Dienstag, 07.01.2014
Personal
Unternehmer müssen mehr wagen

Teambuilding: „Ein Team ist kein Kuschelzoo“

Teamarbeit gehört in Betrieben zum Alltag. Bei der Zusammensetzung der Teams machen Unternehmer jedoch oft einen grundlegenden Fehler: Sie wagen zu wenig. Worauf Arbeitgeber achten sollten.

Möglichst harmonisch sollte es sein, das perfekte Team – diese Einstellung haben laut Ulrich Kern, langjähriger Mittelständler sowie Dozent für Design und Projektmanagement an der Fachhochschule Südwestfalen, viele Unternehmer. Kern hält von zu viel Harmonie im Team nichts. Sie kann das Ergebnis einer Teamarbeit sogar verschlechtern, sagte er. Besser sei es, wenn unterschiedliche Charaktere in einem Team aufeinanderträfen und es auch schon mal zu Reibereien komme. Doch nicht nur die Mitarbeiter entscheiden über das Projektergebnis. Auch die Rolle, die der Arbeitgeber einnimmt, hat eine entscheidende Bedeutung, erklärte Kern.

Ulrich Kern ist ehemaliger mittelständischer Unternehmer und doziert an der Fachhochschule Südwestfalen in Design und Projektmanagement

Ulrich Kern ist ehemaliger mittelständischer Unternehmer und doziert an der Fachhochschule Südwestfalen in Design und Projektmanagement.

Markt und Mittelstand: Was macht ein gutes Team aus, Herr Kern?

Ulrich Kern: Ein gutes Team ist ein erfolgreiches Team. Es hat ein gemeinsames Ziel vor Augen, für das es sich einsetzt. Gewinner der erfolgreichen Projektarbeit ist die Gruppe. Dabei wird die Leistung jedes einzelnen anerkannt. Wichtig für den Erfolg ist: Ein Team ist kein Kuschelzoo. In einem guten Team muss man sich auch mal reiben und unterschiedlicher Meinung sein.

MuM: Welche Charaktere braucht ein erfolgreiches Team?

Kern: Sie brauchen immer einen ‚Spinner‘. Sie brauchen einen, ‚der über das Ziel hinausschießt‘. Dazu kommt der ‚Wasserträger‘. Das ist derjenige, der sehr bodenständig ist und Termine und Budgets im Auge behält. Dann fehlt noch der ‚Techniker‘, der sehr praktisch denkt. Und Sie brauchen einen ‚Diplomaten‘. Er ist auf Harmonie ausgerichtet und hält das Team zusammen.

Teambuilding: Keine zu großen Teams

MuM: Welche Rolle spielt die Teamgröße?

Kern: Das kommt auf die Aufgabe an. Allgemein sind es acht Mitglieder, plus/minus zwei. Zu kleine Teams sind zu kompromissbesorgt und zu große Teams sind unübersichtlich. Denn je größer die Teams, desto größer sind die Anforderungen an das Projektmanagement und das ergibt eine Verwaltung, die ziemlich nervtötend ist und den Fortschritt der Teamarbeit eher hemmt als voranbringt.

MuM: Spielt das Alter der Mitarbeiter beim Teambuilding eine Rolle?

Kern: Eigentlich nicht. Altersweisheit ist zwar gut, aber Sie brauchen immer auch Junge, die ihre Hörner abstoßen wollen. Sie sind diejenigen, die frische Ideen in die Teamarbeit bringen, die rebellisch sind und Diskussionen anleiern. Auch beim Teambuilding gilt: Die richtige Mischung machts – das gilt auch für die Verteilung von Männern und Frauen.

MuM: Was läuft beim Teambuilding häufig falsch?

Kern: Oft wollen Unternehmer die Teams zu harmonisch gestalten. Das bringt aber nichts. Reibereien gehören dazu. Arbeitgeber müssen bei der Zusammensetzung der Teams Risiken eingehen und auch mal Fehler machen. Entscheidend für die Projektarbeit ist, dass die Mitarbeiter nicht ‚9 to 5‘ denken. Das gemeinsame Problem muss sie 24 Stunden beschäftigen. Das bedeutet nicht, dass sie zu jeder Zeit zusammensitzen und Probleme lösen müssen, sondern dass sie einen so starken Teamgeist aufbauen, dass sie das gemeinsame Projektziel immer im Hinterkopf behalten. Ein Team ist keine Arbeitsgruppe, die mal zusammentrifft und dann wieder auseinandergeht, die Probleme mal bespricht und mal vertagt. Teammitglieder müssen Verantwortung übernehmen wollen.

Arbeitgeber muss Trainer sein

MuM: Welche Rolle hat der Arbeitgeber während der Projektarbeit?

Kern: Der Arbeitgeber muss ein guter Trainer sein. Er muss ein Motivator sein, der falls nötig auch mal kritisieren kann. Dazu gehört auch, dass er es aushalten muss, für gewisse Zeit ein Feindbild für die Mitarbeiter zu sein, an dem sie sich reiben können. Mein Beispiel für einen perfekten Coach: Der Trainer vom Fußballclub Borussia Dortmund, Jürgen Klopp.

MuM: Wie definieren Sie Teamgeist?

Kern: Das vergleiche ich gerne mit den Interviews nach Fußballspielen. Das Tor eines einzelnen Fußballers spielt erst einmal keine Rolle. Wichtig ist, dass die Mannschaft zusammen gewinnt. Dieses Verständnis lässt sich auf jedes Team übertragen. Die Leistung eines einzelnen muss sich auf das ganze Team übertragen. Erst dann kann man von Siegerteams sprechen. Laufen sie nur nebeneinander her, ist das keine Mannschaft.

MuM: Welchen Beitrag kann der Arbeitgeber zur Entstehung des Wir-Gefühls im Team leisten?

Kern: Der Unternehmer muss die Spielregeln setzen. Die lauten: Wir sind ein Team. Die Teamleistung zählt. Diese Einstellung muss er vorleben. Ich kann nicht als jemand der 130 Kilogramm wiegt, predigen, dass die Mitarbeiter gesund leben sollen.

Team nicht länger als ein Jahr zusammenlassen

MuM: Wie verhält sich ein Arbeitgeber im Unternehmensalltag richtig?

Kern: Ein Arbeitgeber kann mit ins Team gehen. Er kann seine Mitarbeiter kooperativ und partizipativ führen anstatt nach Gutsherrenart. Das bedeutet, dass er sich nicht verhalten sollte wie der Solist, der sagt ‚ich bin das Maß aller Dinge – nach mir kommt erst einmal gar nichts und dann kommen die Mitarbeiter‘. Das ist absolut tödlich für den Erfolg eines Unternehmens.

MuM: Nach welcher Zeit sollten die Teams im Unternehmen neu gemischt werden?

Kern: Ich denke, dass ein Team nicht länger als ein Jahr zusammenarbeiten sollte – zumindest braucht es eine Regenerationsphase.

MuM: In welchen Branchen läuft die Teamarbeit gut und wo gibt es Ihrer Meinung nach Nachholbedarf?

Kern: In der Kreativbranche läuft es meiner Meinung nach gut. Mitarbeiter sind die Teamarbeit meist gewohnt und wissen, dass sie Erfolg nur gemeinsam erzielen können. Anders ist das in der öffentlichen Hand. Dort ist das alleinige Streben nach Erfolg noch sehr ausgeprägt. Da müssen Arbeitgeber und Angestellte noch deutlich umdenken.