thema Nikotinprävention

2. Ausbildungsjahr: Besuch der Suchttherapieeinrichtung Four Steps in Waldhausen; Gespräch mit ehemaligen Drogenabhängigen und Therapeuten

3. Ausbildungsjahr: Veranstaltung mit der Kripo zum Thema Alkohol, Drogen und Verkehr
 
  •  Umgang mit betroffenen Mitarbeitern:

Therapievermittlung durch betriebliche Sozialberatung möglich; hier bestehen Kooperationsangebote, beispielsweise mit den Suchttherapeuten im Haus der Gesundheit in Schwäbisch Gmünd und mit den Gmünder Suchtberatungsstellen. Bei Langzeittherapie: Besuch der Mitarbeiter in der Reha-Klinik (Vorgesetzter und Sozialberater); umfangreiche Begleitung bei der Wiedereingliederung an den Arbeitsplatz.

  • Generell bietet ZF Lenksysteme für alle Mitarbeiter kostenlose Beratungen zum Thema Sucht oder Co-Abhängigkeit an, die unter dem Schutz der Vertraulichkeit stehen. Der Betriebsrat stellt mit dem „Ausschuss Sucht“ und mit konkreten Suchtbeauftragen ebenfalls Beratungsangebote und Anlaufstellen zur Verfügung.

Finanzkrise verschärft Suchtproblematik

Ein kritischer Stolperstein ist auch ein Wechsel in der Eigentümerstruktur, der mit einer Amerikanisierung im Unternehmen einhergehen kann. Die neuen Eigentümer erwarten oftmals schnelle und schmerzhafte Veränderungen, die die bisherigen Führungskräfte zu stark unter Druck setzen. Die Finanzkrise hat gleichfalls viele Führungskräfte und Vertriebsmanager stark belastet. Sie berichten in den Kliniken von zweifelhaften Produkten, die sie hätten verkaufen müssen. Manche Führungskraft ändert nach dem Klinikaufenthalt sein Leben radikal. Chefarzt Pastovic bekommt viele Rückmeldungen in dieser Hinsicht und schätzt, dass 40 Prozent seiner Patienten ihr Leben komplett neu ausrichten.

Auch die Klinik im unterfränkischen Bad Brückenau ist abgelegen von allen zentralen Orten. Kein Hinweisschild, keine Tafel am Eingang weist auf die My Way Betty Ford Klinik hin. „Man muss den Patienten dort abholen, wo er ist“, schildert er seinen Ansatz. Die Lebensgeschichte, die Integration der psychischen Struktur ist für ihn der zentrale Ansatzpunkt. Bei fast allen Patienten ließe sich in der Lebensgeschichte etwas finden, was sich sehr negativ auf den weiteren Lebensweg ausgewirkt hätte. Doch nicht immer führt der Blick auf das eigene Leben weiter: „Manche Patienten sind psychisch so instabil, dass Sie längere Zeit gar nicht mit einer Psychotherapie beginnen können.“

Info

Anlaufstellen

 

Suchtberatungsstellen, Hausärzte und Psychologen beraten Personen mit Suchtproblemen. Vertragskrankenhäuser, Reha-Krankenhäuser und private Kliniken bieten Entzugs- und Therapiemöglichkeiten. „Die Fleckenbühler“ sind eine weitere Anlaufstelle, die allerdings ohne Therapeuten arbeitet. Es handelt sich hierbei um eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft, in der alle, die dort leben und arbeiten, eine Suchtproblematik in ihrer Vergangenheit aufweisen.

 

Die Oberberg-Akutkliniken sind private Kliniken, die u.a. auch Abhängigkeitserkrankungen gezielt behandeln, www.oberbergkliniken.de

 

Die privaten My Way Betty Ford Kliniken behandeln Abhängigkeiten von diversen Suchtstoffen, www.mywaybettyford.com/

 

Weitere Informationen zum Thema: „Abhängig – wenn Manager süchtig werden“ in Markt und Mittelstand, Juli-Ausgabe 2014

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