Mittwoch, 29.08.2018

Foto: uzenzen/Thinkstock/Getty Images

Stop! Streiten sich zwei, freut sich der Mediator: Zusammen mit beiden Konfliktparteien kann er Lösungen erarbeiten, von denen beide Seiten profitieren.

Personal
Lösung statt Kompromiss

So lassen sich mit Mediation Konflikte in Unternehmen lösen

Überall, wo Menschen zusammen arbeiten, können Konflikte entstehen. Das kostet nicht nur Nerven, sondern auch viel Geld. Eine Möglichkeit, Konflikte zu lösen, ist die Mediation. Expertin Brigitte Santo erklärt das Konzept im Interview.

Frau Santo, zwischen welchen Personen oder Ebenen kracht es in mittelständischen Unternehmen eigentlich am häufigsten?
Das kann man so pauschal nicht beantworten. Grundsätzlich gibt es kein konfliktfreies Arbeiten. Egal, ob mittelständisches Unternehmen oder Konzern – es treffen immer verschiedene Interessen und Bedürfnisse aufeinander, die ausbalanciert werden müssen. Derzeit ist die Gefahr, dass Konflikte entstehen, allerdings besonders hoch.

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Woran liegt das?
Starke Auslöser für Konflikte in Unternehmen sind Veränderungen von Prozessen und Strukturen, denn alles, was neu ist, verursacht Reibungen. Das kann man schon im Kleinen sehen, wenn beispielsweise ein neues ERP-System eingeführt wird, aber es gilt erst recht für große Veränderungen. Und derzeit befinden sich die Unternehmen mitten in der digitalen Transformation, die alles Bisherige auf den Kopf stellt.

Foto: Brigitte Santo

Brigitte Santo ist ausgebildete und zertifizierte Wirtschaftsmediatorin (IHK).

Wie kann die Mediation einen solchen Prozess begleiten?
Eine Mediation kann keine Auseinandersetzungen verhindern, aber sie kann zumindest leichte und mittelschwere Konflikte lösen und ein besseres Verständnis und mehr Kooperation herstellen.

Streiten sich zwei Menschen, suchen diese jede Möglichkeit, den anderen in einem schlechten Licht dastehen zu lassen. Wie bringt man die Streithähne denn an einen Tisch?
Vor allem müssen die Betroffenen ein Interesse daran haben, eine Lösung für ihren Streit zu finden. Die Aufgabe des Mediators ist es dann, die Konfliktpartner von ihren starken Positionen zu lösen und herauszufinden, warum sie so reagieren, das heißt, welches wirkliche Interesse und Ziel hinter ihren Emotionen liegt. Gegenseitiges Verständnis bietet gute Chancen für eine Einigung.

Was ist das Ziel einer Mediation?

Viele denken, es geht darum, einen Kompromiss zu finden, aber dem ist nicht so. Das Ziel ist, eine Lösung zu finden, bei der es keine Verlierer gibt.

Wie soll das funktionieren? Haben Sie ein Beispiel?

In einem Fall hatte ein mittelständisches Unternehmen mit einem Geschäftspartner einen Patentnutzungsstreit. Der Konflikt war schon stark eskaliert, und es bestand die Gefahr, dass die gesamte Produktentwicklung eingestampft wird – dann hätten beide Parteien verloren. In der Mediation haben wir dann die jeweiligen Interessen geklärt und einen neuen Vertrag aufgesetzt, der beide Standpunkte berücksichtigt hat – das war nur mit einer neutralen dritten Person möglich.

Das hört sich ein bisschen an nach: Wir fassen uns jetzt alle an den Händen und haben uns wieder lieb.
Liebhaben ist gar nicht so schlecht, aber es geht ja um viel mehr. Konflikte bringen selbst eine starke Dynamik mit sich, zum Beispiel wenn ein Streit ganze Teams oder sogar ein Unternehmen blockiert. Der Mediator ist sozusagen ein Dolmetscher, der versucht, im Konflikt zu übersetzen und zu vermitteln. Oft geht es um Missverständnisse oder verletzte Befindlichkeiten. Letztendlich können Firmen mit einer guten Konfliktkultur aber vor allem Geld sparen.

„Eine Führungskraft verbringt 30 bis 50 Prozent der wöchentlichen Arbeitszeit direkt oder indirekt mit Konflikten.“

Wie groß sind die wirtschaftlichen Belastungen durch Konflikte?
Genaue Zahlen zu den volkswirtschaftlichen Schäden gibt es nicht. Aber die Wirtschaftsprüfergesellschaft KMPG hat errechnet, dass rund ein Viertel des Umsatzes von der Kommunikation abhängt. Des Weiteren sagt die Studie, dass eine Führungskraft 30 bis 50 Prozent der wöchentlichen Arbeitszeit direkt oder indirekt mit Konflikten verbringt. Das Potential für Verbesserungen ist also riesig.

Wie sieht die Lage im Mittelstand aus?

Dort gibt es noch viel zu tun. In vielen Konzernen gibt es schon ein Konfliktmanagement. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass bei Kaufverträgen die Mediation im Falle eines Streits festgeschrieben wird. Die oft noch patriarchalischen Strukturen und fehlenden Ressourcen im Mittelstand erschweren hingegen eher eine offensive Konfliktkultur. Vor allem in Familienunternehmen gibt es eine unheimlich große Konfliktscheu. Dort werden Konflikte häufig durch die Interaktion von Unternehmen und Familie verstärkt und gern verdrängt, aber das funktioniert nicht auf Dauer.

Was unterscheidet Mediation und Schiedsverfahren?

Der Mediator ist neutral und macht keine Vorschläge in der Streitsache selbst – die kommen von den Beteiligten. Damit haben beide Seiten große Gestaltungsfreiräume. Beim Schiedsverfahren steht am Ende ein Schiedsspruch durch einen Schiedsrichter, der nur sehr eingeschränkt anfechtbar ist.

 

Wie teuer ist eine Mediation?
Das kommt drauf an, wie viele Sitzungen notwendig sind, um eine Lösung zu finden. Das wiederum hängt von der Art des Konfliktes und der Einigungsbereitschaft der Betroffenen ab. Aber eine Einigung kann recht schnell zustandekommen, und es ist nicht notwendig, auf gerichtliche Instanzen und Fristen zu warten. Dadurch ist eine Mediation vergleichsweise billig – und darüber hinaus sehr diskret.

Wie stehen die Erfolgschancen, einen Konflikt zu lösen?
Die sind besser als bei allen anderen Konfliktlösungsmethoden: In rund 80 Prozent der Fälle kann eine einvernehmliche Lösung gefunden werden. Ein weiterer Vorteil ist auch noch, dass bei einer Mediation die Verjährungsfrist in der Streitsache ausgesetzt wird.

Info

Zur Person

 

Brigitte Santo ist ausgebildete und zertifizierte Wirtschaftsmediatorin (IHK) und berät mittelständische Unternehmen. Zuvor war die Wirtschaftsingenieurin fast 20 Jahre lang als Führungskraft im familieneigenen Unternehmen tätig.