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Saison der Entlassungen: Wie US-Firmen im Sommer ihre Belegschaft verschlanken

| The Economist

Zwischen Quartalszahlen und KI: US-Unternehmen glänzen mit Gewinnen – und streichen gleichzeitig Tausende Jobs.

Während an den Stränden die Hüllen fallen, greifen Amerikas CEOs zum Rotstift – für viele Mitarbeiter/-innen beginnt ein heißer Job-Sommer. (Foto: Shutterstock)

The Economist - Juli 2025

An den Stränden dieser Welt geht es zu dieser Jahreszeit freizügig zu – von modisch gewagt bis augenfällig unvorteilhaft. In den Vorstandsetagen dagegen beginnt eine andere Art des Entblößens: die Sommersaison der Quartalszahlen. In den kommenden Wochen veröffentlichen Unternehmen ihre Ergebnisse für das zweite Quartal – traditionell ein Ritual unternehmerischer Selbstentblößung.

Noch im April sah es nach einem miserablen Quartal aus: US-Präsident Donald Trump hatte gerade seinen Handelskrieg gestartet, die Aktienmärkte gerieten unter Druck, die Anleiherenditen stiegen. Höhere Kosten und nachlassendes Wachstum setzten den Unternehmen zu. Wer glaubt, sich in zu knappen Speedos nackt zu fühlen, sollte einmal auf einem Analysten-Call sinkende Gewinne erklären müssen.

Doch die Ernüchterung blieb überraschend aus. Trump ruderte vor dem Druck der Märkte zurück und setzte seine Zölle für 90 Tage aus. Auch die Anleihemärkte beruhigten sich. Der S&P 500 – Leitindex für große US-Unternehmen – hat seine Verluste nicht nur wettgemacht, sondern übertroffen. Zwar sanken laut Datenanbieter FactSet die Erwartungen für das Gewinnwachstum im zweiten Quartal von ursprünglich 9 auf 5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Dennoch werden viele CEOs in den kommenden Wochen mit Rekordgewinnen glänzen können.

Ein Unbehagen aber bleibt – mit Blick auf das, was folgt. Der Druck auf die Gewinnmargen wächst. Zwar hat Trump die Zollpause bis zum 1. August verlängert, doch seinen Handelspartnern bereits neue Abgaben in Aussicht gestellt. Am 8. Juli stieg der Kupferpreis in den USA um 13 Prozent, nachdem Trump einen Strafzoll von 50 Prozent auf das Metall angekündigt hatte. Wenige Tage zuvor hatte er einen Haushaltsentwurf unterzeichnet, der die US-Staatsschulden um bis zu 4,5 Billionen Dollar erhöhen dürfte – mit langfristigen Folgen für die Kreditkosten.

Amerikas Bosse bereiten den nächsten Kahlschlag vor

Importpreise und Schuldenkosten lassen sich nur begrenzt beeinflussen – der Arbeitsaufwand hingegen schon. Um Investoren zu beruhigen, setzen viele Unternehmen auf Personalabbau. Microsoft kündigte Anfang Juli die Entlassung von 9.000 Mitarbeitenden an – zusätzlich zu den 6.000 im Mai. Walmart bereitete seine Angestellten auf 1.500 Stellenstreichungen vor. Auch BlackRock, Citigroup, Disney und Procter & Gamble betrieben im Juni „Vereinfachung“ oder „strategische Neuausrichtung“ – gängige Umschreibungen für Entlassungen.

Laut der Outplacement-Firma Challenger, Gray & Christmas haben US-Unternehmen allein im ersten Halbjahr 2024 rund 439.000 Entlassungen angekündigt – mehr als im Vorjahreszeitraum. Der vielbeachtete Beschäftigungsbericht des Personalvermittlers ADP meldete Anfang Juli einen Nettoverlust von 33.000 Stellen im Juni – offiziell relativiert durch Neueinstellungen im öffentlichen Dienst und im Gesundheitswesen.

Doch das dürfte erst der Anfang sein. Denn neben Innovationskraft ist es geradezu ein Markenzeichen amerikanischer Unternehmen, ihre Belegschaften kompromisslos schlank zu halten – ein scharfer Kontrast zu den sozialpartnerschaftlich geprägten Modellen in Europa oder Japan.

Auf den ersten Blick erscheint die Entlassungsbereitschaft in den USA nicht gravierend höher als in Europa: Drei Viertel der Unternehmen im S&P 500 haben in den letzten zehn Jahren in mindestens einem Jahr Personal abgebaut – ebenso viele wie im europäischen STOXX-600-Index. In Europa schrumpfte die Gesamtbeschäftigung in neun der letzten 24 Jahre, in den USA sieben Mal. In beiden Regionen hat etwa ein Viertel der großen Unternehmen heute weniger Mitarbeitende als vor einem Jahrzehnt.

Der entscheidende Unterschied: Während Europas Unternehmen ebenfalls Personal abbauten, wuchsen US-Konzerne deutlich dynamischer. Die inflationsbereinigten Umsätze der S&P-500-Unternehmen stiegen von 2014 bis 2024 um über 20 Prozent. Im STOXX 600 dagegen schrumpften sie im selben Zeitraum um genau diesen Wert. Bei über der Hälfte der US-Großunternehmen wuchs der Umsatz schneller als die Belegschaft. In 27 Fällen stiegen die Einnahmen, obwohl die Beschäftigung sank. In Europa hingegen hinkte das Umsatzwachstum bei zwei Dritteln der Unternehmen hinter dem Beschäftigungszuwachs her.

Besonders ausgeprägt ist der Rationalisierungsdrang im Technologiesektor – dem dynamischsten Teil der US-Wirtschaft. Seit 2016 gingen die Umsätze der Tech-Konzerne im S&P 500 nur einmal zurück, ihre Belegschaften jedoch in vier Jahren. Meta beschäftigte Ende 2024 rund 12.000 Mitarbeitende weniger als auf dem Höhepunkt 2022. Der Pro-Kopf-Umsatz lag 2024 bei durchschnittlich 2,2 Millionen Dollar – gegenüber 1,4 Millionen drei Jahre zuvor. Im Januar kündigte CEO Mark Zuckerberg eine Performance-Rangliste an – die schwächsten fünf Prozent sollten gehen, während Meta sich zur KI-Firma wandelt.

„Computer sagt: Du bist gefeuert“

Fortschritte in der Künstlichen Intelligenz – insbesondere autonome KI-Agenten – geben CEOs nun ein noch schärferes Instrument an die Hand. Und die Unternehmenslenker zögern nicht: Im April erklärte Tobi Lütke von Shopify seinem Team, man müsse zunächst beweisen, dass ein Ziel nicht per KI erreichbar sei, bevor neue Ressourcen beantragt würden. Amazon-Chef Andy Jassy teilte seinen Angestellten im Juni mit, dass KI in den kommenden Jahren zu einem Rückgang der Büroarbeitsplätze führen werde.

Wenn der nächste Abschwung kommt – was früher oder später geschehen wird – dürften solche Aussagen zunehmen. Rezessionen bieten Unternehmen die willkommene Gelegenheit, Arbeitskräfte durch Technologie zu ersetzen. Und selbst wenn KI nicht immer effizienter ist: Sie liefert CEOs eine elegante Begründung für Entlassungen. Alles, um sich vor einer wahrhaft ungeschützten Ergebnispräsentation zu bewahren.

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Aus The Economist, übersetzt von der Markt & Mittelstand Redaktion, veröffentlicht unter Lizenz. Der Originalartikel in englischer Sprache ist zu finden unter www.economist.com

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