Freitag, 14.02.2014
Unternehmerin Sina Trinkwalder hat ihr Sortiment von Taschen auf Jeans und Unterwäsche erweitert.

S. Trinkwalder

Unternehmerin Sina Trinkwalder hat ihr Sortiment von Taschen auf Jeans und Unterwäsche erweitert.

Personal
Unternehmerin ökonomisch und gesellschaftlich erfolgreich

Schwarze Zahlen mit Langzeitarbeitslosen

Mit 2 Millionen Eigenkapital hat Unternehmerin Sina Trinkwalder, bekannt aus der RTL-Serie „Made in Germany“, ihr Social Business gestartet. Das Ziel: langzeitarbeitslose Frauen in Arbeit bringen.


Markt und Mittelstand:
Ein Unternehmen, das langzeitarbeitslose Frauen beschäftigt, das klingt nach einer gewagten Idee. Wie kamen Sie dazu?
Sina Trinkwalder: Ich war jahrelang in der Werbebranche tätig und ökonomisch sehr erfolgreich. Aber das hat mir nicht mehr gereicht. Ich wollte nicht nur ökonomisch, sondern gesellschaftlich erfolgreich sein. Da mein Mann und ich zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Millionen Euro erwirtschaftet hatten, konnten wir was Neues wagen.

MuM: Mit 2 Millionen Eigenkapital und einigen wenigen Mitarbeiterinn haben Sie vor drei Jahren mit der Produktion von Taschen für den Drogeriehandel gestartet. Wo stehen Sie heute?
Trinkwalder: Wir haben inzwischen 140 Mitarbeiterinnen, hauptsächlich Frauen, die zum größten Teil industriell Taschen fertigen. Es gibt aber auch Näherinnen mit besonderen Fähigkeiten, die entsprechend gefördert werden und andere Tätigkeiten ausüben. Außerdem haben wir unser Sortiment von Taschen auf Textilien ausgeweitet. Damit schreiben wir schwarze Zahlen, nach wie vor bekommen wir keine Fördermittel oder Kredite. Aber auf Rendite kommt es uns auch nicht an, wir wollen die Kosten decken können und weiterhin unabhängig sein, entscheidend ist uns der Mensch.

Atomphysikerin trifft auf Schulabrecherin

MuM: Was für Menschen beschäftigen Sie denn?
Trinkwalder: Wir haben zum Beispiel eine gelernte Atomphysikerin, deren Zeugnisse in Deutschland nicht anerkannt werden. Oder Monika, die hat Autorität, Empathie und Überblick. Sie könnte auch Topmanagerin bei Daimler sein, wenn ihr Leben nicht so bescheiden gelaufen wäre. Die geht durch die Halle und innerhalb von 10 Minuten hat sie den Durchblick und weiß, wo es hakt und wo etwas verbessert werden muss. Danach läuft wieder alles reibungslos. Und wir haben Frauen, die mit 14 schwanger geworden sind oder Frauen, die sich 20 Jahre um die Familie gekümmert haben. Irgendwann sind die Kinder aber erwachsen oder vielleicht geht die Beziehung in die Brüche, wer nimmt diese Frauen auf dem Arbeitsmarkt? Andere sehen hier mehr als nur einen Grund, sie nicht anzustellen.

MuM: In welchem Arbeitsverhältnis stehen ihre Mitarbeiterinnen?
Trinkwalder: Sie stehen in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis, jeder bekommt den gleichen Lohn, das haben wir zu Anfang demokratisch so entschieden und das gilt auch für mein Gehalt. 10 Euro pro Stunde beträgt der Lohn, und jeder darf in seinem eigenen Tempo arbeiten. Aber damit es nicht heißt, „die tut gar nichts, ich acker mir einen Wolf ab“ brauchen wir klare Regeln. Wenn jemand weniger als vereinbart schafft, nehmen wir nichts weg, aber bei mehr gibt es Boni. Und die Ladies müssen auch vorher genau festlegen, wie oft und wann sie arbeiten. Wir müssen ja auch immer planen können, wann welche Maschinen frei sind.

Kaum Mitarbeiter-Fluktuation

MuM: Sie fordern Disziplin von Schulabbrecherinnen ein. Wie hoch ist denn die Fluktuation bei den Mitarbeiterinnen?
Trinkwalder: In den letzten 3 Jahren haben nur fünf das Unternehmen wieder verlassen. Dem gegenüber bekommen wir täglich 70-80 Bewerbungen und haben eine Personalerin, die das alles betreut. Natürlich sind darunter Leute, die nicht einsetzbar sind und das Auswählen ist keine einfache Sache. Aber Rekrutierungsprobleme haben wir beileibe nicht.

MuM: Sie schreiben schwarze Zahlen, erwirtschaften aber keinen großen Gewinn und können entsprechend auch keine großen Rücklagen bilden. Das Prinzip funktioniert aber nur solange, wie es auch verlässliche Kunden gibt?
Trinkwalder: Das definitiv. Wir haben in den drei Jahren fast 10 Millionen Taschen für die Drogeriekette dm gefertigt und mussten dafür wöchentlich 10-12 Leute anstellen, um den Bedarf abdecken zu können. Wir wissen, dass wir uns auf dm verlassen können. Ähnlich verhält es sich mit der Einzelhandelskette Edeka, die führen auch unsere Taschen. Aber vor allem haben wir unser Sortiment um Textilien erweitert. Bei Real [Einzelhandelskette] wollen wir es jetzt mit Jeans und Unterwäsche versuchen, und wenn das nicht funktioniert, dann versuchen wir es mit etwas anderem. Auch unseren Kunden geht es nicht nur um den kurzfristigen Profit, sondern darum, dass man Menschen in Lohn und Brot bringt und dort behält.

MuM: Frau Trinkwalder, vielen Dank für das Gespräch.