Freitag, 28.10.2022
Personal
Familienunternehmen

Verena Bahlsen geht und ein Profi kommt

Bei der Traditionsbäckerei aus Hannover zieht sich die umstrittene Firmenerbin weitgehend zurück. Ein neuer CEO, der nicht aus der Familie kommt, soll das Unternehmen wieder flott machen.

Firmenerbin Verena Bahlsen zieht sich weitgehend zurück

Bildnachweis: picture alliance – Monika Skolimowska

Deutschlands bekannteste Keksmarke, Bahlsen, bekommt einen neuen Chef: Nach zehn Monaten ohne CEO soll jetzt Alexander Kühnen, der zurzeit noch den Hamburger Feinkosthersteller Carl Kühne leitet, nach Hannover kommen und die Geschicke der Familienfirma leiten. Soweit die gute Nachricht.

Die eher schlechte dahinter lautet: Hier hat ein Familienunternehmen mal wieder ein neues Kapitel in eine qualvollen Nachfolgeprozess geschrieben, das nicht das letzte sein wird. Denn gleichzeitig mit der Benennung des neuen Chefs kommt es auch zu einem prominenten Abgang: Verena Bahlsen, Urenkelin des Gründers, verlässt das Haus, nachdem sie an sich als Chefin schon auserkoren war. „Wir können nicht ausschließen, dass wir uns streiten“, hatte sie in einem großen Markt- und Mittelstand-Interview vor gut einem Jahr gesagt und damit das Verhältnis zu ihren vier Geschwistern und insbesondere zu ihrem Vater Werner Michael Bahlsen beschrieben, der im Unternehmen noch immer patriarchengleich wirkt.

Eine richtig glückliche Hand hat er dabei nicht: Schon vor Corona hakte es. Die Geschäfte des deutschen Marktführers für Kuchen und Kekse kamen nicht vom Fleck. 2019 stieß Bahlsen Teile des wenig lukrativen Handelsmarkengeschäfts ab. Die Erlöse sanken 2020 laut Bundesanzeiger auf 532 Millionen Euro. Das operative Ergebnis der Gruppe lag bei minus 4,8 Millionen Euro.

Die Firmenerbin machte zusätzlich Ärger. Verena Bahlsen war 2019 mit Äußerungen über die Nazivergangenheit des Unternehmens und zum Thema Kapitalismus schwer unter Beschuss geraten. Bahlsen habe seine Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg „gut behandelt", hatte sie beispielsweise gesagt und sich anschließend entschuldigt. Operativ hatte sie sich vorgenommen, die Marke aufzufrischen, junge Kunden für Kekse zu begeistern und das Ganze gemeinsam mit dem ersten familienfremden CEO zu organisieren, den Bahlsen je gesehen hatte. Doch die Zusammenarbeit zwischen der quirligen Tochter und dem besonnenen CEO währte nur wenige Monate, dann war der Mann bei Bahlsen Geschichte.

Seitdem läuft es nicht so richtig rund. Die Energiekosten, die schon den Bäcker an der Straßenecke überfordern, belasten den Großbäcker Bahlsen gewaltig. Die große Konkurrenz schläft nicht von Mondelez bis Ferrero gibt es Druck auf den Hannoveraner Keksbäcker.  Und die Nachfolgefrage an der Spitze war in Wahrheit auch nicht gelöst: Werner Bahlsen mischte sich als Vorsitzender des Verwaltungsrats nach wie vor in alles ein, zwei seiner Söhne sitzen ebenfalls in dem Aufsichtsgremium. Er hatte einmal gesagt „sein Unternehmen sei „kein Spielfeld für Unternehmerkinder“. „Meine Geschwister, meine Familie und ich investieren viel in unsere Beziehung. Da wird oft auch kontrovers diskutiert. Bei den wichtigsten Dingen aber sind wir uns einig: Dieses Unternehmen muss bestehen und in Familienhand bleiben“, hatte Verena Bahlsen im Markt und Mittelstand-Interview darauf geantwortet.

Bernd Ziesemer, Kolumnist für das Wirtschaftsmagazin „Capital“ brachte die dahinterliegende Situation so auf den Punkt: Die beiden häufigsten Fehler, die in Familienunternehmen bei der Nachfolgefrage passierten, seien: Entweder sie machten ihren Sohn oder ihre Tochter zum Chef, obwohl denen das Rüstzeug dafür fehlte. Oder sie schafften eine besondere Spielwiese für den Nachwuchs, weil sie ihnen den Posten als CEO nicht zutrauten.

Werner Bahlsen machte seine Tochter zum „Chief Mission Officer“ und entscheid sich damit für Variante zwei, stellt Ziesemer fest. „Jeder familienfremde Manager, der noch bei Sinnen ist, dürfte diese merkwürdige Arbeitsteilung ablehnen.“ Und genau das hat Alexander Kühnen offenbar auch so gesehen. Mit Verena Bahlsen an Bord muss er jedenfalls jetzt nicht loslegen. Der 51-Jährige soll Bahlsen ohne die bisher dazu auserkorene Firmenerbin profitabel machen. Sanieren - das war auch seine Aufgabe beim Essig- und Feinkostspezialisten Carl Kühne. Ob er jetzt freie Bahn hat, hängt davon ab, wie weit ihn der 73järige Werner Michael Bahlsen als Verwaltungsratsvorsitzender gewähren lässt. Und wie weit sich Verena Bahlsen wirklich zurückzieht. Gesellschafterin immerhin bleibt sie noch.

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