Montag, 01.02.2016
Stahlcoils: Gerade in der Metallindustrie können sich Flüchtlinge schnell einarbeiten.

mady70/Thinkstock/Getty Images

Stahlcoils: Gerade in der Metallindustrie können sich Flüchtlinge schnell einarbeiten.

Personal
Für diese Unternehmen hat es sich gelohnt

Warum Mittelständler Flüchtlinge einstellen

85 Prozent der Mittelständler würden Flüchtlingen einen Job in ihrem Betrieb geben. Was sie antreibt, welche Erfahrungen mittelständische Unternehmer mit Flüchtlingen gemacht haben und wie Firmenchefs rechtssicher handeln können.

Fachkräftemangel und Fachkräfteengpässe bereiten gerade Mittelständlern in ländlichen Regionen große Sorgen. Doch entgegen einiger Trends in der Gesellschaft wollen viele von ihnen den Flüchtlings-Zustrom für sich nutzen. Denn 55 Prozent rechnen damit, dass die Flüchtlinge dazu beitragen werden, den Fachkräftemangel zu lindern. 85 Prozent würden sogar Flüchtlinge im eigenen Betrieb einstellen, 49 davon gar ohne Vorbehalt. Das sind Ergebnisse des Mittelstandsbarometers der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young, für das 3.000 mittelständische Unternehmen in Deutschland befragt wurden. Erste Mittelständler machen vor, wie es gelingen kann.

Stahlbauunternehmen stellte bereits 2012 Flüchtlinge ein

Thomas Wurst, der mit seinen zwei Brüdern das Familienunternehmen Wurst Stahlbau führt, erinnert sich. 2012 stand der Flüchtling Victor Ohuh aus Nigeria vor dem Unternehmenstor, er hatte sich einen Termin geben lassen und wollte sich um einen Arbeitsplatz bewerben. „Seine Art und sein Wille haben uns allen imponiert“, sagt Wurst. Erste Erfahrungen in der Arbeit mit Metall hatte Ohuh bereits, aber er brauchte noch eine Sprachausbildung und eine Weiterqualifizierung.

Das Unternehmen erhielt Unterstützung von der kommunalen Arbeitsvermittlung des Landkreises Osnabrück. „Den Wettbewerb um Fachkräfte und Azubis können Unternehmen nur gewinnen, wenn sie Neuen und Neuem gegenüber offen sind“, erklärt Wurst.

Angst: „Sie könnten abgeschoben werden“

Gemeinsam entschieden sich Wurst und Ohuh zunächst für ein Praktikum, darauf folgte eine befristete Stelle mit einer abschließenden Qualifikation, nun hat Ohuh eine unbefristete Vollzeitstelle. „Er hat sich reingekniet, ist hochmotiviert und bringt eine andere Perspektive mit, die sehr bereichernd ist“, betont Wurst.

Doch kennt er auch die Angst vieler Unternehmer, die diesen Schritt nicht gehen wollen, weil sie befürchten, dass die Flüchtlinge wieder abgeschoben werden könnten und damit die teure Einarbeitung umsonst war. Das Argument lässt er jedoch nicht gelten: „Das kann einem Unternehmen immer passieren, selbst mit einem, der in sein eigenes Bundesland innerhalb Deutschlands zurückwill.“

Wirtschaftliche Aspekte zählen

Die Chance, Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren, um daraus einen Nutzen für das Unternehmen zu ziehen, hat auch Stefan Behrens erkannt. Der Geschäftsführer des Handwerksbetriebs Seidlereisen braucht Arbeitskräfte vor allem für die Sonderanfertigung von Rinnenhaltern, Rohrschellen und Bauklempner-Profilen nach Maß. Viele Schritte innerhalb einer solchen Fertigung können einfach erlernt werden. „Für solche Tätigkeiten brauchen sie keine Zeugnisse, sondern Menschen, die das machen können und wollen“, hebt Behrens hervor. Daher gibt er Flüchtlingen Arbeit und hat weniger Kosten für Stellen, die von ungelernten Arbeitskräften ausgeführt werden können – ein gewichtiger Punkt für einen kleinen Betrieb.

Er arbeitet mit Arrivo Berlin zusammen, ein Projekt, das ihm Arbeitskräfte vermittelt. Da geht es um eine Ausbildungs- und Berufsinitiative zur Integration von Flüchtlingen in den Berliner Arbeitsmarkt. Ziel von Arrivo ist es, zwei Schwächen auf einmal zu lindern: zum einen etwas gegen den Fachkräftemangel und die hohe Zahl unbesetzter Lehrstellen in Berliner Betrieben zu tun, zum anderen geflüchteten Menschen einen beruflichen Anschluss in Deutschland zu geben.

