Beitrag teilen

Link in die Zwischenablage kopieren

Link kopieren
Suchfunktion schließen
Politik > Arbeitsmarkt

Azubi gesucht: Deutschlands Industrie findet zu wenige Bewerber trotz hoher Übernahmequoten

| Anja Georgia Graw-Bärwalde | Lesezeit: 4 Min.

Demografie, Konjunktur und fehlende Bewerber als Ursachen für gesunkene Ausbildungszahlen, so die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Und zwar in ganz Deutschland.

Azubis in der Elektroindustrie Foto: Shutterstock
Ausbildung in der Elektroindustrie: Trotz hoher Investitionen der Betriebe in den Nachwuchs bleiben viele Stellen unbesetzt – mit direkten Folgen in Form von Fachkräftemangel. Foto: Shutterstock

 Von Anja Georgia Graw-Bärwalde

In der bayerischen Metall- und Elektroindustrie fehlt es nach ihrer aktuellen Frühjahrsumfrage an Auszubildenden. Aber das Problem betrifft ganz Deutschland.

Die Branche gilt traditionell als Rückgrat der industriellen Ausbildung in Deutschland. Doch die jüngste Erhebung der bayerischen Metall- und Elektro-Arbeitgeberverbände bayme vbm zur Ausbildungslage zeigt: Selbst dieses stabile System gerät unter Druck. Was sich im Freistaat abzeichnet, ist kein regionales Phänomen und auch nicht auf eine Branche beschränkt, sondern ein Menetekel für die Entwicklung in der gesamten Bundesrepublik. „Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in Deutschland und Bayern ist branchenübergreifend gesunken“, sagt Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer von bayme – Bayerischer Unternehmensverband Metall und Elektro e.V. und vbm – Verband der Bayerischen Metall- und Elektro-Industrie e.V. am Donnerstag auf einer Pressekonferenz in München.

Die bayerische Industrie als Frühindikator

Mehrere Faktoren treiben die Entwicklung: eine schwache Konjunktur, strukturelle Defizite und ein zunehmender Bewerbermangel. In der Metall- und Elektroindustrie ist die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im vergangenen Jahr um 10,9 Prozent zurückgegangen, für 2026 wird ein weiterer Rückgang um acht Prozent prognostiziert. Die vbw beschreibt, dass die Situation ohnehin "angespannt" sei – und betont, dass sich diese Lage zunehmend auf den Ausbildungsmarkt überträgt.

Ein kurzfristiger Einbruch ist das jedoch nicht. Vielmehr verweist die vbw darauf, dass insbesondere die schwache wirtschaftliche Entwicklung das Ausbildungsengagement der Unternehmen unmittelbar beeinflusst. So geben 39 Prozent der Betriebe an, dass Standortprobleme ihre Ausbildungsaktivitäten beeinträchtigen – mehr als doppelt so viele wie noch ein Jahr zuvor.

Hinzu kommt ein seit Langem bekanntes Problem: Es fehlt an geeigneten Bewerbern. Fast jedes zweite Unternehmen sieht in fehlenden passenden Kandidaten den Hauptgrund für sinkende Vertragszahlen, nahezu ebenso viele berichten von insgesamt zu wenigen Bewerbungen. Für die vbw bleibt deshalb klar: Das „Matching zwischen Unternehmen und Azubis“ ist weiterhin eine zentrale Herausforderung.

Dabei sind die Chancen für Jugendliche eigentlich gut. Rein statistisch kommen in Bayern derzeit etwa 1,5 Ausbildungsplätze auf einen Bewerber. Dennoch finden Angebot und Nachfrage nicht zusammen – ein strukturelles Problem, das weit über den Freistaat hinausreicht.

Gleichzeitig bleibt die Qualität der Ausbildung hoch. Die Übernahmequote liegt bei über 89 Prozent und könnte bis 2026 auf knapp 93 Prozent steigen. Auch die Vergütung entwickelt sich weiter positiv. Aus Sicht der vbw investieren die Unternehmen somit weiterhin gezielt in ihren Nachwuchs – trotz schwieriger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen.

Strukturelle Probleme in ganz Deutschland

Die Entwicklung in Bayern ist kein Einzelfall, sondern Ausdruck eines bundesweiten Trends. Auch in Deutschland insgesamt geht die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge leicht zurück. Besonders stark betroffen sind industrielle Schlüsselbranchen wie Metall und Elektro, die in hohem Maße von der Konjunktur abhängen.

