Mittwoch, 05.09.2018
Tiger im Zank: Will keiner der Kontrahenten nachgeben und können sie sich nicht einigen, kann der Streit für beide schmerzhaft ausgeben.

Foto: Archna Singh/Thinkstock/Getty Images

Tiger im Zank: Will keiner der Kontrahenten nachgeben und können sie sich nicht einigen, kann der Streit für beide schmerzhaft ausgeben.

Personal
Geschwister und Konkurrenten

Warum Unternehmerfamilien besonders streitgefährdet sind

Gerade in Familienunternehmen kommt es oft zu Streitigkeiten zwischen Gesellschaftern. Einige Konfliktfälle lassen sich vermeiden oder entschärfen – aber manchmal hilft nur noch die Teilung des Unternehmens.

Familienunternehmen gelten gemeinhin als Erfolgsmodell. Doch gleichzeitig sind sie auch fragile Gebilde. Fühlen sich einzelne Mitglieder eines Familienverbands benachteiligt, können Zusammenhalt und Fürsorge schnell in Missgunst, Wut und Neid umschlagen. Streitigkeiten und Auseinandersetzungen sind gerade bei miteinander verwandten Gesellschaftern und Geschäftsführern keineswegs selten, sagt der Konfliktforscher Arist von Schlippe. „Bei rund 30 bis 35 Prozent aller Familienunternehmen entwickeln sich im Lauf der Zeit massive Konflikte“, schätzt der Psychologe und Psychotherapeut, der an der Universität Witten/Herdecke zu Familienunternehmen forscht. Das Konfliktpotential sei gerade deswegen so hoch, weil sich in Familienunternehmen fast zwangsläufig geschäftliche und private Belange miteinander vermischten. Vieles werde dadurch kompliziert.

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Damit eine Krisensituation gar nicht erst entsteht oder zumindest nicht eskaliert, kann es sinnvoll sein, konkrete Konfliktfälle im vorhinein juristisch zu klären und mögliche Folgeschritte vertraglich zu regeln. Auch welcher Gesellschafter oder Geschäftsführer für welchen Bereich im Unternehmen zuständig ist, lässt sich festlegen. Allerdings sollten diese Regelungen und ihre Konsequenzen im vorhinein wohl überlegt sein, sagt Rechtsanwalt Titus Walek, Spezialist für M&A und Gesellschaftsrecht bei der Kanzlei Graf von Westphalen: „Schließlich hat man dann auf den jeweils anderen Bereich wenig Einfluss und muss gegebenenfalls Entscheidungen des anderen akzeptieren, selbst wenn man sie für falsch hält.“ Gerade bei Themen, die von besonderer Wichtigkeit für das Unternehmen sind, sollte vorab definiert werden, ab wann die Zustimmung der anderen Geschäftsführer beziehungsweise der Gesellschafterversammlung eingeholt werden muss.

Wut, Eifersucht, Angst und Neid

Anlass zu Streitereien können auch ungleich verteilte Gesellschaftsanteile geben. Dort geht die Unzufriedenheit häufig von einem der Minderheitsgesellschafter aus, der kein Geschäftsführeramt innehat und daher wenig Einblick in das operative Geschäft der Gesellschaft hat. Walek rät Mehrheitsgesellschaftern in solchen Fällen zu regelmäßigen Reportings, um die „Asymmetrie der Informationen“ zwischen dem oder den geschäftsführenden Mehrheitsgesellschaftern und den „außenstehenden“ Minderheitsgesellschaftern abzumildern und dadurch Misstrauen vorzubeugen.

Doch wie die Konstellation im Einzelnen aus aussieht: Vertragsklauseln und Gesetze haben gerade in Familienunternehmen einen mächtigen Gegner: Emotionen. Wut, Eifersucht, Angst oder Neid walzen nicht nur die Vernunft nieder, sondern auch das Gefühl für Verantwortung, Loyalität – und Anstand. Solange man miteinander rede, gebe es noch eine Chance auf Einigung. Bei diesem schwierigen Dialog helfen können Menschen, denen beide Parteien vertrauen. Wo ein interner „Supervisor“ fehlt, können Familienunternehmen auch auf externe Hilfe zurückgreifen. Fast drei Viertel haben dafür schon einmal die Dienste eines Moderators oder Coaches in Anspruch genommen. Das ist das Ergebnis des aktuellen „Streitkulturindex“ der Forschungsstelle Wirtschaftsmediation und Verhandlung an der TH Köln, für den insgesamt 300 Unternehmen zu ihrem Umgang mit Konflikten befragt wurden. An Mediatoren wandten sich gut zwei Drittel, und die Hälfte suchte beim Haus- und Hofanwalt oder dem Steuerberater Hilfe. „Insbesondere die Arbeit der Moderatoren und Mediatoren wurde als hilfreich und wichtig bewertet“, resümiert Studienleiterin Ricarda Rolf. Schlichtungsstellen oder Schiedsgerichte seien dagegen sehr unpopulär, weil man durch den Schlichterspruch Kontrolle abgeben würde, so die Wirtschaftsrechtlerin weiter.

Doch nicht immer lassen sich Streitigkeiten in der Leitung von Familienunternehmen durch professionelle Hilfe aus der Welt schaffen. Eine Trennung sei dabei nicht zwangsläufig eine schlechte Lösung, betont Anwalt Mark Binz. Das gelte vor allem dann, wenn sie einvernehmlich erfolge: „Eine Pattsituation zwischen zwei gleichberechtigten Gesellschaftern oder Stämmen lässt sich elegant lösen, indem der eine den anderen ausbezahlt, am fairsten im Rahmen einer internen Auktion. Manchmal kommt auch eine Realteilung, gegebenenfalls mit Wertausgleich, in Betracht.“ Für die zweite Variante gibt es ein prominentes Beispiel: Weil sich die mittlerweile verstorbenen Aldi-Gründer Theo und Karl Albrecht Anfang der sechziger Jahre nicht einigen konnten, ob sie Tabakwaren in das Sortiment aufnehmen, gingen sie getrennte Wege. Heute sind Aldi Süd und Aldi Nord, gemessen am gemeinsamen Bruttoumsatz, die erfolgreichsten Discounter der Welt.


Wie ein Bruderstreit ein Familienunternehmen fast ruinierte und wie Mittelständler sich vor so etwas schützen können, lesen Sie in der Titelgeschichte der „Markt und Mittelstand“-Ausgabe September 2018, die am 7. September erscheint. Hier können Sie das Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.