Zwischen Archiv und Verantwortung: Warum Firmen ihre NS-Geschichte offenlegen sollten
| Michael C. Schneider | Lesezeit: 5 Min.
Warum deutsche Unternehmen ihre NS-Vergangenheit lange verdrängten – und weshalb offene historische Aufarbeitung wichtig ist.
von Michael C. Schneider
Unternehmen interessieren sich seit langem für ihre eigene Geschichte. Der Rückblick dient der Rechtssicherung, aber auch der Selbstvergewisserung, und kann bei der Ausbildung einer Corporate Identity helfen. Dass allerdings unabhängige Historiker die Geschichte eines Unternehmens erforschen und die Ergebnisse in wissenschaftlichen Arbeiten ohne Einflussnahme des jeweiligen Unternehmens publizieren könnten, war für die meisten Chefs und Eigentümer lange abwegig. Weil ihre schriftlichen Unterlagen als Privateigentum nicht den Archivgesetzen des Bundes und der Länder unterlagen und unterliegen, konnten die Unternehmen frei entscheiden, wer Zugang erhielt und wer nicht. Und auch, was ein Unternehmen nach Ablauf gesetzlicher Aufbewahrungsfristen mit seinen Unterlagen anstellt, ist ihm überlassen.
Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass sich deutsche Unternehmen in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik durchweg weigerten, ihr Verhalten in der NS-Zeit durch unabhängige Historiker untersuchen zu lassen. Weil sich viele Firmen an der Enteignung jüdischen Besitzes oder an der Aufrüstung beteiligt hatten, während des Krieges in die besetzten Gebiete expandierten oder von der Arbeitsleistung von Millionen Zwangsarbeitern profitierten, fürchteten die Firmenleitungen Rufschädigung.
Diese Haltung änderte sich erst seit dem Ende der 1980er-Jahre, und dies aus mehreren Gründen: Eine wichtige Rolle spielte wohl der Generationswechsel in den Führungsetagen vieler Unternehmen. Leitende Personen, die noch in der NS-Zeit Verantwortung getragen hatten, schieden allmählich aus. Hinzu kam Mitte der 1990er-Jahre ein neues öffentliches Interesse an der Ausbeutung von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern durch so gut wie alle Unternehmen, die während des Krieges produzierten. Ein Interesse, das auch in Sammelklagen in den USA mündete und schließlich zur Gründung der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ führte. Sie war damals für die Abwicklung von Entschädigungszahlungen an die noch lebenden osteuropäischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter zuständig.
In diesem Kontext setzte ein Geschichtsboom ein, in dem viele Unternehmen Untersuchungen zu ihrer NS-Vergangenheit in Auftrag gaben und den beauftragten Historikerkommissionen zumeist auch freie Hand bei Forschung und Interpretation ließen. Inzwischen liegen viele Studien vor, die gerade für größere Unternehmen deren Handlungsspielräume in der NS-Zeit ausloten. Von einem in den 1950er-Jahren noch gerne propagierten Bild, die Unternehmen hätten auf allen Gebieten der Mittäterschaft den Zwängen der totalitären Diktatur gehorchen müssen, kann heute keine Rede mehr sein. Die Handlungsspielräume waren beträchtlich: Kein Unternehmen musste Konkurrenten in den besetzten Gebieten kaufen, und auch die Beschäftigung ausländischer Zwangsarbeiter konnte unterschiedlich gestaltet werden. Die Zwangsarbeiter konnten etwa mit ausreichender Ernährung versorgt werden oder auch nicht, die Bestrafung von vermeintlichen Vergehen konnte brutaler oder weniger brutal ausfallen.
Auch wenn heute für viele große Unternehmen Untersuchungen vorliegen, gibt es doch einige Leerstellen der historischen Aufarbeitung. Gerade kleinere Familienunternehmen scheuen oft weiterhin die nähere Untersuchung ihrer Rolle in der NS-Zeit. Dabei hat die Fülle an Studien zu größeren Unternehmen gezeigt, dass eine transparente wissenschaftliche Beschäftigung mit der eigenen Unternehmensgeschichte gerade nicht rufschädigend wirkt – eher im Gegenteil: Sie ist ein klares Zeichen für verantwortliches Handeln.
Es wäre viel erreicht, wenn Aktenbestände gerade kleinerer Firmen nicht vernichtet, sondern den gemeinnützigen regionalen Wirtschaftsarchiven übergeben würden. Diese Unterlagen sind auch Kulturgüter, die einen Erfahrungsschatz zur Orientierung in der heutigen Welt bieten.
Vereinigung der Wirtschaftsarchivarinnen und Wirtschaftsarchivare e.V. (VdW)
Der Autor
Michael C. Schneider, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (2013–2018). Publikationen zu Unternehmen in der NS-Zeit sowie zur Geschichte des preußischen statistischen Bureaus zwischen 1860 und 1914.
Die Fakten in Kürze
-
Zweck der Unternehmensgeschichte: Rechtssicherung, Selbstvergewisserung, Stärkung der Corporate Identity
-
Archivlage: Unternehmensunterlagen sind Privateigentum und unterliegen nicht den staatlichen Archivgesetzen
-
Frühe Ablehnung: In den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik verweigerten Unternehmen unabhängige Forschungen zur NS-Zeit
-
Grund der Verweigerung: Angst vor Rufschädigung wegen Enteignungen, Aufrüstung, Expansion und Einsatz von Zwangsarbeit
-
Wandel seit den 1980er-Jahren: Generationswechsel in den Führungsetagen und wachsendes öffentliches Interesse
-
1990er-Jahre: Sammelklagen in den USA und Gründung der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“
-
Geschichtsboom: Viele Unternehmen beauftragten Historikerkommissionen mit freier Forschung
-
Zentrale Erkenntnis: Unternehmen hatten in der NS-Zeit größere Handlungsspielräume als lange behauptet
-
Forschungsdefizite: Besonders kleine und mittlere Familienunternehmen sind oft noch nicht aufgearbeitet
-
Mehrwert von Transparenz: Wissenschaftliche Aufarbeitung wirkt nicht rufschädigend, sondern verantwortungsvoll
-
Empfehlung: Übergabe von Firmenakten an regionale Wirtschaftsarchive statt Vernichtung
-
Einordnung: Wirtschaftsarchive bewahren Kulturgüter und bieten Orientierung für Gegenwart und Zukunft
Bleiben Sie auf dem Laufenden, abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter und erhalten Sie immer die neuesten Nachrichten und Analysen direkt in Ihren Posteingang.