Ein von Bertram Brossardt angesprochenes Problem betrifft zudem die Mobilität. Es sei schwierig, junge Menschen dafür zu gewinnen, täglich etwa vom Münchner Westen in den Osten zu pendeln. Mängel im öffentlichen Nahverkehr, unpünktliche Züge und hohe Spritpreise tragen zusätzlich dazu bei.

Mehrere Faktoren wirken zusammen

1. Demografischer Wandel
Die Auswirkungen sinkender Geburtenzahlen werden zunehmend spürbar: Weniger Schulabgänger kommen auf den Ausbildungsmarkt. Gleichzeitig entscheiden sich mehr junge Menschen für ein Studium anstelle einer dualen Ausbildung. Dadurch schrumpft der Kreis potenzieller Bewerber – insbesondere in technisch anspruchsvollen Berufen.

2. Passungsprobleme (Mismatch)
Wie bereits in Bayern zeigt sich auch bundesweit: Es mangelt meist nicht an Ausbildungsplätzen, sondern an geeigneten Bewerbern. Regionale Unterschiede, fehlende Qualifikationen und unzureichende Berufsorientierung verschärfen diese Diskrepanz zusätzlich.

3. Konjunkturelle Unsicherheit
Die anhaltend schwache wirtschaftliche Lage, zunehmende geopolitische Risiken sowie strukturelle Belastungen – etwa hohe Energiepreise oder die kostenintensive Umstellung auf Elektromobilität – führen dazu, dass Unternehmen vorsichtiger agieren. Während Ausbildung langfristig angelegt ist, wirken kurzfristige Unsicherheiten bremsend.

4. Transformation der Industrie
Die Metall- und Elektroindustrie befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Digitalisierung, Automatisierung und der Einsatz von Künstlicher Intelligenz verändern Berufsbilder grundlegend. In Bayern nutzt bereits mehr als ein Drittel der Unternehmen KI in der Ausbildung. Dieser Trend zeigt sich auch bundesweit und stellt neue Anforderungen an Qualifikationen und Ausbildungssysteme.

Warum sich die Herausforderungen verschieben

Trotz dieser Entwicklungen bleibt die duale Ausbildung ein zentraler Pfeiler der deutschen Wirtschaft. Die hohe Übernahmequote belegt: Wer eine Ausbildung erfolgreich abschließt, hat sehr gute Perspektiven – sowohl in Bayern als auch im übrigen Bundesgebiet.

Gleichzeitig verschiebt sich der Fokus der Herausforderungen. Weniger entscheidend ist die Frage nach der Anzahl der Ausbildungsplätze, sondern vielmehr, ob es gelingt, junge Menschen gezielt anzusprechen, zu qualifizieren und für industrielle Berufe zu gewinnen.

Die vbw unterstreicht daher, dass die Sicherung des Nachwuchses eine der „wichtigsten Zukunftsaufgaben“ darstellt – eine Einschätzung, die sich auf ganz Deutschland übertragen lässt.

Bayern als Spiegel Deutschlands

Die Lage in der bayerischen Metall- und Elektroindustrie geht über eine regionale Bestandsaufnahme hinaus. Sie verdeutlicht exemplarisch das Zusammenspiel von wirtschaftlicher Unsicherheit, demografischem Wandel und strukturellen Veränderungen.

Deutschland steht damit vor einer doppelten Herausforderung: Einerseits gilt es, die Attraktivität der dualen Ausbildung zu erhalten, andererseits muss die industrielle Transformation bewältigt werden. Gelingt beides nicht, droht ein schleichender Fachkräfteverlust in einer Schlüsselbranche für Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit.

Oder anders formuliert: Was sich heute in Bayern abzeichnet, könnte morgen bundesweit zur Regel werden. Brossardt richtet seinen Appell daher an die Politik in Berlin: Es brauche dringend mehr Planungssicherheit. „Wir brauchen einen Wirtschaftsumschwung mit echten Reformen. Gelingt dies, könnten auch die Ausbildungszahlen wieder steigen.“

Bleiben Sie auf dem Laufenden, abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter und erhalten Sie immer die neuesten Nachrichten und Analysen direkt in Ihren Posteingang.

Ähnliche Artikel