Behrens und Wurst raten Mittelständlern, sich an unterstützende Stellen wie Arrivo in Berlin oder Maßarbeit  in Osnabrück zu wenden, weil die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Beschäftigung von Flüchtlingen sehr komplex sind. Tobias Klaus arbeitet bei der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl, die sich für die Rechte verfolgter Menschen in Deutschland und Europa einsetzt. Er kennt die Schwierigkeiten für Unternehmer nur zu gut aus seiner Arbeit und erklärt, worauf Unternehmen achten müssen, wenn sie Flüchtlinge einstellen wollen.

Info

Hürden beim Einstellen von Flüchtlingen

 

  • Arbeitserlaubnis


Um eine betriebliche Ausbildung oder eine Arbeit aufnehmen zu dürfen, ist eine Beschäftigungserlaubnis notwendig; das gilt auch für betriebliche Praktika. Ob eine Beschäftigungserlaubnis erteilt wird, hängt von dem jeweiligen Status ab. Flüchtlinge mit einer Aufenthaltserlaubnis erhalten eine uneingeschränkte Beschäftigungserlaubnis – sie können jede Stelle annehmen. Flüchtlinge im Asylverfahren oder mit einer Duldung erhalten eine volle Beschäftigungserlaubnis nach 15 Monaten. Zuvor gilt ein nachrangiger Zugang, das heißt, sie müssen ein Verfahren  durchlaufen, bei dem unter anderem geprüft wird, ob ein bevorrechtigter Arbeitnehmer wie zum Beispiel ein Deutscher oder ein EU-Ausländer für den Job in Frage kommt. Bei Ausbildungen findet keine Vorrangprüfung  statt.

  • Sprache


Der Bund bietet zwar Integrationskurse an, in denen der Spracherwerb inbegriffen ist, doch Zugang dazu hat erst, wem eine Aufenthaltserlaubnis erteilt wurde. Wer noch das Asylverfahren durchläuft oder nur in Deutschland geduldet ist, ist aus diesem dem wichtigsten und umfangreichsten und größten Sprachförderprogramm ausgeschlossen. So vergehen zum Teil viele Jahre, ohne dass die Betroffenen professionelle Sprachförderung erhalten. Pro Asyl fordert deshalb den Zugang von Asylsuchenden zu Integrationskursen. Kurse von Ehrenamtlichen, die mindestens beim Erwerb von Grundkenntnissen weiterhelfen, sind wichtig, auch wenn sie professionelle Kurse nicht ersetzen können. Klaus  macht darauf aufmerksam, dass derzeit auch Menschen, deren Aufenthalt nur geduldet oder gestattet ist, zum Teil Zugang zu den Kursen der ESF-Bleiberechtsnetzwerke erhalten; siehe Karte unten. Überdies finanzieren Kommunen immer öfter selbständig Kurse, zum Teil werden Landesmittel zur Verfügung gestellt.

  • Zeugnisse, Abschlüsse


Die dritte große Hürde besteht im Nachholen von Schulabschlüssen. Ohne einen deutschen Schulabschluss ist es für junge Flüchtlinge kaum möglich, ihren Bildungsweg fortzusetzen oder eine Ausbildung aufzunehmen. Es kommen jedoch viele junge Menschen an, die nicht mehr regelschulpflichtig sind. Je nach Bundesland liegt das Alter hier bei 16 beziehungsweise 18 Jahren. Klaus  lobt das Bundesland Bayern, das eine flächendeckende Beschulung der 16- bis 25-Jährigen an Berufsschulen anstrebt und flächendeckend Flüchtlingsklassen eingerichtet hat. Pro Asyl empfiehlt  anderen Bundesländer, dies zum Beispiel zu nehmen und die Potentiale der jungen Erwachsenen zu fördern – im Sinne der Flüchtlinge ebenso wie der Wirtschaft und der zahlreichen Unternehmer, die nach Fachkräften und Auszubildenden suchen.

Weitere Informationen: PRO ASYL

An wen können sich Unternehmer wenden

Unternehmen können sich bei Fragen an die Landesnetzwerke des bundesweiten Förderprogramms „Integration durch Qualifizierung (IQ)“ oder an die Netzwerke des „ESF-Bundesprogramms zur arbeitsmarktlichen Unterstützung für Bleibeberechtigte und Flüchtlinge“ wenden. Eine Auswahl der einzelnen Stellen im Überblick.