Donnerstag, 09.08.2018

Foto: Wavebreakmedia/ Thinkstock/ Getty Images

Trotz Arbeit: Flüchtlinge ohne Asylberechtigung müssen Deutschland wieder verlassen.

Personal
Initiative in Baden-Württemberg

Unternehmerin fordert Bleiberecht für Flüchtlinge in Arbeit

Zahlreiche Flüchtlinge haben mittlerweile einen Arbeits- oder einen Ausbildungsplatz gefunden. Die Unternehmen freuen sich über die zusätzlichen Arbeitskräfte. Doch die Zukunft mancher Geflüchteter ist ungewiss. Daher setzen sich Chefs wie Evamaria Boll für ein Bleiberecht ein.

Geschockt und überrascht war Evamaria Boll, als sie im Februar erfuhr, dass einer ihrer Monteure abgeschoben werden soll. Seit 2015 beschäftigt der mittelständische Messtechnikhersteller B+B Thermo-Technik aus Donaueschingen den Mann aus Gambia neben zwei seiner Landsleute als Montagehelfer. „Die drohende Abschiebung tut mir im Herzen weh. Er hat sich integriert und leistet gute Arbeit“, sagt die Geschäftsführerin. Dennoch soll der Afrikaner das Land verlassen.

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Der Anteil der Gambier, die einen Anspruch auf Asyl haben, ist gering. Seit dem Sturz des Diktators Yahya Jammeh im vergangenem Jahr hat sich nach Meinung der deutschen Behörden die Lage in dem westafrikanischen Land stabilisiert, auch wenn Menschenrechtler anderer Meinung sind.

Unverständnis über Abschiebung

Auch der Asylantrag des B+B-Mitarbeiters wurde abgelehnt. Einfach abschieben können die Behörden den Mann wohl dennoch nicht, da er bei seiner Flucht nach Deutschland seine Ausweispapiere zerstört hat. Er solle nun bei der Identifikation mithelfen, damit er neue Papier erhält. Weigert er sich, könnte er laut Boll seine Arbeitserlaubnis verlieren. Die Ausländerbehörde in Donaueschingen äußerte sich gegenüber Markt und Mittelstand auch auf mehrfache Nachfrage nicht.  

Die Entscheidung der Behörde stört Firmenchefin Boll nicht nur aus menschlicher, sondern auch aus wirtschaftlicher Sicht. „Für ein Unternehmen im ländlichen Raum wie uns ist es schwierig, genügend Monteure zu finden“, sagt sie. „Daher verstehe ich nicht, dass er uns wieder verlassen soll. Er zahlt schließlich auch in die Sozial- und Rentenversicherung ein.“ 

Unternehmer schließen sich zusammen

Mit ihren Problemen ist Boll nicht allein. B+B Thermo-Technik hat sich mit etwa 80 Unternehmen aus Baden-Württemberg zur Initiative „Bleiberecht für Geflüchtete mit einem festen Arbeits- oder Ausbildungsplatz“ zusammengeschlossen. 

Foto: B+B Thermo-Technik

Gut integriert: Bei B+B Thermo-Technik arbeiten drei Flüchtlinge aus Gambia.

Die Gruppe hat sich in einem offenen Brief an den baden-württembergischen Innenminister Thomas Strobl (CDU) gewandt. In dem Schreiben heißt es: „Der Verlust der bereits integrierten und fest angestellten Geflüchteten als Arbeitskräfte ist für uns ein immenser wirtschaftlicher Schaden. Ihre Arbeitskraft ist nur mit sehr hohem personellen und finanziellen Aufwand oder teilweise gar nicht zu ersetzen. In vielen Fällen werden wir weniger produzieren, Aufträge nicht bedienen können sowie Umsatz, Reputation und Kunden verlieren.“

 

Daher fordern die Unternehmen eine Bleibeperspektive für Flüchtlinge in Arbeit und die Einführung eines Einwanderungsgesetzes. Bis zur Verabschiedung des Gesetzes sollen alle Flüchtlinge, die nach einem festzulegenden Stichtag nach Deutschland eingereist sind und Arbeit gefunden haben, geduldet werden.

Mehr Sicherheit gefordert

Obwohl Evamaria Boll mit der Arbeit all ihrer drei aus Gambia geflohenen Montagehelfer zufrieden ist, möchte sie vorerst keine weiteren Flüchtlinge einstellen, solange sich an der Gesetzeslage nichts ändert. „Das ist mir aktuell leider zu unsicher. Wir investieren viel in unsere neuen Angestellten“, sagt sie. „Sie müssen geschult und eingearbeitet werden. Das braucht seine Zeit.“

Für viele Unternehmer wie Boll wäre es daher eine Erleichterung, wenn sie wüssten, dass festangestellte oder sich in Ausbildung befindliche Flüchtlinge nicht abgeschoben werden dürften. Ob es dazu kommen wird, ist ungewiss. Im September steht das nächste Treffen zwischen Innenminister Strobl und der Unternehmerinitiative an. Eines steht jedoch schon jetzt fest: Immer mehr Unternehmer aus anderen Bundesländern unterstützen die Forderungen.

Info

Auch der Karrosseriebetrieb Weissenfels hat vier Flüchtlinge eingestellt. Was das mittelständische Unternehmen in Asbach dabei erlebt hat, haben wir im vergangenen Jahr aufgeschrieben. Weitere Artikel zum Thema Flüchtlinge finden Sie in unserem Dossier.